Android: Tinder will Rauswurf mit Klage verhindern

Tinder-Entwickler Match wirft Google in einer Klage vor, seine Android-Marktmacht auszunutzen. Es geht auch um die Zukunft der Dating-App im Play Store.

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Der Dating-App Tinder droht der Rauswurf aus dem Play Store.

(Bild: Match)

Von
  • Daniel Herbig

Die Tinder-Mutterfirma Match hat in Kalifornien Klage gegen Google eingereicht. Darin wirft das Unternehmen dem Android-Entwickler vor, seine Vormachtstellung auf dem Mobilmarkt auszunutzen. Insbesondere kritisiert Match, dass Google App-Entwicklern eigene Zahlmethoden untersagt, um sein eigenes System durchzusetzen – inklusive einer Umsatzgebühr von bis zu 30 Prozent.

Damit schlägt Match ähnliche Töne an wie "Fortnite"-Entwickler Epic Games, der sich seit Sommer 2020 im Rechtsstreit mit Google befindet. Auch Match gehört seit Jahren zu den lautstarken Kritikern von Google. Das Unternehmen hinter Dating-Apps wie Tinder wirft Google in der Klageschrift unter anderem Marktmanipulation, Machtmissbrauch und gebrochene Versprechen vor.

Der Zeitpunkt der Klage dürfte kein Zufall sein: Seit dem 1. April lässt Google keine Ausnahmen in seinen Play-Store-Richtlinien mehr zu. Alle Apps müssen ausschließlich Googles eigenes Zahlsystem für digitale Inhalte und Abonnements verwenden. Wer sich nicht fügt, soll zum 1. Juni aus dem Play Store fliegen. Tinder, die meistgenutzte App im Match-Portfolio, setzt derzeit noch ein eigenes Kreditkarten-Bezahlsystem ein. Dieses werde häufiger genutzt als Googles eigenes Zahlsystem, sagt das Unternehmen der Nachrichtenagentur Reuters. Auch Tinder könnte also am 1. Juni aus dem Play Store entfernt werden.

"Die Klage ist unser letzter Ausweg", sagte Match-Chef Shar Dubey Reuters. Würde man sich an Googles Regeln halten, stünde ein Verlust von mehreren Hundert Millionen US-Dollar im Raum. Die Möglichkeit, Apps wie Tinder aus dem Play Store zu entfernen und nur noch per Sideload anzubieten, lehnt Dubey ab. "Das ist, als würde man sagen: 'Du musst nicht unbedingt den Aufzug zum 60. Stock nehmen, du kannst ja auch einfach die Wand hochklettern.'"

Google weist die Kritik gegenüber Reuters zurück: "Wie jedes Unternehmen verlangen wir für unsere Dienste einen Preis." In Apples App Store kann man bei Tinder schon jetzt ausschließlich den offiziellen Apple-Bezahlweg nutzen.

Eigentlich schreiben Googles Richtlinien App-Anbietern schon seit Jahren vor, nur Googles Bezahlmethode zu implementieren. Doch einige Unternehmen sträubten sich bisher dagegen – vor allem mit technischen Tricksereien wie Browser-Fenstern, die sich innerhalb der App öffneten. Das soll mit den nachgeschärften Richtlinien vom 1. April explizit nicht mehr erlaubt sein. Wer sein System bis zum 1. Juni nicht umstellt, soll aus dem Play Store entfernt werden.

Diese Frist bringt derzeit zahlreiche App-Anbieter in die Bredouille. Amazon hat sich etwa dazu entschieden, lieber gar keine digitalen Güter in seinen Apps anzubieten, als Googles Bezahlmethode zu implementieren und damit eine Gebühr abzugeben. In den Android-Apps von Audible und Amazon kann man deshalb keine Hörbücher und E-Books mehr kaufen. Die Inhalte sollen stattdessen auf dem Desktop erworben werden, schreibt Amazon in seinen Apps.

Google-Gegner Epic Games zieht dagegen erneut vor Gericht: Eine einstweilige Verfügung soll den Rauswurf der Bandcamp-App verhindern, die seit März zu Epic Games gehört. Der Musikanbieter weigert sich, den Zahlungsrichtlinien im Play Store Folge zu leisten und die verpflichtende Gebühr an Google zu zahlen.

Auf Googles Bezahlsystem umzusteigen und die anfallenden Provisionen zu zahlen, ist für Bandcamp-Chef Ethan Diamond keine Option: In einem solchen Fall müsse man die Kosten entweder den Nutzerinnen und Nutzern oder den Künstlerinnen und Künstlern weitergeben – andernfalls könne man keinen Gewinn mehr erwirtschaften.

In den vergangenen Monaten hat sich der Druck auf Google verstärkt. In Südkorea muss Google mittlerweile bereits alternative Bezahlmethoden zulassen – die Regierung hat es Google und Apple untersagt, eigene Bezahlmethoden mit "unangemessenen Gebühren" in ihren Stores zu erzwingen. Der Digital Markets Act könnte Google außerdem zu weiteren Lockerungen zwingen. Google will seinerseits ausgewählten Unternehmen erlauben, ihre Inhalte ohne Gebühr zu verkaufen. Bislang darf das ausschließlich Spotify.

(dahe)