9-Euro-Ticket: Fahrgastverband Pro Bahn sieht Gerechtigkeitslücken bei Planung

Weder wurden Fernverkehr-, noch die große Gruppe der Wochenend-Pendler berücksichtigt. Die Fahrradmitnahme für Ausflügler könnte auch zu Frustmomenten führen.

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(Bild: DS_93/Shutterstock.com)

Von
  • Kristina Beer

Die Kritik am 9-Euro-Ticket reißt nicht ab. Während der Tankrabatt für alle Personen mit Verbrenner-Fahrzeug in Deutschland gelten wird, werde das geplante 9-Euro-Ticket aus Sicht des "Fahrgastverband Pro Bahn" nur für einige Menschen eine Option sein und manche Bahn-Pendler wurden erst gar nicht berücksichtigt.

Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Verbands, erklärte gegenüber der dpa, dass es Personengruppen gibt, die vergessen wurden. Hier zeige sich "eine große Gerechtigkeitslücke".

Der Entwurf der Bundesregierung habe etwa Beschäftigte nicht berücksichtigt, die täglich mit dem ICE zur Arbeit fahren. Als Beispiel nannte er Fahrten von Berlin nach Wolfsburg, von Köln nach Montabaur oder von Kiel nach Hamburg. Die größte vergessene Gruppe seien aus seiner Sicht aber die Wochenendpendler, wie etwa Studierende. Ein großes Gerechtigkeitsproblem ergebe sich aber auch da, wo der Umstieg auf Busse und Bahnen gar nicht möglich sei.

Eine weitere Schwierigkeit könne die Überlastung von bereits gut genutztem ÖPNV sein. Naumann glaubt, dass vor allem die Beschäftigten von dem Ticket profitieren könnten, die gegen den Strom unterwegs sind – also zum Beispiel antizyklisch zu den großen Pendler-Bewegungen fahren. Weitere Profiteure seien aus seiner Sicht Tagesausflügler, die sich aber ebenfalls auf volle Züge einstellen müssten. "Es gibt nicht viele Möglichkeiten, zusätzliche Züge zu bestellen", so Naumann. Besonders brenzlig könnte es werden, wenn Tagesausflügler auch ihr Fahrrad mitnehmen wollen, erklärte der Verband noch Ende vergangener Woche in einer Pressemitteilung.

Um Konflikte bei der Fahrradmitnahme zu vermeiden, sollten die Verkehrsverbünde deshalb fünf Maßnahmen umsetzen: Hoch ausgelastete Züge markieren, weniger ausgelastete Routen empfehlen, das Angebot an Radbussen ausbauen und sowohl die Zustiege mit Fahrrad an einigen Routen begrenzen und auch die Zeitfenster zur Fahrradmitnahme einschränken.

Einige dieser Maßnahmen würden bereits von verschiedenen Verkehrsverbünden umgesetzt und sollten zur Frustvermeidung angewandt werden. Technische Möglichkeiten, wie etwa eine befristete Reservierungspflicht zur Fahrradmitnahme, würden an der "zu langsamen IT-Entwicklung der Deutschen Bahn" scheitern.

Insgesamt macht der Verband klar, dass die jetzt skizzierten Probleme, auf den zu lange vernachlässigten Ausbau des ÖPNV zurückgehen. Wie der stellvertretende Bundesvorsitzende von Pro Bahn, Dr. Lukas Iffländer, unterstreicht, gäbe es akut "leider nur Pest-oder-Cholera-Lösungen. Für die nächsten Jahre muss es aber heißen: mehr und längere Züge, zusätzliche Gleise und längere Bahnsteige sowie ausreichend Personal. Ziel muss sein, dass wir beim nächsten Neun-Euro-Ticket nicht mehr warnen müssen, sondern überzeugt sagen können: ‚Das steckt das System locker weg!" Heute solle das 9-Euro-Ticket zeigen, dass es einen Bedarf für öffentlichen Verkehr gibt, "wenn dieser günstig und mit einem Tarif angeboten wird, den man ohne langes Studium versteht".

Ob das 9-Euro-Ticket tatsächlich kommt, ist momentan aber noch unsicher. Zwischen Bund und Ländern herrscht momentan Streit, wer welche Kosten tragen wird. Der Bund hat via Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) die Kosten für das 9-Euro-Ticket gedeckelt. Die sich daraus sehr wahrscheinlich ergebenden Finanzierungslücken sollen jeweils die Länder stopfen. Diese pochen aber auf eine angemessene Beteiligung des Bundes durch eine Erhöhung der nötigen Regionalisierungsmittel. Schließlich habe die Ampel-Koalition im Bund das 9-Euro-Ticket ins Spiel gebracht. Blockieren die Länder, kann das Ticket nicht wie geplant am Donnerstag (19. Mai) vom Bundestag und einen Tag später vom Bundesrat beschlossen werden.

Mit dem 9-Euro-Ticket will die Ampel-Regierung eigentlich Pendler wegen der hohen Energiepreise durch den Ukraine-Krieg und einhergehenden Spekulationen auf dem Energiemarkt entlasten. Außerdem solle das Schnupperangebot Menschen möglichst dazu bringen, im Sinne des Klimaschutzes dauerhaft auf Busse und Bahnen umzusteigen. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen warnte aber schon, dass das Ticket mit der derzeitigen Ausgestaltung vom "Schnupperangebot" zum "Abschreckungsangebot" werden könnte.

Die Sondertickets sollen laut Entwurf im Juni, Juli und August bundesweit Fahrten im Nah- und Regionalverkehr ermöglichen. In Fernverkehrszügen gilt das Aktionsticket nicht.

(kbe)