3D-Software Blender 2.90: Schneller rendern, besseres Teamwork

Blender 2.90 kommt mit optimierter Oberfläche, rendert Bewegungsunschärfe deutlich schneller und hebt Beschränkungen beim Denoising auf.

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(Bild: Gottfried Hofmann)

Von
  • Gottfried Hofmann

Mit Blender 2.90 läutet die Blender-Foundation einen neuen Entwicklungszyklus des Open-Source-Modelers und -Renderers ein. Die Entwickler haben mal wieder viel Arbeit unter der Haube vollbracht und damit auch solide Fundamente für die Zukunft geschaffen.

Die Oberfläche von Blender wurde an vielen Stellen vereinheitlicht und optimiert, das Zusammenspiel mit anderen Programmen klappt besser und es gibt zahlreiche neue Features. Der 2.9er-Zyklus dauert voraussichtlich ein dreiviertel Jahr und endet mit der Long-Term-Support-Version 2.93.

Wenn man mit der Pathtracing Render Engine Cycles ein Bild erzeugt, zeigt sich zunächst ein starkes Rauschen, das zunehmend aufklart, je länger der Computer daran arbeitet. Dieser Effekt entsteht, weil Cycles zahllose Strahlen in die Szene schickt, die diese nach und nach abtasten beziehungsweise sampeln. Ein Denoiser rechnet das Rauschen im Nachhinein heraus, wodurch man schneller eine Vorschau auf das Ergebnis erhält.

In Blender 2.90 kann man das Denoising jetzt direkt in der Viewportvorschau nutzen: Man kann die Szene also bereits ohne Rauschen betrachten, bevor man den finalen Render einschaltet. Dabei stehen OpenImageDenoise sowie der Denoiser von nVidia zur Wahl. Ersterer funktioniert mit jeder CPU, die SSE 4.1 oder höher unterstützt. Die nVidia-Variante arbeitet über das OptiX-Backend. Auf dieses können jetzt alle nVidia-GPUs zugreifen, die OptiX unterstützen. Dazu gehören außer den aktuellen RTX-Modellen auch die Karten der GeForce 700, 800, 900 und 1000er-Serie. Auf hardwarebeschleunigtes Raytracing muss man mit diesen Karten allerdings verzichten.

Beim Rendern auf der CPU verwendet Cycles jetzt Intel Embree, wodurch es insbesondere Szenen mit Bewegungsunschärfe deutlich schneller berechnet. Eine Szene aus der Animation "Agent 327 – Operation Barbershop" konnten die Entwickler dadurch in fünf Minuten statt vorher 55 Minuten rendern. Szenen mit hoher Komplexität (ohne Bewegungsunschärfe) können von Embree ebenfalls profitieren, wobei hier eher eine zehnprozentige statt zehnfache Steigerung zu erwarten ist.

Blender-Workshop

Wer einen Himmel für seine Szene braucht, fand dafür in Blender bisher zwei verschiedene prozedurale Texturen vor. Beiden fehlte allerdings die Sonnenscheibe, wodurch die Szene nur eine indirekte Beleuchtung erhielt. Eine Sonne konnte man nur separat als Light Object hinzugefügen und im Winkel manuell an den Himmel angepassen. In Blender 2.90 hat Cycles jetzt zusätzlich eine verbesserte Version des Nishita-Himmelsmodells erhalten, inklusive Sonnenscheibe und Effekten wie Randverdunkelung. Dadurch ist eine realistische Beleuchtung der Szene ausschließlich über die Himmelstextur möglich. Die beiden Himmelstexturen ohne Sonne können nun auch in der echtzeitfähigen OpenGL-Render-Engine Eevee genutzt werden.

Der Barcelona-Pavillon von eMirage, mit der neuen Sky Texture in eine Abendstimmung versetzt.

(Bild: eMirage)

Auch die Darstellung und Berechnung von Bewegungsunschärfe wurde in Eevee von Grund auf neu implementiert. Sie unterstützt jetzt Haare sowie Objekte, die sich verformen. Über Zwischenschritte folgt die Bewegungsunschärfe jetzt auch folgen und liefert bei sich drehenden Objekten ein korrektes Ergebnis. Durch die Umstellung auf Embree wurde auch die Basisgeometrie von Haaren angepasst.

