25 Jahre Gnome: Permanenter Unruhezustand

Mit 42 Ausgaben in einem Vierteljahrhundert ist der Gnome einer der dienstältesten Linux-Desktops. Die letzten Jahre waren dabei von einer Selbstsuche geprägt.

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Aufmacher 25 Jahre Gnome

(Bild: Gnome Foundation)

Von
  • David Wolski
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Auch Gnome fangen einmal klein an: Als die beiden Studenten Miguel De Icaza und Federico Mena am 15. August 1997 die Entwicklung einer freien Desktop-Umgebung ankündigten, verfügte diese nicht mal über ein eigenes Toolkit. Stattdessen drehte sich die Idee hinter dem neuen Desktop GNOME, damals kurz für "GNU Network Object Model Environment", um das komplett freie Toolkit GTK+, welches erst ein Jahr zuvor fertig geworden war und von der Grafikbearbeitung Gimp stammte.

Auch wenn der Anfangsbuchstabe in GTK heute mit Gnome assoziiert ist, so stand er ursprünglich für das Grafikprogramm Gimp, deren Macher einen freien Ersatz für das kommerzielle Toolkit Motif benötigten. GTK steht heute als Projekt unter Ägide der Gnome Foundation. Und beide, sowohl Desktopumgebung als auch das damit heute eng verwobene Toolkit, haben in den über zwei Jahrzehnten auch immer wieder Skepsis und Kritik auf sich gezogen: Zu inkonsistent seien neue Versionen in Bezug auf die Vorgänger, zu abrupt werden tief schneidende Entscheidungen gefällt. Denn was Gnome und GTK ausmacht, ist die Lust, an den eigenen Grundfesten zu rütteln – was für Anwender und Entwickler durchaus anstrengend sein kann.

Von der Ankündigung auf Mailingslisten bis zur ersten brauchbaren Ausgabe, Gnome 0.3, sollte es trotz schon vorhandenem Toolkit noch über ein Jahr dauern. Die Version 0.3 war, wie auch Gimp den Motif-Desktops wie CDE, noch sehr ähnlich, definierte aber schon seine damals traditionellen Desktop-Elemente wie Anwendungsmenü, Panel und Panel Applets sowie Einstellungen mit ersten Themes.

Es gab mit GMC einen eigenen Dateimanager, Login-Manager und einen Vorläufer des Gnome Virtual File Systems. Für ein kleines Entwicklerteam waren Aufbau und Pflege allein dieser Komponenten schon eine gewagt ambitionierte Zielsetzung. Laut Jonathan Blandford, einem Gnome-Entwickler der ersten Stunde, versprach Miguel de Icaza intern stets, jeweils alles in sechs Wochen machen zu können: eine Tabellenkalkulation für Gnome, ein Dateimanager und mehr.

25 Jahre Gnome (6 Bilder)

Gnome 1.0 in Red Hat Linux 5.2

Nach einem Programmiermarathon gelang es dem noch kleinem Entwicklerteam den Desktop fit für  Firmendesktops zu machen und die weitere Unterstützung durch Red Hat zu sichern. (Bild: Gnome Foundation)

Nach der besagten Zeit waren immer mehr beeindruckende Anfänge zu sehen, etwa der Vorläufer von Gnumeric, aber auch ein tüchtig missratener Dateimanager namens GMC, welcher dem Midnight Commander nachempfunden war. Nach den ersten sechs Wochen verbrachte das Team laut Jonathan Blandford die nächsten sechs Monate mit Bug-Fixing, damit die Programme zumindest nicht mehr dauernd abstürzten.

Auch wenn noch nicht alle Teile der Desktop-Umgebung funktionierten, so ließen die Anfänge schon Großes erahnen. Und so gelang es Miguel de Icaza schon früh, Red Hat für Gnome zu interessieren, mit einem Verweis auf die damals restriktive Lizenz von Qt seitens Trolltech. Auch nach der Aufweichung und Öffnung der proprietären Qt-Lizenz im Jahr 1998 blieb Red Hat bei seiner Unterstützung für Gnome, auch um sich von anderen Linux-Distributionen auf dem Desktop zu unterscheiden.

Ohne diese Entscheidung wäre der Gnome-Desktop schon in seiner Entwicklungsphase stecken geblieben. Red Hat wollte aber auch sichergehen, auf die richtige Umgebung gesetzt zu haben und kam 1998 auf die Gnome-Entwickler mit einer knallharten Deadline zu: Das Team hatte 36 Stunden Zeit, einen funktionierenden Gnome-Desktop als Demo für die Geschäftsführung zu bauen. Das Kunststück gelang, nicht zuletzt wegen eines neuen Theming-Systems, das Gnome und GTK+ ein modernes Gewand überwarf.

Nachdem die weitere Unterstützung damit gesichert war, konnte Gnome 1.0 schließlich 1999 zur Linux Expo von der Free Software Foundation vorgestellt werden – inklusive dem Dateimanager GMC, der laut den damals anwesenden Gnome-Entwicklern bei der Präsentation jeden Verzeichniswechsel mit einem Segfault quittierte. Die anschließende Gnome-Presskonferenz wurde dann von einem Wortgefecht zwischen Richard M. Stallman und den Pressevertretern der New York Times überschattet, es heiße gefälligst "GNU Slash Linux" – und nicht anders!