30 Jahre Game Boy – der minimalistische Klassiker

Überrascht von niedlichen Taschenmonstern

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In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre verhilft ein weiteres Spiel dem Game Boy zu neuem Glanz: "Pokémon". Das Rollenspiel um niedliche Taschenmonster ist ein enormer Überraschungserfolg, das sich zu einer der erfolgreichsten Spielereihen entwickelt und mit seinen Sammelkarten, Kinofilmen und Merchandising zu einer der stärksten Marken der Unterhaltungsindustrie heranwächst.

Doch nicht nur Kinder spielen mit dem Game Boy. Nintendo fällt auf, dass sich auch Manager auf ihren Flügen die Wartezeit mit dem nüchternen grauen Gerät vertreiben, und gestaltet Werbekampagnen, um auch diese Zielgruppe anzusprechen. Ein Glückstreffer sind Aufnahmen, die den damaligen US-Präsidenten George H. W. Bush 1991 im Krankenhaus zeigen – mit einem Game Boy.

Im Laufe der Jahre wird das Handheld immer mal weiterentwickelt. 1996 kommt der Game Boy Pocket auf den Markt, der eine kleinere Form hat. 1998 erscheint, nur in Japan, der Game Boy Light mit einer Hintergrundbeleuchtung. Im gleichen Jahr wird der Nachfolger veröffentlicht: der Game Boy Color. Das erste Mobilgerät von Nintendo mit Farbbildschirm liest die Module des Ur-Geräts, die allerdings nur in vier Farben dargestellt werden. Stellenweise ist das Spieleangebot verwirrend: Die meisten Color-Spiele laufen auf dem Schwarzweiß-Gerät, aber nicht alle; und von manchen Titeln erscheinen separate Editionen für beide Geräte.

Pfiffiges Zubehör verbessert den Spielspaß. Das vielleicht wichtigste wird zunächst beigelegt: ein Linkkabel, um zwei Game Boys miteinander zu verbinden. Manche Spiele unterstützen sogar vier Teilnehmer, einen entsprechenden Adapter vorausgesetzt; "Faceball 2000" lädt gar bis zu 16 Spieler ein.

Mit dem Super Game Boy lassen sich Module auf dem Super Nintendo und damit in Farbe auf dem Fernseher spielen. Cheatmodule wie der Xploder von Drittherstellern manipulieren den Arbeitsspeicher, um unverwundbar zu spielen, mehr Geld zu erhalten oder um Spielcharaktere freizuschalten.

Mit findigen Lösungen beleuchtet man den Hintergrund. Beliebt sind kleine Anstecklampen, ähnlich den Leseleuchten für Bücher. Es gibt außerdem ganze Gestelle, um den Game Boy mit einer Lampe und einer Lupe zu versehen.

Das ikonischste Zubehör ist die Kombination aus Kamera und Drucker. Die aufsteckbare Game Boy Camera, 1999 ins Guinness-Buch der Rekorde als kleinste Digitalkamera der Welt aufgenommen, nimmt Bilder in der Auflösung von 128 × 112 Punkten in vier Graustufen auf, die gespeichert und zu kurzen Animationen verbaut werden können. Der Game Boy Printer wiederum gibt die Bilder auf selbstklebenden, farbigen Thermopapierrollen aus.

2001 erscheint der Game Boy Advance. Er verabschiedet sich von der betagten 8-Bit-Technik und ist mit einem 32-Bit-RISC-Prozessor ausgestattet. Die Spielmodule sind kleiner und fassen natürlich mehr Speicher. Dennoch bleibt der GBA kompatibel zu seinen Vorgängern und kann deren Module abspielen. 2003 folgt der GBA SP mit Klappbildschirm und Frontlicht, das 2005 durch ein Hintergrundlicht ersetzt wird. Der gleichzeitig vorgestellte niedliche Game Boy Micro, das kleinste Modell der Familie, gerät zum Misserfolg: Als erstes Handheld ist es nicht abwärtskompatibel, liest also keine Module des Game Boy und Game Boy Color.

Nach 15 Jahren wird die Ära Game Boy 2004 endgültig abgelöst durch den Nintendo DS, wenngleich er weiterhin GBA-Spiele unterstützt. Mit DS Lite, DSi und DSi XL erscheinen allerlei Varianten, bis 2011 die aktuelle Modellserie um den 3DS mit 3D-Effekt erscheint.

Der alte Game Boy gerät darüber nicht in Vergessenheit. Es gibt eine aktive Homebrew-Gemeinde, die neue Spiele entwickelt und Originalspiele farblich verbessert. Vor allem fertigt sie Übersetzungen von Spielen an, die nur in Japan erschienen sind, oder kreiert Remixe, bei denen sich etwa die Spielwelt oder die Grafik oder die Musik verändert. Diese Hacks können, etwas zwielichtig, per Emulator am PC oder mit Hilfe eines Flash-Moduls am Originalgerät gespielt werden können.

Der Game Boy ist fester Bestandteil der Chiptunes-Szene, meint Thorsten Türksch, Veranstalter des Ohrbit-Festivals: "Wie auch andere Konsolen und Handhelds verzaubert er uns bis heute mit einer speziellen, minimalistischen Klangästhetik mit einem hohen Wiedererkennungswert. Der Game Boy wird von Künstlern und Fans der Szene geschätzt." Für den Musiker Tronimal, bürgerlich Jörg Rittershaus, hat der Game Boy als seine erste eigene Konsole nicht nur ideellen Wert. Er mag die technischen Einschränkungen, die eine Herausforderung darstellen: "Der Soundchip ist mit seinen vier verfügbaren Kanälen doch recht eingeschränkt. Da allerdings jeder Kanal unterschiedliche Eigenschaften bietet, lassen sich aber sehr überraschende Ergebnisse erzielen. Vor allem der sogenannte Wave-Channel bietet vergleichsweise große Möglichkeiten im Sound-Design. Hier lassen sich sogar eigene Wellenformen, in 32 Schritten, zeichnen und Audio-Samples importieren." Sein Album "Hello_World" ist sogar in Kleinauflage auf einem Modul erschienen. Als Hilfsmittel beliebt sind vor allem die Tracker-Software "Little Sound Dj" und der Step-Sequenzer "Nanoloop". (tiw)