5G-Netze und Huawei: Britische Regierung vor der Kehrtwende

Der US-Druck zeigt Wirkung: London überdenkt seine Risikobewertung und steht offenbar kurz davor, Huawei doch ganz aus 5G-Netzen zu verbannen.

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(Bild: heise online/vbr)

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In Großbritannien dreht sich für den in die Kritik geratenen chinesischen Ausrüster Huawei offenbar der Wind. Während sich die Regierung in London zum Missfallen des engen Bündnispartners USA bisher nicht auf ein Verbot von Huawei-Technik in kritischer Infrastruktur festlegen wollte, deutet sich Medienberichten zufolge nun ein Kurswechsel an. Demnach könnte Premierminister Boris Johnson noch im Juli neue Pläne vorstellen, denen zufolge Huawei-Technik aus den britischen Mobilfunknetzen verschwinden soll.

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Ein Grund für den Stimmungswandel seien Zweifel, dass Huawei angesichts der schweren US-Sanktionen verlässlich liefern könne, berichtet unter anderem die Financial Times. Hintergrund ist eine Warnung des National Cyber Security Centre (NCSC) an die Netzbetreiber, dass sie ausreichend Equipment vorhalten sollten, um den Netzbetrieb garantieren zu können. Das NCSC habe ernsthafte Zweifel aufkommen lassen, dass Huawei seinen Zulieferpflichten angesichts der US-Sanktionen auf Dauer nachkommen könne, hieß es aus Regierungskreisen.

Vor dem Hintergrund des Handelskriegs zwischen den USA und China hat die US-Regierung ihre Maßnahmen gegen Huawei im Mai verlängert und noch einmal verschärft. Huawei ist damit von der Versorgung mit verschiedenen Chips für seine Produkte abgeschnitten. Auch große Chiphersteller wie TSMC dürfen nicht mehr für Huawei fertigen, weil beim Herstellungsprozess US-Technologie zum Einsatz kommt. Der chinesische Ausrüster hat eigenen Angaben zufolge bereits 2019 damit begonnen, massive Chip-Vorräte anzulegen. Dennoch treffen die US-Sanktionen das Unternehmen hart.

Die neuen Sanktionen hätten unmittelbare Auswirkungen auf Huawei, warnt das NCSC, das das von Huawei-Technik ausgehende Risiko bisher noch für beherrschbar gehalten hatte. Wenn Huawei gezwungen werde, auf Alternativen zu setzen, könne das Risiko unkalkulierbar werden. Ein entsprechender Bericht der Cybersicherheitsexperten, die zum britischen Geheimdienst GCHQ gehören, soll einem Bericht des Telegraph zufolge in dieser Woche dem Premierminister vorgelegt werden.

Verteidigungsminister Ben Wallace sagte in der BBC, dass die US-Sanktionen offenbar gezielt ausgestaltet wurden, um die Briten umzustimmen. Die Regierung von Premierminister Boris Johnson hatte noch im Januar beschlossen, dass Huawei sich unter Einschränkungen am Ausbau der 5G-Mobilfunknetze in Großbritannien beteiligen darf. Anbieter, die als risikobehaftet gelten, sollen lediglich von Kernbereichen des Netzes ausgeschlossen werden. Damit wäre der Weg für die Verwendung von Huawei-Technik zumindest in Teilen der Infrastruktur frei gewesen.

Huawei weist die Befürchtungen über eine zu große Nähe zur Regierung in Peking ebenso zurück wie die von den USA erhobenen, bisher unbewiesenen Spionagevorwürfe. "Huawei ist der am strengsten untersuchte Zulieferer der Welt", erklärte das Unternehmen gegenüber britischen Medien. "Wir sind der festen Überzeugung, dass unsere unübertroffene Transparenz in Großbritannien bedeutet, dass man uns bei der Gigabit-Aufrüstung Großbritanniens weiterhin eine Rolle anvertraut." Es sei nun wichtig, "sich auf Fakten zu konzentrieren" und nicht zu spekulieren.

Der Kurswechsel der britischen Regierung kommt die Mobilfunk-Provider des Landes teuer zu stehen. Da die vierte Mobilfunkgeneration 4G (LTE) und 5G technisch aufeinander aufbauen, kann vorhandene LTE-Technik von Huawei vergleichsweise einfach auf 5G aufgerüstet werden. Will man im 5G-Netz Huawei jedoch als Anbieter ausschließen, müssen auch 4G-Anlagen von Huawei im Rahmen der 5G-Aufrüstung entfernt werden, obwohl die eigentlich noch voll funktionsfähig sind. Daher wehren sich auch die Provider in Deutschland dagegen, Huawei aus dem Kreis der Wettbewerber zu verbannen.

(Mit Material der dpa) / (vbr)