Atomkraft: Deutsche Anrainer des AKW Leibstadt bekommen neue Jodtabletten

Die Menschen in den Gemeinden nahe dem Schweizer Atomkraftwerk können nun Jodtabletten abholen. Bei der Einnahme gibt es wichtiges zu beachten.

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Grafische Darstellung der Jodblockade.

(Bild: BMU)

Von
  • Andreas Wilkens

Im deutschen Landkreis Waldshut nahe dem Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt werden neue Jodtabletten verteilt. In den Gemeinden Albbruck, Dogern und Teile von Waldshut-Tiengen, die in einem Radius von 5 km zu dem AKW liegen, wurden die Jodtabletten bereits ausgetauscht. Die Bürgerinnen und Bürger dort können die Jodtabletten kostenfrei in ihrer örtlichen Apotheke abholen. Das Landratsamt Waldshut empfiehlt wegen der unmittelbaren Nähe zum AKW und der "hohen Priorität, schnell Notfallschutzmaßnahmen durchführen zu können", von der Ausgabe der Jodtabletten Gebrauch zu machen.

Neben anderen radioaktiven Stoffen entsteht in einem Atomkraftwerk durch Kernspaltung auch radioaktives Jod (Kaliumiodid). Wenn dieses durch einen Unfall austritt, könne sich dieses im Körper, speziell in der Schilddrüse, ansammeln und die Gefahr von Schilddrüsenkrebs erhöhen, erläutert das Landratsamt. Bei rechtzeitiger Einnahme ist die Schilddrüse bereits mit nicht-radioaktivem Jod gesättigt, bevor radioaktives Jod eingeatmet wird, es gibt eine "Jodblockade". Dadurch werde das Risiko gesenkt, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Daher würden seit vielen Jahren der Bevölkerung vorsorglich Jodtabletten an zentralen Stellen bereitgestellt, die alle zehn Jahre ausgetauscht werden.

Nach dem Verteilungskonzept des Landkreises und des Regierungspräsidiums Freiburg wurden Jodtabletten in den sogenannten Zentralzonen vorverteilt. Sie sind in allen Apotheken in Waldshut-Tiengen, Albbruck und Dogern erhältlich, die Kundschaft muss dafür einen Personalausweis vorlegen.

Die Tabletten werden nur für Personen bis 45 Jahre empfohlen, weil ältere Menschen durch die Tabletten ein höheres Gesundheitsrisiko für schwerwiegende Schilddrüsenerkrankungen hätten als das Risiko einer Krebserkrankung, wenn radioaktives Jod eingelagert wird. Damit sie optimal wirken, müssen die Jodtabletten zum richtigen Zeitpunkt aufgenommen werden, dieser wird von der zuständigen Katastrophenschutzbehörde angeordnet.

Nach dem Super-GAU von Tschernobyl im Jahr 1986 wurden Jodtabletten in Polen verteilt, dessen Bevölkerung damals vom Durchzug der radioaktiven Wolke besonders betroffen war, erläutert das Bundesumweltministerium. 10,5 Millionen Kinder und 7 Millionen Erwachsene wurden mit Jod behandelt. Nachuntersuchungen bei den behandelten Personen hatten ergeben, dass es keinen Anstieg der Schilddrüsenkrebshäufigkeit gab. In dem ebenfalls stark betroffenen Weißrussland hingegen – wo keine Jodblockade durchgeführt wurde – ist nach der Tschernobyl-Katastrophe der Schilddrüsenkrebs bei Kindern, der sonst extrem selten vorkommt, hundertmal häufiger aufgetreten.

Auch in anderen Gebieten Deutschlands schützen sich Menschen vor einem eventuellen Unfall in einem Atomkraftwerk. 2017 wurden Jodtabletten in der Region Aachen verteilt. Auch alle Belgier wurden mit solchen Tabletten versorgt. Als eine Konsequenz aus dem Super-GAU von Fukushima 2011 hatte die deutsche Bundesregierung 190 Millionen Jodtabletten angeschafft.

Das Atomkraftwerk Leibstadt ist seit 1984 in Betrieb. In der Schweiz wird überlegt, die Laufzeiten der dortigen Atomkraftwerke auf 60 Jahre zu verlängern. Eine Revision in Leibstadt ergab kürzlich, dass das AKW für einen längeren Betrieb in gutem Zustand sei.

(anw)