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20 Jahre Microsoft Windows ME – ein Unfall der Geschichte

Günter Born
20 Jahre Microsoft Windows ME – ein Unfall der Geschichte

(Bild: VDB Photos/Shutterstock.com)

Am 14. September 2000 veröffentlichte Microsoft Windows ME, die letzte Version aus der 9x-Reihe. Ein Betriebssystem, das es eigentlich nie hätte geben sollen.

Kleiner Rückblick auf die Jahrtausendwende, die von den damals lebenden Zeitgenossen möglicherweise als etwas "Großes" empfunden wurde – wer erlebt schon einen Jahrtausendwechsel? Auf den Desktop-Computern der Republik, die damals mit 150 MHz Pentium CPUs und 32 bis 64 MByte RAM ausgestattet waren, werkelte Windows 98 oder die 2nd Edition-Variante. Im geschäftlichen Umfeld kam dagegen Windows NT zum Einsatz.

Die IT-Verantwortlichen brüteten 1999 über dem Year 2K-Problem (Jahr 2000-Problem). Es wurde befürchtet, dass viele Programme am 1.1.2000 ihren Dienst einstellten, weil Jahreszahlen in Datumsangaben mit zwei Ziffern codiert worden waren. Damals flossen zig Mannjahre in Software-Anpassungen und überall stellte sich die bange Frage: Streiken Neujahr 2000 die Züge und Geldautomaten? Glücklicherweise passierte, bis auf geringere Pannen, nichts dergleichen. Aber das ist der historische Kontext, den man zur Einführung von Windows ME (das ME steht für Millennium Edition, die Jahrtausend-Ausgabe) im Hinterkopf behalten sollte.

Die Planungen Microsofts sahen eigentlich vor, dass Windows 98 die 9x-Betriebssystemreihe abschließen sollte. Als Nachfolger für Consumer und Business-Anwender war ein 'neues Windows' – das spätere Windows 2000 – geplant, welches die Betriebssystemlinien Windows NT und Windows 9x zusammen führen sollte. Massive Verzögerungen in diesem Projekt bewirkten im März 1999, dass eine Entwicklergruppe aus dem Windows 2000-Entwicklerteam abgespalten wurde.

Dieses neue Team sollte einen 'Windows 2000-Ableger für Heimanwender' als Nachfolger von Windows 98 entwickeln. Am 7. April 1999 kündigte Microsoft dann überraschend einen Windows 98-Nachfolger mit der Bezeichnung Windows ME an. Grund für diesen Schwenk: Die Hardware-Anforderungen von Windows 2000, welches übrigens bereits zum 17. Februar 2000 freigegeben wurde, waren einfach zu hoch. Auch war die Windows 2000-Hardware-Unterstützung zu gering, um im Markt der Heimanwender punkten zu können.

Am 23. Juli 1999 gab es die erste Beta-Version von Windows ME, und ein gutes Jahr später, am 14. September 2000, wurde Windows ME veröffentlicht [1]. Die Anforderungen an die Hardware sahen damals mindestens einen '150 MHz schnellen' Intel Pentium Prozessor, gigantische 32 Megabyte Arbeitsspeicher, 320 Megabyte freien Speicherplatz auf der Festplatte, eine VGA-Grafikkarte und ein Disketten- oder CD-Laufwerk vor.

Die Benutzeroberfläche des neuen Windows ME war zwar größtenteils an Windows 2000 angelehnt, das Betriebssystem setzte aber weiterhin auf einem MS-DOS als Grundgerüst auf. Nur bekam der Benutzer davon nichts mit, da Windows automatisch gestartet wurde und der MS-DOS-Modus aus Windows 98 entfiel. Für die Chronik: Das neue Betriebssystem konnte damals mit dem Internet Explorer 5.5 aufwarten, denn die Welt war 'im Internet' angekommen.

Bei den Spielen kamen 3D Pinball, Spider Solitär und einige einfache Online-Spiele hinzu. Letztere ließen sich nur bei bestehender Internetverbindung spielen – in Zeiten von Einwählverbindungen per Modem oder ISDN für manchen Gamer nicht nur eine finanzielle Herausforderung. DSL war in Deutschland von der Telekom erst im Juli 1999 eingeführt worden und noch nicht sehr verbreitet. Auch Multimedia-mäßig hatte Microsoft sein Windows aufgerüstet, und neben DirectX 7.0 den Windows Media Player 7.0 sowie das einfache Videoschnittprogramm Windows Movie Maker integriert. Scanner ließen sich über die neue WIA 1-0Schnittstelle direkt ansteuern.

Neu an Windows ME war zudem die Systemwiederherstellung, die allerdings ab dem 8. September 2001 wegen eines Bugs beim Wiederherstellen scheiterte. Auf Dateisystemebene gab es erstmals Unterstützung für ZIP-Archivdateien, so dass man nicht mehr auf externe ZIP-Programme angewiesen war. Zu nennen wäre auch die erweiterte Hilfefunktion, die Informationen aus dem Internet mit einbeziehen konnte.

Der Preis der Vollversion von Windows ME war mit umgerechnet 205 Euro schon heftig. Allerdings gab es vergünstigte Upgrade-Angebote für Windows 95- (118 Euro) und Windows 98-Besitzer (76 Euro), so dass doch einige Kopien auf den Systemen der Anwender landeten. In den ersten drei Tagen nach Verkaufsstart gingen aber nur 200.000 Exemplare über den Tresen. Windows 98 kam in den ersten vier Tagen auf 530.000 verkaufte Boxen.

Nicht nur die Wikipedia weiß von einer zunächst gemischten Resonanz auf das neue Betriebssystem [2] zu berichten. Zahlreiche Fehler ließen das Bild aber schnell kippen. Ein am Tag der Betriebssystemfreigabe bekannt gewordener Bug ermöglichte einen Absturz von Windows ME herbeizuführen. Auch Treiber- und Anwendungsinkompatibilitäten führten häufiger zu Abstürzen und Bluescreens sowie Frust bei der Anwenderschaft.

Das deckt sich mit den Erinnerungen des Autors dieses Artikels. Windows ME rangiert, neben Windows 98 SE, in der Gruppe der nicht produktiv genutzten Microsoft-Betriebssysteme ganz oben. Windows ME wurde zwar auf einer Windows 98-Maschine installiert, um diverse Bücher, u.a. "Das Handbuch" für Microsoft Press zu schreiben. Da das System aber niemals stabil lief und sich häufiger durch BlueScreens verabschiedete, wurde Windows ME nach Abschluss der Buchprojekte wieder gelöscht. Es gab zwar für einige Zeit ein vom Discounter für Testzwecke erworbenes Desktop-System, welches mit Windows ME ausgeliefert worden war. Am 1. Oktober 2001 kam aber schon Windows XP auf den Markt, welches Windows ME auf diesem System ablöste.

Siehe dazu auch:

(emw [4])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4892729

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/meldung/Windows-ME-im-Supermarkt-30502.html
[2] https://www.heise.de/ct/artikel/Millennium-vermessen-287810.html
[3] https://www.heise.de/download/specials/Windows-History-Die-Geschichte-des-Betriebssystems-3148952
[4] mailto:emw@heise.de