Ab 2035: Ende der Schaltsekunde beschlossen, Wissenschaft soll Lösung finden

Die in unregelmäßigen Abständen einzufügende Schaltsekunden sorgt immer wieder für Probleme in der IT. Nun wurde ein Ende der Praxis beschlossen.

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(Bild: r.classen/Shutterstock.com)

Die Tage der Schaltsekunden sind gezählt, das hat das Internationale Büro für Maß und Gewicht (BIPM) im französischen Versailles entschieden. Nach 2035 soll die in unregelmäßigen Abständen eingefügte Extrasekunde Geschichte sein. Das haben die Mitgliedstaaten laut New York Times mit großer Mehrheit entschieden. Die einzige Gegenstimme kam demnach von Russland, Belarus hat sich enthalten. Patrizia Tavella, die beim BIPM die Abteilung für Zeit leitet, sprach demnach von einem "unglaublichen Schritt". Nach einer mehr als 20 Jahre dauernden Debatte habe man endlich eine großartige Einigung erreicht. Sie sei zu Tränen gerührt. Auch sonst war die Freude demnach groß.

Die Schaltsekunde wurde eingeführt, um die seit 1967 genutzte Weltzeit mit der Erdrotation zu synchronisieren. Dadurch soll die Zeit mit dem Stand der Sonne harmonisiert werden. Anstatt des Wechsels um Mitternacht von 23:59:59 auf 00:00:00, wird eine zusätzliche Sekunde (23:59:60) eingefügt. Erstmals passierte das 1972. Damals wurden gleich 10 Sekunden eingefügt, inzwischen ist die Welt bei 37 Extrasekunden. Das in unregelmäßigen Abständen vorgenommene Einfügen sorgt für eine Menge Anpassungsschwierigkeiten für Computer und IT-Systeme. 2012 kam es danach zu einem massiven Ausfall von Reddit sowie zu ähnlichen Problemen bei Mozilla, LinkedIn, Yelp und dem Flugbuchungsdienst Amadeus. Eine falsche Schaltsekunde störte auch schon Linux-Systeme.

Vor allem Tech-Konzerne werben deshalb schon seit Jahren für eine Abschaffung der Praxis, sie verursache mehr Probleme – wie Internetausfälle – als sie Vorteile bringe. Auch in der Wissenschaft wird die Praxis schon länger diskutiert. Immer wieder stand sie auch bei Treffen der International Telecommunication Union (ITU) auf der Tagesordnung, die ist für die weltweite Verbreitung der richtigen Zeit verantwortlich. Größere Dringlichkeit hatte das Thema zuletzt durch eine ungewöhnliche Beschleunigung der Erddrehung bekommen. Debattiert wurde deshalb erstmals sogar die Einführung einer negativen Schaltsekunde, was die Kopfschmerzen in der IT-Branche nur noch einmal verstärkt haben dürfte. Russland ist gegen die Abschaffung, weil das Satellitennavigationssystem GLONASS anders als die Konkurrenz damit umgehen kann, erklärt die New York Times noch.

Entschieden hat das BIPM jetzt, dass die koordinierte Weltzeit (UTC) zwischen 2035 und 2135 nicht durch Schaltsekunden unterbrochen werden soll. Dann soll ein Maximalwert für die erlaubte Differenz gelten und gegebenenfalls etwa eine Schaltminute eingefügt werden. Die Wissenschaft solle die Zeit bis dahin jetzt nutzen, um eine weniger problematische Lösung zu finden. Es bleibe das wichtigste Ziel, die beiden Zeitskalen in Einklang zu bringen, zitiert die US-Zeitung den Astrophysiker Pavel Gabor. Die Atomzeit sei nur ein Beispiel dafür, wie die Welt für Durchschnittsperson nicht mehr zu verstehen sei. Die Wissenschaft sei dafür verantwortlich, den Menschen dabei zu helfen, sich in Kontrolle über ihr Leben zu fühlen. Der endgültigen Abschaffung der Schaltsekunde muss jetzt noch die ITU zustimmen, das soll im kommenden Jahr passieren.

(mho)