Atomkraft: Belgien verlängert Laufzeiten der AKW Tihange und Doel um zehn Jahre

Zwei Reaktoren, die eigentlich 2025 abgeschaltet werden sollten, will die belgische Regierung nun länger laufen lassen. Sie setzt auch auf erneuerbare Energie.

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AKW Tihange

(Bild: IAEA)

Von
  • Andreas Wilkens

Die belgische Regierung will die Laufzeiten der heimischen Atomkraftwerke in Tihange und Doel um zehn Jahre verlängern. Das hat der belgische Ministerpräsident Alexander de Croo bekannt gegeben. Dafür sollen nun alle notwendigen Schritte unternommen werden.

"Diese Verlängerung soll die Unabhängigkeit unseres Landes gegenüber fossilen Brennstoffen in einem geopolitischen Chaos stärken", teilte die belgische Regierung mit. Zudem soll in Belgien die Energiewende durch zusätzliche Investitionen in Offshore-Windkraft, Wasserstoff, Solarenergie und nachhaltige Mobilität vorangetrieben werden.

Im Detail geht es um die Reaktoren Doel 4 und Tihange 3, die beide seit 1985 in Betrieb sind und zusammen 2 GW leisten. Diese beiden jüngsten von insgesamt acht belgischen Reaktoren sollten laut dem belgischen Atomausstiegsbeschluss von 2003 wie die anderen eigentlich spätestens 2025 abgeschaltet werden. Im vergangenen Jahr hatten die flämischen Christdemokraten CD&V und die frankophonen Liberalen MR angesichts der Energieversorgungssicherheit die Frage gestellt, ob Belgien nach der Abschaltung der AKW ausreichend Strom produzieren kann.

Der Betreiber der beiden AKW Engie hatte eingewandt, eine Verlängerung der Laufzeit benötige eine Vorlaufzeit von mindestens fünf Jahren, auch wegen der notwendigen Studien und Genehmigungsverfahren. Ebenfalls Zeit bräuchten juristische Verfahren und die nötigen Investitionen. Nun wolle die belgische Regierung weiter mit Engie sprechen, heißt es in der Mitteilung aus Brüssel.

Die belgische Energieministerin Tinne Van der Straeten von den flämischen Grünen soll mit der EU-Kommission über die Verlängerung der Kapaztitätsvergütung (CRM) sprechen. Dabei werden Energielieferanten dafür entschädigt, Stromkapazitäten für Spitzenlasten vorzuhalten. Die EU-Kommission soll dieser laut belgischen Medien bereits zugestimmt haben. Die belgischen Grünen hatten sich bisher nicht eindeutig zu einer möglichen AKW-Laufzeitverlängerung geäußert, die aktuelle, auch durch den Krieg in der Ukraine forcierte Energiekrise hat ihnen offenbar keine Wahl gelassen, berichten belgische Medien.

Doel liegt 150 Kilometer, Tihange 70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Im Sommer 2021 hatte die Stadt Köln eine Resolution unterzeichnet, die sich gegen die Laufzeitverlängerung richtet. Der Standort Doel werde seit Jahren wegen verschiedener Sicherheitsbedenken kontrovers diskutiert, hieß es in der Resolution, die von der Region Aachen initiiert worden war. Die Region hatte bereits 2017 mit Jodtabletten für einen möglichen Atomunfall vorgesorgt. Die damalige Bundesumweltministerin Svenja Schulze hatte 2018 dem zuständigen belgischen Minister mitgeteilt, dass sie die Verlängerungen von Laufzeiten von AKW für den falschen Weg halte.

Bei der gestrigen Gelegenheit bekräftigte die belgische Regierung ihr Interesse an kleinen modularen Kernreaktoren (SMR), auch Mini-AKW genannt. 25 Millionen Euro sollen in den nächsten vier Jahren in die Forschung an dem neuen Reaktortyp investiert werden.

Die Verlängerung der Laufzeiten der bestehenden AKW soll der Ausweitung erneuerbarer Energie nicht im Weg stehen, teilte die belgische Regierung weiter mit. Im Falle einer Überproduktion könnten Atomkraftwerke auch genutzt werden, um den Wasserstoffmarkt in Belgien voranzubringen. Das Land soll zu einer Drehscheibe für den Import und Transit von grünem Wasserstoff auch bis nach Deutschland werden.

Insgesamt will die belgische Regierung 1,1 Milliarden Euro für den Weg zur Klimaneutralität bereitstellen. Dabei soll sich Belgien auf die Windkraft konzentrieren, deren bestehende Kapazität in der Nordsee soll verdreifacht werden. Hier will das Land zusammen mit den Nachbarländern ein integriertes Offshore-Netzwerk schaffen. Die Mehrwertsteuer auf Solarmodule und Wärmepumpen soll herabgesetzt, der Einsatz von Photovoltaik ausgebaut werden und die Bahnhöfe und Gebäude der Bundesverwaltung Sonnenkollektoren sowie Ladestationen bekommen; zudem soll der Schienenverkehr gestärkt werden.

(anw)