Alexa behält Nutzer im Blick und führt Gruppengespräche

Das Echo Show 10 soll Amazons Sprachassistenz auf eine neue Stufe heben. Doch das motorisierte Smart Display dürfte für manche eine rote Linie überschreiten.

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(Bild: Amazon)

Von
  • Nico Jurran

Amazons Ankündigungen zur neuesten Generation seiner smarten Lautsprecher und Displays klangen zunächst wenig spektakulär: Der neue Echo bietet wie der Echo Plus einen integrierten Smart Home Hub mit Unterstützung für ZigBee und Bluetooth Low Energy. Zudem hat er nun – wie auch der neue Echo Dot und der neue Echo Dot mit Uhr – ein "sphärisches" Design, also eher eine Kugelform.

Das Echo Show 10 (mit 10-Zoll-Monitor) kommt wiederum in der dritten Generation mit integriertem Smart Home Hub, der ZigBee und Bluetooth Low Energy (BLE) unterstützt und beispielsweise Routinen erlaubt, um automatisch das Licht einzuschalten, wenn jemand den Raum betritt.

Doch eben letzteres Smart Display hat es in sich: Dank Motor und Verfolgungsfunktion behält es den Nutzer stets im Blickfeld der neuen 13-Megapixel-Weitwinkelkamera. Dabei erkennt das Gerät über eine Analyse der Audiodaten von seinem Mikrofon-Array und der Videodaten von seiner Kamera, aus welcher Richtung die integrierte Sprachassistentin Alexa angesprochen wird.

Der Motor dürfte sich auch dafür nutzen lassen, die Kamera zu drehen, wenn man von einem anderen Echo Show oder über die Alexa-App auf einen (laut Amazon gesicherten) Live-Feed des Echo Show 10 zugreift. Da man über die Alexa-App auch ferngesteuert zoomen kann, soll sich so der gesamte Raum überblicken lassen. Und auch die Videotelefonie-Funktion will Amazon ausbauen: Kunden sollen bald mit der neuen Funktion "Gruppenanrufe" eine Gruppe von bis zu acht Freunden und Familienmitgliedern erstellen und die Konferenz mit einem einfachen Befehl wie "Alexa, rufe meine Familie an" starten können.

Echo Show 10 wird zum Listenpreis von 243,69 Euro in den Farben Anthrazit und Weiß erhältlich sein. Ein Erscheinungsdatum nannte Amazon noch nicht, Interessenten können sich aber über den Vorverkaufsstart benachrichtigen lassen.

Das neue Echo Show 10 ist mit einem bürstenlosen Motor ausgestattet, der das 10-Zoll-Display (laut Amazon geräuschlos) dreht.

Amazon gewährte mit einem kleinen Videoclip auch einen Blick in die Zukunft von Alexa: In einem Demo-Video nahm die nach dem Kommando "Alexa, join our conversation" an einem Gespräch mit zwei Frauen teil, die darüber diskutierten, welche Pizza sie bestellen sollten – und die sich dabei nur ab und zu an die Sprachassistentin wandten, ohne jedoch nochmals das Aktivierungswort zu benutzen. Dennoch erkannte Alexa, wann sie angesprochen wurde und wann nicht.

Gegenüber c’t erläuterte der Chief Scientist der Alexa-KI-Abteilung Rohit Prasad, dass dies unter anderem deshalb funktioniert, weil sich an der Satzkonstruktion und der Betonung erkennen lässt, ob sich eine Person an die Sprachassistentin richtet. Zudem würden Menschen unwillkürlich in Richtung des Echo Show schauen, wenn sie Alexa etwas zu sagen hätten. Daher werte das System auch die Blickrichtungen der Gesprächsteilnehmer aus.

Möglich macht dies Amazons neuer "AZ1 Neural Edge Processor", den der Hersteller im Echo Show 10 nutzt. Er soll im Vergleich zum aktuell verwendeten Chip unter anderem Spracheingaben doppelt so schnell verarbeiten, dabei aber nur auf ein Zwanzigstel des Stromverbrauchs und 15 Prozent des Speicherbedarfs kommen.

Laut Prasad kann Alexa aktuell an Gesprächen mit bis zu drei Personen teilnehmen. Diese Begrenzung hänge vor allem damit zusammen, dass der Geräuschpegel bei größeren Gruppen üblicherweise beachtlich steigt und es (auch für Menschen) schwieriger wird, der Konversation zu folgen, wenn mehr Personen durcheinander reden.

