Astronautin Payette: Kanadas Vizekönigin muss abdanken

Ein schikanöser Führungsstil kostet die prominente Ex-Astronautin Julie Payette den Thron. Noch nie musste ein Vizekönig Kanadas vorzeitig zurücktreten.

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Julie Payette

Julie Payette im Cockpit des Spaceshuttle Endeavour (2009)

(Bild: NASA)

Von
  • Daniel AJ Sokolov

Ex-Astronautin Julie Payette muss als Vizekönigin Kanadas (Governor General) abdanken. Zum Verhängnis ist der Wissenschaftlerin ihr Führungsstil geworden. Es ist das erste Mal in der Geschichte der größten Monarchie der Welt, dass ein Generalgouverneur zurücktreten muss. Bis ein Nachfolger eingesetzt ist, übernimmt Richard Wagner die Amtsgeschäfte. Der Enkel eines bayrischen Einwanderers ist Vorsitzender des obersten Gerichtshofes Kanadas.

Grund für Payettes Rücktritt ist ein Untersuchungsbericht über ihren Führungsstil. Letzten Sommer hatte die CBC, Kanadas öffentlich-rechtlicher englischsprachiger Rundfunk, berichtet, dass Payette Mitarbeiter herabsetze, beschimpfe und öffentlich bloßstelle. Hinzu kamen Bullying-Vorwürfe gegen Payettes Sekretärin.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau und die 29. Generalgouverneurin des Landes, Julie Payette. Nun muss Trudeau seiner Königin Elisabeth II. einen Nachfolger vorschlagen.

(Bild: MCpl Anis Assari, Rideau Hall)

Eine Untersuchung sei nun zu "verstörenden" und "beunruhigenden" Ergebnissen gekommen, sagte der Präsident des Kanadischen Kronrats am Donnerstag. Offizielle Beschwerden eines Mitarbeiters gibt es bis heute nicht. Dennoch war Payette gezwungen, zurückzutreten. Die 57-Jährige entschuldigte sich für die "Spannungen der letzten Monate" an ihrem Arbeitsplatz.

Vor ihrer Vereidigung als Vizekönigin Kanadas hatte sich die Astronautin Verdienste um Wissenschaft, Gesundheit, Sport, Wirtschaft und Fraueninteressen erworben. Der breiten Öffentlichkeit war sie damals vor allem für ihre zwei Missionen auf der ISS (1999 und 2009) bekannt. Dazwischen, von 2000 bis 2007, war sie Chefastronautin der Canadian Space Agency.

Julie Payette 2017 bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt als designierte Generalgouverneurin, mit Premierminister Justin Trudeau

Zum Amtsantritt als Generalgouverneurin hatte Payette die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit sowie wissenschaftlicher Grundlagen für Entscheidungen betont. "Klimawandel, Migration, die Verbreitung von Nuklearwaffen, Armut, Bevölkerungswachstum und so weiter" nannte die Kanadierin damals Herausforderungen, vor denen sie die Welt sah, "Globale Probleme kennen keine Grenzen, keinen Stundenplan, und sie brauchen wirklich unsere Aufmerksamkeit." Die friedliche Zusammenarbeit unterschiedlicher Nationen auf der International Raumstation (ISS) diene ihr als Vorbild. Zudem würdigte sie die Rolle der Ureinwohner in Kanada.

Am 23. September 2020 verlas Julie Payette zum letzten Mal die Thronrede.

(Bild: Sgt Johanie Maheu, Rideau Hall)

Die Dauer der Funktionsperiode des kanadischen Generalgouverneurs ist vom Wohlwollen des Monarchen abhängig. Der Generalgouverneur ist Vizekönig; er vertritt also den Monarchen, auch als Oberbefehlshaber des kanadischen Militärs. Payette war die 4. Frau und die 29. Person in dieser Position. Alleine unter Kanadas Königin Elisabeth II. war Payette die 13. Amtsinhaberin. Ihre zwölf Vorgänger haben jeweils vier bis fast acht Jahre gedient. Payette kommt auf weniger als dreieinhalb Jahre. Die zehn Provinzen Kanadas haben ihre eigenen Vizegouverneure (englisch "Lieutenant Governor").

Dieser Teil einer Rede Payettes kurz nach Amtsantritt 2017 brachte Konservative und manche Religionsführer auf die Palme.

(ds)