Auch Schweizer Corona-Warn-App verfügbar, europäische Lösung gefragt

Nun hat auch die Schweiz eine App zur Kontaktverfolgung gegen das Coronavirus. Der Ruf nach Kompatibilität der europäischen Dienste wird lauter.

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(Bild: creativeneko / Shutterstock.com)

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Mit der "SwissCovid-App" hat nun auch die Schweiz eine eigene App zur Kontaktverfolgung gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Bereits am Donnerstagmorgen wurde die Anwendung rund 150.000 mal heruntergeladen. Als letzten Schritt hatte am Mittwoch die Schweizer Regierung, der Bundesrat, eine Verordnung über das "Proximity-Tracing-System für das Coronavirus Sars-CoV-2 (VPTS)" verabschiedet. Zuvor war mehrmals das Epidemiegesetz diskutiert und geändert worden, um die Einführung der Tracing-App vorzubereiten.

Installation und der Einsatz der SwissCovid-App für Android und iOS sind freiwillig. Die App soll zusätzlich zur herkömmlichen Kontaktverfolgung (Contact Tracing) helfen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Die Schweizer Tracing-App gibt es in neun verschiedenen Sprachen, sie setzt ebenfalls auf die Kontaktverfolgung per Bluetooth. In der Bundesrats-Verordnung wurde auch festgelegt, dass ab Donnerstag der Bund sämtliche Kosten für Tests auf SARS-CoV-2 für ein Jahr übernimmt. Es soll fortan so viel getestet werden wie möglich und sinnvoll ist, teilt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit.

Wer von der Covid-App eine Warnung erhält, dass man engen Kontakt mit einer infizierten Person hatte (auf deren Handy die App dafür ebenfalls installiert sein muss), sollte sich bei den entsprechenden Stellen melden. Daraufhin werde entschieden, ob ein Test notwendig ist und ob man in Quarantäne muss, erläuterte der zuständige Bundesrat, Gesundheitsminister Alain Berset, auf einer Medienkonferenz. Es sei wichtig, dass Personen, die auf ihr Testergebnis warten, in der Zwischenzeit zu Hause in Quarantäne bleiben. Die Labore seien dazu angehalten, die Ergebnisse so schnell wie möglich vorzulegen.

Ist die Person dann positiv getestet, erhält sie vom kantonsärztlichen Dienst einen sogenannten "Covidcode", den sie in die App eingeben soll. Doch auch die Eingabe des Codes in die App ist freiwillig. Wer sich dann auf Anordnung eines Arztes oder einer Behörde weiterhin in Quarantäne begeben muss, hat Anrecht auf eine "Corona-Lohnfortzahlung". Wer sich nach einer Kontaktmeldung der SwissCovid-App jedoch freiwillig isoliert, ohne dass dies offiziell angeordnet wurde, erhält diese Zahlung nicht.

In der zu Ende gegangenen Testphase der SwissCovid-App zählte der Bund 180.000 Downloads und 160.000 aktive Nutzer. Insgesamt seien während der Testphase 81 Meldungen eingegangen, davon hätten 11 den Programmcode betroffen. Es seien dabei keine Meldungen eingegangen, die als kritisch oder systemrelevant eingestuft werden mussten.

Nächstens soll es auch möglich sein, eine Kompatibilität der SwissCovid-App mit ausländischen Apps herzustellen. "Wir sind im Austausch mit den Nachbarstaaten auf der technischen und der regulatorischen Ebene", sagte Sang-Il Kim vom BAG auf der Medienkonferenz. Man versuche möglichst bald mit den EU-Staaten eine Vereinbarung zu finden. Diese Absprachen seien komplizierter als die technischen Anpassungen, so Kim.

Entwickelt wurde die SwissCovid-App und vor allem ihre Kernstücke, wie das Tracing-Protokoll DP3T, von einem internationalen, interdisziplinären Team aus IT-Experten und Wissenschaftlern an den Eidgenössischen Technischen Hochschulen Lausanne (EPFL) und Zürich (ETHZ), dem Zürcher Softwareentwickler Ubique, Forschergruppen in mehreren europäischen Ländern sowie dem BAG. DP3T steht für "Decentralized Privacy-Preserving Proximity Tracing" und setzt auf "Privacy-by-Design" sowie die dezentralisierte Speicherung der anonymen Kontaktdaten auf dem eigenen Smartphone. Wegen der Programmierschnittstelle (Exposure Notification API) in die Smartphone-Betriebssysteme von Apple und Google arbeitete die DP3T-Entwicklergruppe außerdem eng mit den beiden US-Technologiekonzernen zusammen.

Inzwischen haben sich mehrere europäische Länder für eine Corona-Tracing-App auf dezentraler Basis wie DP3T ausgesprochen beziehungsweise eine solche bereits veröffentlicht. Vor gut einer Woche erschien die ebenfalls jetzt dezentral organisierte deutsche Corona-Warn-App von SAP und Telekom im Auftrag der Bundesregierung. Kurz danach wurde die dänische App vorgestellt, die auf Dezentralität und die Google/Apple-API setzt. Dennoch gibt es noch Schwierigkeiten mit der grenzüberschreitenden Funktionalität, wofür die Google/Apple-API aktualisiert werden müsse. Dezentral organisierte Apps gibt es außerdem bereits seit Wochen in Lettland und Italien.

Angesichts des Flickenteppichs selbst unter dezentral organisierten Apps zeigte sich die Europäische Union kürzlich besorgt. Beim Einsatz von Tracing-Apps sei "die Gewährleistung der Interoperabilität von entscheidender Bedeutung", so eine EU-Kommissions-Sprecherin. Derweil setzt etwa Frankreich mit der Tracing-App "ROBERT" auf eine zentralisierte Software-Architektur, ebenso die Tracing-App aus Island. In Frankreich haben nach aktuellen Medienberichten 460.000 NutzerInnen (bei circa 1,8 Millionen Downloads) die Warn-App für Corona bereits wieder deinstalliert.

Andere Länder ziehen ihre Apps gar wieder zurück, wie etwa Norwegen Grund: erhebliche Datenschutzbedenken wegen zentral gesammelter persönlicher Daten unter GPS-Einsatz. Auch in Österreich wird derzeit die "Stopp Corona"- App des Österreichischen Roten Kreuzes, die bereits seit Ende März erhältlich ist, überarbeitet, um kompatibel mit der Google/Apple-API zu werden. Und Großbritannien hat seine auf einer zentralen Daten-Architektur basierende Corona-App NHS COVID-19 App begraben.

Da die Exposure Notification API nur bei dezentralen Architekturen funktioniert, hatte die britische Regierung laut Zeitungsmeldungen erfolglos Verhandlungen mit Apple und Google geführt und darauf gedrängt, die Bluetooth-Funktionsbeschränkung zu lockern. Nun will man das alte Modell aufgeben und laut Medienberichten auf eine dezentrale Technik setzen, welche die Google/Apple API nutzt.

(mho)