Agora Verkehrswende: Pendeln mit dem Auto sollte deutlich teurer werden

Der Pkw ist das Transportmittel Nummer eins – auch zum Pendeln. Das könne nicht so bleiben, meint die Agora Verkehrswende. Ihre Rezepte sind bekannt.

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Mitarbeiterparkplatz am Mercedes-Werk Charleston

(Bild: Mercedes)

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  • dpa

Das eigene Auto ist noch immer das Pendelwerkzeug Nummer 1. Die Gründe dafür sind höchst unterschiedlich, vor allem die Zeitersparnis wird häufig als Argument genannt. Die Denkfabrik Agora Verkehrswende argumentiert, das Auto sei nicht nur schlecht für das Klima und drohe die Infrastruktur zu überlasten, sondern treibe Pendler in Zeiten des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auch in eine "Ölpreisfalle". Agora Verkehrswende legt Vorschläge für eine Reform des Pendelverkehrs vor. Im Kern sind diese schon bekannt.

"Pendlerinnen und Pendler brauchen von der Politik nicht immer neue finanzielle Entlastungen, sondern einen Plan, wie sie zukünftig klimafreundlich zur Arbeit kommen können", sagte Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende. Es müsse eine grundlegende Trendwende im Pendelverkehr eingeläutet werden. Dazu müsse der Bund den Kommunen weitreichendere Entscheidungsfreiheiten einräumen.

Die Ampel-Koalition hatte im Februar 2022 im Zuge eines ersten Entlastungspakets angesichts gestiegener Energiepreise beschlossen, die Pendlerpauschale für Fernpendler in der Steuererklärung anzuheben. Zugleich wurde vereinbart, dass in dieser Legislaturperiode eine Neuordnung der Pendlerpauschale angestrebt werden soll – um "ökologisch-soziale Belange" der Mobilität besser zu berücksichtigen. Was oft vergessen wird: Von der Pendlerpauschale profitieren nicht nur Menschen, die mit dem Auto zur Arbeit fahren.

Agora Verkehrswende fordert eine Verkehrswende für den Weg zur Arbeit. Dafür sei ein "Abbau von Autoprivilegien unabdingbar", heißt es in der Studie. "Eine spürbare Reduzierung der Autonutzung im Berufsverkehr und der so verursachten CO₂-Emissionen kann nur erreicht werden, wenn preisliche und infrastrukturelle Maßnahmen zur Begrenzung des Autoverkehrs ergriffen werden."

Kern der Forderung: Wer ein Auto nutzt, soll unterm Strich erheblich mehr bezahlen als bisher.

(Bild: Pillau)

22,4 Prozent der klimarelevanten Emissionen des Personenverkehrs entfielen auf das Berufspendeln. Diese ließen sich mit 95 Prozent fast vollständig dem Pkw-Verkehr anlasten. Pendeln mit dem Pkw verbrauche außerdem wesentlich mehr Fläche als Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Fahrrad oder zu Fuß. Die Politik habe über Jahrzehnte Anreize gesetzt, immer längere Arbeitswege in Kauf zu nehmen und diese vorrangig allein mit dem privaten Pkw zurückzulegen, meint Hochfeld.

In der Studie von Agora Verkehrswende zusammen mit dem Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund heißt es, das Berufspendeln sei in Deutschland für rund ein Fünftel des Personenverkehrs verantwortlich. Seit 1976 hätten sich die mittleren Distanzen im Berufsverkehr von rund acht auf 16 Kilometer erhöht. Die Zahl der Menschen, die nicht in der Gemeinde arbeiten, in der sie wohnen, sei im Jahr 2020 mit 19,6 Millionen mehr als 30 Prozent höher gewesen als im Jahr 2000.

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Das allein besagt allerdings noch nichts über die zurückgelegte Strecke: Wer im Speckgürtel von Großstädten wohnt, fährt unter Umständen nur wenige Kilometer zur Arbeit und überschreitet dabei möglicherweise sogar die Grenze zu einem anderen Bundesland. Im Jahr 2020 hätten Pendlerinnen und Pendler zu 68 Prozent das Auto gewählt. "Dabei fahren sie praktisch immer allein", sagt Hochfeld.

Pendler, die das Auto nutzen, bräuchten keine finanziellen Entlastungen, sondern einen Plan, wie sie zukünftig klimafreundlich zur Arbeit kommen, meint Christian Hochfeld von der Agora Verkehrswende.

(Bild: Agora Verkehrswende)

Wenn es nach den Studienerstellern geht, könnte die Zukunft des Pendelns so aussehen: weniger mit dem Auto, viel mehr mit Bussen und Bahnen oder bei kürzeren Strecken mit dem Fahrrad. Deutliche Verlagerungseffekte könnten nur dann erreicht werden, wenn ein Maßnahmen-Mix Instrumente enthalte, die die Nutzung des Autos auf dem Weg zur Arbeit unattraktiv machten, heißt es: "Nur wenn die Pendelnden für die tatsächlichen Kosten für Autobesitz und Autonutzung aufkommen müssen, wird ein Umstieg auf alternative Verkehrsmittel in Erwägung gezogen."

Rezepte, die Pendlern das Auto madig machen sollen, sind sattsam bekannt. Als Maßnahmen werden eine City-Maut, ein generelles Tempolimit von 30 km/h innerorts und weniger kostenfreie Parkplätze genannt. Die Pendlerpauschale solle in ein Mobilitätsgeld umgewandelt werden, die Kfz-Steuer stärker an den CO₂-Emissionen orientiert werden. Wer ein Auto nutzt, soll unterm Strich erheblich mehr bezahlen als bisher.

Im Gegenzug soll der öffentliche Nahverkehr massiv ausgebaut werden. Dazu gehöre eine dichtere Taktung und ein engmaschiges Netz. Es gehe darum, leistungsfähige Nahverkehrs-Achsen zu ergänzen, zum Beispiel durch Quartiersbusse und Fuß- und Radverkehrsangebote, um auch die erste und letzte Meile von Strecken unabhängig vom Auto zurücklegen zu können: "Wenn diese Tür-zu-Tür-Mobilität nicht gewährleistet werden kann, wird im schlechtesten Fall die komplette Pendelstrecke mit dem Auto zurückgelegt und die leistungsfähige ÖPNV-Verbindung entfaltet nicht ihre vollständige Wirkung", heißt es in der Studie.

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(mfz)