Atomaufsicht: Jüngste belgische Reaktoren könnten länger laufen

In Belgien wird überlegt, Doel 4 und Tihange 3 länger als geplant laufen zu lassen. Die belgische Atomaufsicht hat dagegen keine Einwände, mahnt aber zur Eile.

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(Bild: engie.be)

Von
  • Andreas Wilkens

Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC meint, dass die beiden jüngsten Reaktoren des Landes, die seit 1985 laufenden Doel 4 und Tihange 3, länger laufen könnten als bisher geplant – allerdings müsse schnell gehandelt werden. Das hat sie der belgischen Regierung berichterstattet, die darüber nachdenkt, die Atomkraft über den eigentlich beschlossenen Ausstieg im Jahr 2025 hinaus zu nutzen.

Belgien hatte 2003 beschlossen, die sieben belgischen Reaktoren (drei in Tihange, vier in Doel) jeweils vierzig Jahre nach Beginn des kommerziellen Betriebs abzuschalten. Für die ersten beiden Reaktoren war entsprechend die Abschaltung 2015, für die letzten 2025 vorgesehen. 2015 beschloss Belgien, die Laufzeit der Reaktoren Doel 1 und 2 bis 2025 zu verlängern; eine solche Option war im belgischen Gesetz zum Atomausstieg vorgesehen. Doel 3 und Tihange sollen dieses Jahr beziehungsweise 2023 vom Netz gehen.

Bis zum 18. März will die belgische Regierung über eine mögliche Laufzeitverlängerung entscheiden, bis dahin soll ein Bericht des Netzbetreibers Elia vorliegen, der die Versorgung mit Strom einschätzen soll. Die frankophonen Liberalen in der belgischen Regierung befürchten Engpässe, die Grünen hingegen sind für einen Ausstieg bis 2025 und wollen dafür Gaskraftwerke bauen. Falls Elia meint, die Energieversorgung sei nicht gesichert, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, könnte dies dazu führen, dass die Regierung die Laufzeiten der Reaktoren verlängert, erläutert die FANC (PDF).

Das sei möglich, meint die Behörde für nukleare Sicherheit, allerdings müssten die Reaktoren auf den neuesten Stand gebracht werden. Die Regierung müsse dazu noch im laufenden Quartal eine klare Entscheidung treffen und einen Plan, an dem alle Akteure beteiligt würden. Dabei empfiehlt die FANC, wenn überhaupt die Laufzeit um mindestens zehn Jahre zu verlängern.

Engie Electrabel, Betreiber der Reaktoren Doel 4 und Tihange 3, müsse einen Aktionsplan einreichen, wie er die Sicherheit der AKW verbessern und mit ihrer Alterung umgehen wolle. Das müsse schnell geschehen, daher schlägt die FANC vor, das Verfahren zu beschleunigen. Dabei solle auch geprüft werden, ob ausreichend Personal vorhanden ist, um zwei Reaktoren länger laufen lassen, fünf stillzulegen und die radioaktiven Abfälle zu entsorgen.

Wichtig sei dabei auch laut FANC, dass alle Akteure den Plan unterstützen. Daher müsse die Regierung bis zum 18. März, an dem voraussichtlich die Entscheidung über die AKW-Laufzeiten fallen soll, mit allen Beteiligten gesprochen haben; ab dem Datum müsse die Entscheidung sofort vollzogen werden. Die FANC selbst wolle im Falle einer Laufzeitverlängerung die Aktivitäten koordinieren.

AKW-Betreiber Engie hatte im Dezember 2021 betont, dass eine Verlängerung der Laufzeiten nicht möglich sei. Sie benötige eine Vorlaufzeit von mindestens fünf Jahren, auch wegen der notwendigen Studien und Genehmigungsverfahren. Ebenfalls Zeit bräuchten juristische Verfahren und die nötigen Investitionen. Das hätten Erfahrungen mit gleichartigen Projekten gezeigt. Ohne eine klare Entscheidung der Regierung hatte Engie bisher auch keine weiteren Investitionen in seine Atomprojekte tätigen wollen. Eine Entscheidung hätte spätestens 2020 gefallen sein müssen.

Doel liegt 150 Kilometer, Tihange 70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Im Sommer 2021 hatte die Stadt Köln eine Resolution unterzeichnet, die sich gegen die Laufzeitverlängerung richtet. Der Standort Doel werde seit Jahren wegen verschiedener Sicherheitsbedenken kontrovers diskutiert, hieß es in der Resolution, die von der Region Aachen initiiert worden war. Die Region hatte bereits 2017 mit Jodtabletten für einen eventuellen Atomunfall vorgesorgt.

(anw)