Eine Rigid Body-Simulation mit Bewegungsunschärfe, gerendert in Eevee mit 32 Zwischenschritten.

(Bild: Blender.org)

Eevee wird auch bei der noch experimentellen Virtual Reality Scene Inspection genutzt, über die man seine Blenderszenen mit VR-Brillen ansehen kann. Dabei wurden die Möglichkeiten zur Platzierung von Landmarks beziehungsweise Aussichtspunkten deutlich aufgebohrt.

Wenn man beim Videoschnitt mit dem Video Sequence Editor die Geschwindigkeit eines Clips verändert, kann Blender jetzt zwischen den Frames interpolieren. Bisher wurden die Einzelbilder nur dupliziert oder entfernt. Jetzt berechnet die Software auch Zwischenbilder, wodurch der Effekt deutlich realisitischer ausfällt.

Der Motion Tracker in Blender hat ein neues Modell für die Berechnung von Linsenverzerrung erhalten, das genau so auch in den Compositing-Programmen Nuke und Natron eingesetzt wird. Dadurch ist es möglich, in Blender das Camera Tracking durchzuführen sowie virtuelle Objekte zu rendern und diese dann in Nuke mit dem ursprünglichen Videoclip zusammenzufügen.

Den Import und Export in die modernen Austauschformate Alembic und glTF 2.0 haben die Entwickler ebenfalls deutlich aufgebohrt und der Alembic Exporter wurde an den Exporter in die Universal Scene Description Language (USD) angepasst. Letzterer kann jetzt verschachtelte Instanzen korrekt ausgeben.

Die Funktion Mantaflow zur kombinierten Simulation von Flüssigkeiten und Gasen kommt in Blender 2.9 mit weniger Cachedateien aus, da sie Partikeldaten nicht mehr separat ablegt. Beim Caching werden die Ergebnisse von Physikberechnungen als Dateien gespeichert und bei Bedarf wieder abgerufen. Wenn man eine auf diese Art abgespeicherte Simulation lädt, lässt sich auch der Starzeitpunkt verschieben. Das RAW-Format für den Cache wurde abgeschafft, zur Wahl stehen nur noch das Blender-eigene "Uni"-Format und der Industriestandard OpenVDB.

Darüber hinaus besitzt Mantaflow keine eigene Gravitation mehr, sondern übernimmt diese aus der Blender-Szene, wodurch sich das Verhalten der Simulation gegenüber der 2.8xer-Serie von Blender ändern kann. Feuer- und Rauchsimulation zeigen jetzt im Viewport das gleiche Shading unabhängig von der Art des Caches.

Der Ocean Modifier, der die Bewegung der Oberfläche großer Wasserkörper wie Meeren oder Seen simuliert, erlaubt jetzt auch die Ausgabe von Spray Maps. Diese beschreiben die Richtung und Geschwindigkeit von Wassertropfen, die zum Beispiel dann entstehen, wenn zwei Wellen aufeinandertreffen. Das in die Jahre gekommene Partikelsystem von Blender kann mit diesen Information aber noch nichts anfangen. Ein runderneuertes Partikelsystem, das mit solcherlei Daten umgehen kann, ist aber in Arbeit und könnte schon in Version 2.91 in experimenteller Form Einzug halten.

Videokurs: Blender für Maker

Im Make-Videokurs zeigt der bekannte Buchautor und Blender-Tutor Carsten Wartmann anhand verschiedener kleiner Maker-Projekte, wie man das Open-Source-3D-Softwarepaket Blender für CAD-Aufgaben wie das Konstruieren eigener Vorlagen etwa für den 3D-Druck oder das CNC-Fräsen produktiv nutzen kann.

