Angetestet: Unix-Derivat MidnightBSD 2.0 mit vielen offenen Baustellen

MidnightBSD will kein FreeBSD mit vorkonfiguriertem Desktop, sondern ein eigenständiges Betriebssystem sein. Ein kurzer Test erwies sich als Hürdenlauf.

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Das MidnightBSD-Logo stellt den Mond dar. Das Ausprobieren von Version 2.0 offenbarte viele Krater.

(Bild: Public Domain / Wikimedia Commons)

Von
  • Michael Plura

Entwickler Lucas Holt hat Version 2.0 seines nach seiner Katze benannten Betriebssystems MidnightBSD freigegeben. Anders als die "Distributionen" GhostBSD, NomadBSD oder auch das unlängst eingestellte FuryBSD setzt MidnightBSD nicht auf einem aktuellen FreeBSD auf, sondern ist ein Fork der FreeBSD 6.1-Beta aus 2005. Es ist damit vergleichbar mit DragonflyBSD, das die Entwickler rund um Matt Dillon als Fork von FreeBSD 4.8 anlegten.

Naturgemäß kann man bei einem Fork die fortschreitende Entwicklung von FreeBSD nicht immer 1:1 in das eigene System übernehmen, sondern muss Neuerungen und Sicherheitspatches von Hand einpflegen. Das bedeutet einen immensen Arbeitsaufwand – und wie ein kurzer Testlauf zeigte, weist MidnightBSD 2.0 zahlreiche Baustellen auf.

MidnightBSD 2.0 bringt einige Neuerungen mit, beispielsweise LLVM 8.0.1, eine verbesserte ELF-Toolchain, ein OpenSSL 1.0.2u von vor einem Jahr, einige Firmware-Updates und Kleinigkeiten wie parallele ZFS-Mounts oder das Loggen von beendeten Jail-IDs. Die komplette Liste aller Neuerungen und Verbesserungen findet sich in den Release-Notes zur MidnightBSD 2.0 auf der (zum Veröffentlichungszeitpunkt dieser Meldung allerdings nicht erreichbaren) Projekt-Website. Ein Upgrade von der Vorgängerversion MidnightBSD 1.2 ist laut dem Entwickler allerdings problematisch.

Bereits bei der Installation (Auswählen der Systemkomponenten) fällt auf, dass MidnightBSD statt der FreeBSD-Portverwaltung "ports" den von Holt selbst entwickelten "mports"-Portmanager verwendet. "mports" sorgte bereits für Probleme bei MidnightBSD 1.x. Der Installer von MidnightBSD 2.0 entspricht weitestgehend dem von FreeBSD 11, besitzt jedoch wenige zusätzliche Optionen und an manchen Stellen andere Voreinstellungen.

Im Vergleich zu FreeBSD 11 kann man bei MidnightBSD 2.0 beim Anlegen eines Benutzerkontos zusätzliche Shells auswählen, als Voreinstellung hat Holt die eher ungewöhnliche "mksh" (MirBSD Korn Shell) eingetragen.

Den Versuch, den Desktop zu installieren, unterbindet ein Fehler, der dem Autor dieser Meldung schon in der MidnightBSD-Version 1.0 (und somit vor über zwei Jahren!) auffiel: Das Install-Skript findet das Paket "midnightbsd-destkop" nicht. Kein Wunder: Es müsste logischerweise "midnightbsd-desktop" heißen.

Ein solcher Fehler passt nicht zu einem Betriebssystem, das sich selbst im ersten Satz auf der Projektseite als "...developed with desktop users in mind" bezeichnet.

Wegen eines Typos kann MidnightBSD, entwickelt für den Desktop-User, schon seit zwei Jahren nur mittels Verrenkungen installiert werden.

(Bild: Screenshot)

Wer anschließend selbst Hand anlegt und das korrekte Paket installieren will, stellt fest, dass MidnightBSD im Gegensatz zu FreeBSD kein "pkg" für die Paketverwaltung benutzt, sondern eben das selbstentwickelte "mports". Ein

mport install midnightbsd-desktop

führt, gespickt mit reichlich Fehlermeldungen zu nicht vorhandenen Paketen, auch nicht zum Erfolg. Der Installer bricht mit folgender Fehlermeldung ab:

Unable to install midnightbsd-desktop-2.5: Error at /usr/src/lib/libmport/check_preconditions.c:(235): midnightbsd-desktop depends on bash, which is not installed.

Die ist allerdings falsch, denn eine GNU-Bash 5.0.18_2 ist bereits installiert. Wer nun nach Hilfestellung in einer für BSDs eigentlich typischen erstklassigen Dokumentation sucht, findet nur ein nahezu totes Forum.

Spätestens an dieser Stelle dürften viele Desktop-User entnervt aufgeben. Und auch wer fest im *BSD-Sattel sitzt, muss lange nach guten Argumenten suchen, um weitere Zeit in das regelrecht "zerkonfigurierte" MidnightBSD zu investieren.

Free-, Net- und OpenBSD lassen sich schnell um einen Desktop erweitern, zum Einstieg bieten sich GhostBSD und NomadBSD an. MidnightBSD hingegen ist eher ein gutes Beispiel dafür, dass es für einen einzelnen Entwickler selbst mit viel gutem Willen nahezu unmöglich ist, die (Weiter-)Entwicklung und Pflege eines modernen Betriebssystems im Alleingang zu stemmen. In einem Video zu MidnightBSD 2.0 bei YouTube deutet Lucas Holt die Schwierigkeiten denn auch mehr als deutlich an.

Wer dennoch einen Blick auf MidnightBSD 2.0 werfen will, findet Installations-Images für amd64 und i386 im ISO- und img-Format auf den Spiegelservern (soweit funktionsfähig).

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(ovw)