AV-Receiver: Yamaha macht Cross-Upmix-Sperre nicht rückgängig

Nutzer der Geräte können auch künftig nicht mit "DTS Neural:X" Höheninformation bei Audiospuren in Dolby Digital Plus oder Dolby TrueHD hinzurechnen lassen.

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(Bild: Yamaha)

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Yamaha zieht bei seinen 2018 eingeführten und immer noch aktuellen AV-Receivern der Reihen RX-Vx85 und RX-Axx80 einen Schlussstrich unter das Thema "Cross-Upmixing-Sperre" – allerdings nicht im Sinne der Käufer. Vielmehr teilte der deutsche Pressesprecher des Unternehmens gegenüber c't auf Nachfrage mit, dass es die Sperre nicht wieder rückgängig machen werde. Die Entscheidung sei in Japan gefallen, eine nähere Begründung läge Yamaha Deutschland nicht vor.

Die Sperre bei den Yamaha-AV-Receivern verhindert, dass Nutzer von 3D-Audio-Anlagen den "DTS Neural:X"-Upmixer der Firma DTS auf Audiospuren der Dolby-Formate Dolby Digital Plus und Dolby TrueHD anwenden können, um Höheninformationen hinzurechnen zu lassen. Dolby Digital Plus wird von den meisten Videostreaming-Diensten genutzt und kommt bei Disneys UHD-Blu-rays für die deutsche Synchronspur zum Einsatz, Dolby TrueHD ist beispielsweise auf einigen Paramount-Titeln zu finden. DTS Neural:X steht bei den betroffenen Receivern somit nur noch für Dolby Digital (ohne Plus) und für andere Codecs bereit, die nicht von Dolby stammen.

Dass DTS Neural:X nicht mit Dolby Digital Plus und Dolby TrueHD funktioniert, dürfte manchem Besitzer nicht gleich auffallen: So blendet beispielsweise der RX-A3080 in seinem Display erwartungsgemäß "DTS Neural:X" bei Druck auf die Fernbedienungstaste ein. Erst ein Blick auf das kleine Lautsprechersymbol verrät, dass die Höhenlautsprecher nicht angesprochen werden.

Der Implementierung der Sperre geht auf eine Forderung von Dolby an die AV-Receiver-Hersteller zurück, die Nutzung anderer herstellerübergreifender Upmixer auf Audiospuren zu unterbinden, die in modernen Dolby-Formaten kodiert wurden. Dolbys eigener Upmixer ("Dolby Surround Upmixer") unterlag DTS Neural:X in Vergleichstests mehrfach.

Auf seiner Website verliert Yamaha zu der Sperre bei den Av-Receivern kein Wort. In der Anleitung taucht ein entsprechender Hinweis auf.
(Bild: Yamaha (Screenshot))

Die rechtliche Grundlage für diese Forderung stand jedoch lange auf wackeligen Beinen. Überarbeitete vertragliche Vereinbarungen zwangen die AV-Receiver schließlich, die geforderte Sperre mit dem Modelljahr 2019 einzuführen. Für Yamahas 2018 eingeführte Reihen RX-Vx85 und RX-Axx80 bestand diese Pflicht hingegen noch nicht. Bei AV-Receivern anderer Hersteller aus diesem Jahr lässt sich DTS Neural:X auch vollumfänglich nutzen. Folglich war es vorauseilender Gehorsam, dass Yamaha die Cross-Upmix-Sperre implementierte.

Mit dem Modelljahr 2019 folgten auch AV-Receiver der Konkurrenz mit Cross-Upmix-Sperre. Allerdings veröffentlichte Dolby im August 2019 auf Druck der EU-Kommission auf seiner Website die Erklärung, dass man die betreffende Verpflichtung gegenüber den Receiver-Herstellern mit sofortiger Wirkung zurückziehe. Spätestens seit diesem Zeitpunkt hofften die Käufer der 2018er-Geräte von Yamaha auf ein Firmware-Update, die die Sperre wieder beseitigt.

Während Sound United die Beseitigung der Sperre bei den betroffenen Geräten seiner Marken Denon und Marantz zum Sommer 2020 für Oktober 2020 ankündigt, erklärte Yamaha auf mehrfache Nachfrage von c't allerdings stets nur, dass man das weitere Vorgehen prüfe. Nun ist die Entscheidung gefallen.

[Update: Sound United gibt das Veröffentlichungsdatum inzwischen mit Oktober 2020 an.]

Die Aufhebung der Sperre ist nach Angaben von Sound United übrigens nicht damit erledigt, dass in der Firmware der AV-Receiver einige Zeilen Code verändert werden. Tatsächlich müssten die Geräte mit der Aktivierung von "DTS Neural:X" den Zertifizierungsprozess bei DTS erneut durchlaufen, der unzählige Tests beinhalte.

(Bild: c't)

Bei der Avantage-Reihe des Modelljahrs (RX-Axx80) verweist Yamaha im Zusammenhang mit der Cross-Upmix-Sperre gerne auf seine Eigenentwicklung "Surround:AI", die ebenfalls einen Upmixer integriert hat und die sich auf alle Dolby-Spuren anwenden lässt.

Hier ließe sich entgegnen, dass Surround AI bei schwachen 5.1-Abmischungen ebenfalls hinter DTS Neural:X zurückbleibt und zudem generell etwas zum Übersprechen neigt. Für Kritiker geht dies allerdings am eigentlichen Problem vorbei: Sie vertreten die Ansicht, dass der Kunde die freie Wahl bezüglich des genutzten Upmixers haben müsse. Eben diese Wahlfreiheit hat Yamaha genommen.

Yamahas Entscheidung ist auch angesichts der aktuellen Marktsituation im Heimkino-Bereich erstaunlich. Immerhin geraten die Anbieter "klassischer" AV-Receiver immer stärker unter Druck -- zum einen, weil "Fremdfirmen" wie LG, Samsung, Sennheiser, Sonos und Teufel mit Soundbars ins Wohnzimmer drängen, zum anderen, weil die Zielgruppe der Heimkino-Fans, die sich tatsächlich eine 3D-Anlage einrichten, überschaubar ist.

Jenseits von 3D-Audio sind die Entwicklungen bei AV-Receivern in den vergangenen Jahren hingegen überschaubar. Kaufanreize versuchen die Hersteller hier vor allem über die Implementierung von Musikdiensten und Multiroom-Audio-Funktionen zu schaffen.

Im vergangenen Jahr gab es Spekulationen um die Lage der Onkyo Corporation, zu der die Marken Onkyo, Pioneer, Pioneer Elite und Integra gehören. Eine Mitte Mai 2019 angekündigte Übernahme durch Sound United wurde im Oktober des Jahres wieder abgekündigt, da „nicht alle für den Abschluss erforderlichen Voraussetzungen zufriedenstellend erreicht werden konnten“.

In den kommenden Monaten dürfte Yamaha neue AV-Receiver auf den Markt bringen - höchstwahrscheinlich ohne Cross-Upmix-Sperre. (nij)