Der AZ1 wird nach aktuellem Stand daher wohl Voraussetzung für den Konversationsmodus sein; ein Firmware-Update, das den Modus bei älteren Echo-Show-Modellen nachrüstet, ist eher nicht zu erwarten. Unklar blieb bis zum Redaktionsschluss, ob der AZ1 auch in der "Kids Edition" des Echo Dot zum Einsatz kommt. Sie soll erkennen können, ob ein Kind zu ihr spricht und infolgedessen nur passende Inhalte anbieten.

Den Konversationsmodus und die Kids Edition des Echo Dot wird zunächst nur auf dem US-amerikanischen Markt angeboten. Eine Einschätzung, wie viel Zeit die Lokalisierung für den deutschen Markt beanspruchen wird, gab Amazon nicht.

Im Online-Einzelinterview beantwortete der Chef Scientist der Alexa-KI-Abteilung Rohit Prasad (unten) Fragen zur kommenden Entwicklung der Sprachassistentin.

Bei der Vorstellung des Echo Show 10 wies Amazon ausdrücklich darauf hin, dass die Verarbeitung der Daten für die Verfolgungsfunktion lokal auf dem Gerät stattfinde und der Datenschutz somit gewährleistet sei. Nutzer können die Bewegungsfunktion zudem jederzeit ausschalten, indem sie die integrierte Kamera-Abdeckung schließen, die Einstellungen am Gerät oder in der Alexa-App anpassen oder einfach den Befehl "Alexa, Bewegung ausschalten" geben.

Amazon kündigte aber auch an, allgemein die Einstellungen zum Datenschutz seiner Sprachassistentin zu erweitern. So sollen Nutzer die Möglichkeit erhalten, einer Speicherung von Sprachaufzeichnungen zu widersprechen. Sprachbefehle an Alexa werden dann direkt nach der Verarbeitung gelöscht, verspricht der Hersteller.

Bei der ersten Aktivierung dieser Option sollen auch alle zuvor gespeicherten Aufnahmen entfernt werden. Amazon behält nach eigenen Angaben lediglich Transkriptionen der vorherigen Anfragen für 30 weitere Tage. Auf Wunsch könnten Nutzer aber auch diese vorzeitig löschen lassen.

Bisher hatten Nutzer von Alexa die Möglichkeit, Sprachaufzeichnungen einzeln oder je nach Gerät zu löschen. Außerdem gab es eine Option, alle Aufnahmen manuell zu löschen oder einen Löschrhythmus von 3 oder 18 Monaten festzulegen. Diese Optionen bleiben laut Amazon erhalten.

Mit dem Konversationsmodus dürfte für Kritiker, die Sprachassistenten wie Alexa sowieso schon gruselig finden und das Gefühl haben, die Sprachassistentin würde ihre Gespräche aufzeichnen und sie überwachen, dennoch eine rote Linie überschritten sein.

Das fliegende Auge

In der Ladestation ist die Kamera der „Always Home Cam“-Drohne aus Datenschutzgründen verdeckt.

Die Amazon-Tochter Ring hat mit der „Always Home Cam“ eine Mini-Drohne vorgestellt, die Innenräume selbstständig überwacht und Videos der eingebauten Kamera an Smartphones sendet. Sie soll so mehrere stationäre Überwachungskameras ersetzen.

Das Prinzip ist recht einfach: Die pilzförmige Drohne mit vier Motoren und rundum geschützten Rotoren sitzt im Wartezustand in einem Dock, das gleichzeitig als Ladestation dient. Nach der Aktivierung, beispielsweise durch einen unterbrochenen Tür-/Fensterkontakt, fliegt die Drohne selbstständig zuvor definierte Punkte im Haus oder in der Wohnung ab und nimmt über ihre Kamera am unteren Ende ein Live-Video auf, das sie an das Smartphone des alarmierten Nutzers streamt.

Geht der Akku zur Neige, kehrt die Drohne automatisch zum Dock zurück; eine Fernbedienung ist offenbar nicht vorgesehen.

Die Drohne, die zunächst in den USA für rund 250 US-Dollar angeboten werden soll, ist aktuell noch nicht von der zuständigen Zulassungsbehörde Federal Communication Commission (FCC) zugelassen. Daher gibt es auch noch kein Erscheinungsdatum. Ob und wann die Always Home Cam nach Deutschland kommt, lässt sich noch nicht sagen.

Dieser Artikel stammt aus c't 22/2020. (nij)