Beim UV-Editing wird definiert, wie sich ein zweidimensionales Bild – eine sogenannte Textur – auf einen dreidimensionalen Körper legt. Um Verzerrungen zu vermeiden, kann man jetzt auf verschiedene Arten die kürzesten Pfade zwischen zwei Auswahlen im UV-Layout selektieren. Außerdem lassen sich UV-Segmente über das Rip-Werkzeug genauso auftrennen, wie es zuvor schon mit Meshes im Edit Mode möglich war. Im Edit Mode lässt sich einstellen, dass beim Bearbeiten eines Objekts automatisch auch die UV-Koordinaten angepasst werden. Dadurch kann man sich einen erneuten UV-Unwrap sparen, wenn man Veränderungen an einem Objekt vornimmt.

Beim Sculpting arbeitet man ähnlich wie beim Töpfern mit Ton und Lehm in der realen Welt. Die dafür benötigten hochaufgelösten Meshes kann man über den Multiresolution Modifier erzeugen, indem man das Objekt in mehreren Schritten immer feiner unterteilt. In Blender 2.90 können diese Unterteilungen jetzt von jedem beliebigen Level aus neu erzeugt werden, wodurch es möglich ist, Objekte aus anderer Sculpting-Software zu importieren und Anpassungen auf jedem Level vorzunehmen.

Der Cloth Filter erlaubt jetzt das Ausführen einer richtigen Stoffsimulation direkt im Sculpting-Modus. Dabei kann über Face Sets kontrolliert werden, welche Stellen des Objekts von der Simulation beeinflusst werden. Der Pose Brush kann jetzt ebenfalls über Face Sets kontrolliert werden, wodurch sich einfache Rigs erzeugen lassen.

Mit dem Annotate-Werkzeug lassen sich Kommentare und Notizen direkt in den 3D-Raum zeichnen. Diese glättet Blender auch automatisch, sodass mit der Maus gezeichnete Anmerkungen nicht mehr krakelig aussehen. Über das Annotate-Werkzeug gezeichnete gerade Linien können jetzt mit Pfeilspitzen versehen werden.

Der neue About-Dialog zeigt die wichtigsten Informationen über die Blenderversion, die man etwa bei einem Bugreport angeben muss, in kompakter Form an. Checkboxen sind jetzt kompakter und logischer gruppiert. Wenn man etwa Shader Nodes im Material Editor bearbeitet, erkennt man den Datentyp der einzelnen Eigenschaften anhand der Farbe der Sockets, die zudem nach links gewandert sind. Dadurch ähneln sich jetzt endlich die Darstellungen im Material- und Node Editor.

Links die Principled BSDF im Shader Node Editor, rechts im Material Properties Editor. Durch die Farbkodierung und Platzierung der Sockets wird jetzt deutlicher, dass die Darstellungen äquivalent sind.

(Bild: Gottfried Hofmann)

Die Statistiken zur Szene, in der unter anderem die Anzahl der Objekte, Punkte, Kanten und Flächen aufgelistet werden, zeigt Blender nicht mehr dauerhaft im Footer rechts unten an, sondern schaltet sie als Wunsch als Overlay über den 3D Viewport zu.

Modifier und Constraints können in Blender 2.90 per Drag and Drop in ihrer Reihenfolge geändert werden. Zusätzlich haben die Entwickler deren Layouts vollständig überarbeitet, sodass sie sich nun besser in den Rest des Interfaces einfügen. Für die Arbeit mit Modifiern wurden zudem Tastenkürzel eingeführt und man kann das Ergebnis eines Modifiers jetzt in einem Shapekey speichern, ohne dass der Modifier angewendet werden muss.

Editorfenster lassen sich einfacher in ihrer Größe anpassen und der Dateibrowser von Blender kann unter Windows mit Verknüpfungen umgehen. Außerdem wurde die Darstellung von verlinkten Elementen in einer Blenderdatei verbessert.

Außer den hier dargestellten Neuerungen finden sich noch zahllose weitere Änderungen, die es nicht in den Artikel geschafft haben. Blender 2.90 läuft unter Windows, Mac OS und Linux und steht ab sofort zum Download bereit. In den ausführlichen Release Notes werden einige der neuen Features interaktiv demonstriert.

Siehe dazu auch:

(atr)