Arbeitslosigkeit in der IT: Je länger, desto schlimmer

Trotz starkem Anstieg bei Arbeitslosen herrscht Vollbeschäftigung am IT-Arbeitsmarkt. Problematisch ist aber die Langzeitarbeitslosigkeit.

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(Bild: nitpicker/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Die Pandemie hat den für resistent gehaltenen IT-Arbeitsmarkt fest im Würgegriff. Die Zahl der arbeitslos gemeldeten IT-Fachkräfte ging seit 2015 stetig zurück und ist aber 2020 kräftig um 29 Prozent gestiegen. Viele Arbeitsmarktexperten gingen von einem temporären Effekt aus, der rasch verschwindet, weil IT-Fachpersonal in Zeiten der Digitalisierung allerorten unersetzbar ist.

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Es kam anders als vermutet. Im März 2021 waren 31.000 IT-Spezialisten bei der Bundesagentur für Arbeit arbeitslos gemeldet, das sind 28 Prozent mehr als im März 2020. Der prozentuale Anstieg ist im Vergleich zum gesamten vorherigen Jahr zwar leicht zurückgegangen, in absoluten Zahlen ist es aber eine leichte Zunahme. Von einer Trendwende keine Spur. Im Gegenteil: die Arbeitslosigkeit unter dem IT-Fachpersonal nimmt zu. Ist das gefährlich für den Berufsstand?

Im vergangenen Jahr betrug die durchschnittliche Arbeitslosigkeit über alle Berufe hinweg 5,9 Prozent. Die für IT-Fachleute war mit 3,2 Prozent nur etwa halb so hoch. "Fachleute mit einem Informatikberuf sind grundsätzlich seltener von Arbeitslosigkeit betroffen als viele andere Berufsgruppen", sagt Claudia Sutter aus der Abteilung Statistik und Arbeitsmarktberichterstattung der Arbeitsagentur. 3,2 Prozent Arbeitslosigkeit bedeutet nahezu Vollbeschäftigung.

"Eine Arbeitslosenquote von 0 Prozent gibt es nach der Wirtschaftstheorie nicht, weil es immer Personen gibt, die eine erste oder neue Beschäftigung suchen und immer Betriebe, die Personal brauchen", sagt Suttner. Die Arbeitsagentur geht von 3 Prozent als einem guten Maß für Vollbeschäftigung aus. In einschlägiger Literatur werden zwischen 1 und 4 Prozent genannt.

Für Suttner ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit bei IT-Fachkräften "im direkten Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Beschränkungen infolge der Pandemie zu sehen". Nach dem zu erwartenden Aufschwung sei nach Corona mit einer steigenden Nachfrage nach IT-Fachleuten zu rechnen und einem aufgrund weiter voranschreitender Digitalisierung mit einem zumindest gleichbleibend hohen Bedarf an IT-Personal in Zukunft.

Die Pandemie ist eine Ausnahmesituation. "Wann und wie schnell eine Erholung kommt, weiß niemand", sagt Eric Thode. Der Arbeitsmarktexperte von der Bertelsmann Stiftung berichtet auch von Verschiebungen am Arbeitsmarkt, unabhängig von der Pandemie: "Die Unternehmen fahren ihre duale Berufsausbildung zurück und duale Studiengänge hoch oder stellen direkt Bachelor-Absolventen ein." Akademiker sind die erste Wahl bei der Besetzung von Arbeitsplätzen. Ein Studium lohnt auch aus anderem Grund: Je höher die Qualifikation, umso geringer die Gefahr, arbeitslos zu werden.

Mit zunehmendem Alter verliert diese Regel an Bedeutung. Dann droht die schlimmste aller Formen von Arbeitslosigkeit: die Langzeitarbeitslosigkeit. Darin haben IT-Fachkräfte keinen besonderen Bonus wie bei der normalen Arbeitslosigkeit. 23 Prozent der arbeitslos gemeldeten Informatikfachkräfte waren 2020 länger als 12 Monate arbeitslos. Zum Vergleich: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen über alle Berufe liegt bei 30 Prozent.

Nach dem Eintritt von Arbeitslosigkeit ist das Risiko langzeitarbeitslos zu werden nach Auskunft von Suttner für diejenigen Menschen hoch, die über vermittlungshemmende Merkmale verfügen. Das sind individuelle Faktoren wie etwa schwere Krankheit oder Sucht. "Mit fachlicher Qualifizierung allein bekommt man diese Menschen nicht wieder in einen Job. Dafür ist Arbeit am Individuum notwendig", sagt Thode. Allen anderen rät er dazu, Langzeitarbeitslosigkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Eine aktuelle Studie aus den Niederlanden zeigt nämlich, dass viele während Corona arbeitslos gewordene darauf hoffen, dass die Pandemie bald vorbeigeht und sie dann rasch wieder einen Job bekommen. "Die bewerben sich dann nicht und das ist eine ganz schlechte Idee, weil ab dem 1. Tag der Arbeitslosigkeit die Wahrscheinlichkeit sinkt, eine Stelle zu finden", sagt Thode. Rutschen sie dann in die Langzeitarbeitslosigkeit haben sie fortan ein Stigma – ob gerechtfertigt oder nicht.

Claudia Bolliger-Winkler hat das Recruiting-Start-up Lionstep vor fünf Jahren gegründet und bietet nun auch ein sogenanntes Outplacement an. Das soll Stellensuchenden helfen, die etwa aufgrund der aktuellen Krise nicht weiter beschäftigt werden können, einen neuen Job zu finden. Das Angebot können Unternehmen für ihre Mitarbeiter nutzen oder betroffene Beschäftigte selbst. "Je älter die Kandidaten sind und je älter die IT-Technik ist, mit der sie sich beschäftigt haben, umso geringer ist die Chance für sie einen neuen Job zu finden", sagt Bolliger-Winkler. Die Schweiz und Deutschland sind die Hauptmärkte des Unternehmens.

Bei Jüngeren ist Arbeitslosigkeit kein Manko, wenn sie ihre Situation erklären können. Manche machen ein Sabbatical, andere nehmen gewollt eine Erwerbslosigkeit in Kauf für ihre Work-Life-Balance, stellt die Recruiterin zunehmend fest. Weil aber die Produktlebenszyklen in der IT kurz sind, entsteht ein enormer Druck auf das IT-Personal technisch immer auf dem neuesten Stand sein zu müssen. "Wenn ältere arbeitslos werden, weil ihr Wissen veraltet ist, dann wird es extrem schwierig bis unmöglich, einen neuen Job für sie zu finden", sagt Bolliger-Winkler.

Deshalb sind regelmäßige Fortbildungen so wichtig. Die Teilnehmer am Outplacement-Programm werden zunächst fachlich geschult, dann in Praktikumsplätze für sechs Monate vermittelt mit der Option auf Verlängerung und Einstellung.

Das hört sich bitter an für alle IT-Experten mit interessantem und gut bezahltem Job. Einen solchen hatten viele langzeitarbeitslosen Informatiker auch mal. Jetzt ist so ein Praktikum für geringes Gehalt der wohl letzte berufliche Strohhalm für sie, um nicht völlig unterzugehen.

(axk)