Gerichte: Je niedriger die Instanz, desto mehr Rückgriff auf Wikipedia

Auch vor Gericht ist Wikipedia offenbar ein beliebter erster Anlaufpunkt. Das hat eine empirische Studie für die Justiz in Irland jetzt deutlich gemacht.

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(Bild: Allmy/Shutterstock.com)

Von
  • Martin Holland

Richter und Richterinnen in Irland zitieren frühere Urteile deutlich häufiger, wenn zu denen ein Artikel bei Wikipedia existiert. Das hat eine Forschungsgruppe in einer ersten derartigen Analyse herausgefunden und damit einmal mehr deutlich gemacht, wie groß der Einfluss der freien Online-Enzyklopädie inzwischen ist. Wikipedia beeinflusst demnach nicht nur, welche Urteile von den untersuchten Gerichten zitiert wurden, sondern auch den dabei benutzten Text. Das gelte vor allem für niedere Gerichte. Je höher die Instanz, desto geringer der Einfluss, erklärt das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Arbeit werfe ein Schlaglicht auf ein wichtiges politisches Problem, meint Studienleiter Neil Thompson.

Wie das Team erläutert, haben Fachleute für die Untersuchung über 150 Artikel zu Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs von Irland verfasst. Die zufällig ausgewählte eine Hälfte sei dann auf Wikipedia eingestellt worden, die andere Hälfte nicht. Nur die online abrufbaren Texte seien dann also von Richtern, Richterinnen, juristischen Beratern und Beraterinnen sowie Anwälten und Anwältinnen einsehbar gewesen. Die Wikipedia-Artikel hätten dann tatsächlich den Ausschlag gegeben: Fälle, zu denen es eine solche Quelle gab, seien 20 Prozent häufiger zitiert worden. Das sei statistisch signifikant und der Effekt sei noch einmal stärker ausgeprägt gewesen, wenn die Artikel die Argumentationslinie des Richters beziehungsweise der Richterin gestützt habe.

Die Akteure im Justizsystem seien auch nur Menschen, bilanziert die Forschungsgruppe. Vor allem in niederen Instanzen sei die Arbeitslast wohl so hoch, dass häufig auf Wikipedia zurückgegriffen werde. Ihre Arbeit zeige deutlich den Einfluss leicht zugänglicher, von Nutzerinnen und Nutzern erstellter Onlineinhalte auf die Rechtsanwendung. Man müsse also sicherstellen, dass die so eingesehenen Inhalte korrekt seien, schreibt das Team noch. Dass in Gerichten häufig auf Wikipedia zugegriffen werde, wäre eine viel problematischere Erkenntnis, wenn dort vorgefundene Informationen nicht stimmen würden. Die Forschungsarbeit wurde im "The Cambridge Handbook of Experimental Jurisprudence" veröffentlicht, die irische Justiz wurde unter anderem als Forschungsobjekt ausgewählt, weil vergleichsweise wenige Wikipedia-Artikel zu höchstrichterlichen Urteilen aus dem Land existieren.

(mho)