Muse verunsichert Audacity-Entwickler mit neuen Lizenzplänen

Wer am Audio-Editor Audacity mitarbeiten möchte, soll eine spezielles Contributor License Agreement unterzeichnen. Das Vorhaben sorgt für deutliche Kritik.​​

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Von
  • Tim Schürmann

Nachdem die amerikanische Muse Group die maßgebliche Entwicklung von Audacity übernommen hat, scheinen die Entwickler von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten. Zunächst sollte der Audio-Editor Telemetriedaten verschicken – wenn auch erst nach einer Zustimmung durch den Benutzer. Dieser Plan stieß jedoch unter den Anwendern auf derart großen Widerstand, dass die Audacity-Entwickler schließlich doch zurückruderten, um Entschuldigung baten und die Funktion strichen. Mittlerweile sorgt ein geplanter Lizenzwechsel für eine weitere heftige Diskussion. Dabei geht es weniger um die Lizenz selbst, als um eine damit einhergehende Maßnahme.

Derzeit untersteht Audacity der quelloffenen GNU General Public License (kurz GPL). Anstelle der bislang genutzten zweiten Version soll zukünftig die dritte Fassung der GPL zum Einsatz kommen. Damit ließen sich Bibliotheken und Techniken integrieren, die nicht mit der alten GPLv2 kompatibel sind. Als Beispiel nennen die Entwickler die weitverbreitete Plugin-Schnittstelle VST3. Darüber hinaus nutzt das ebenfalls von der Muse Group entwickelte Notensatzprogramm MuseScore die GPLv3. Durch einen Lizenzwechsel könnten sich die beiden Anwendungen einfacher Programmcode teilen.

Die Audacity-Entwickler möchten zudem den Audio-Editor neben Windows, macOS und Linux auch noch auf weiteren Plattformen bereitstellen. Dies würde die GPL jedoch in einigen Fällen erschweren oder verhindern. Als Beispiel nennen die Entwickler Apples App Store, dessen Bedingungen die Veröffentlichung von GPLv3-Apps zumindest behindern. Dies bekam in Vergangenheit unter anderem der Media-Player VLC zu spüren, der sogar kurzzeitig aus dem App Store flog. Auch die Nextcloud-Entwickler ergänzten die Lizenz ihrer iOS-App um einen entsprechenden Passus.

Um den Audio-Editor über solche Quellen veröffentlichen zu können, will ihn die Muse Group bei Bedarf unter weiteren Lizenzen anbieten. Das gelingt allerdings nur, wenn alle beteiligten Entwickler diesem Vorhaben zustimmen. Wer zukünftig einen Beitrag zu Audacity leisten möchte, muss daher ein sogenanntes Contributor License Agreement (CLA) unterzeichnen. Er gestattet der Muse Group, den beigesteuerten Code beliebig anderweitig zu nutzen. Wer die Unterschrift verweigert, kann zukünftig keinen Code mehr zu Audacity einreichen. Den kompletten Wortlaut des CLA hat das Audacity-Team auf GitHub zusammen mit einer recht langen Erklärung veröffentlicht.

In der Community stößt das CLA auf teilweise recht heftige Kritik. So vermutet unter anderem der Programmierer Hector Martin, dass das Unternehmen eine kommerzielle Fassung von Audacity plane. Das Muse-Team betont jedoch in seinem Beitrag auf GitHub, dass Audacity auch zukünftig frei erhältlich bleibt. Zudem würden keine Funktionen integriert, die Anwender gegen eine Gebühr freischalten müssten. Geplant seien lediglich "verschiedene Cloud-Dienste", welche die Entwicklung von Audacity mitfinanzieren sollen. Darüber hinaus würde das Muse-Team in Kürze zahlreiche Änderungen einbringen. Ohne das CLA könnten die Entwickler diesen Code nicht frei in anderen Muse-Projekten nutzen. Die Anwender kontern, dass die GPL den Code-Austausch sowie die Einbindung der Cloud-Dienste erlauben würde. Ein CLA sei folglich komplett unnötig.

Contributor License Agreements kommen bei Open-Source-Software häufiger zum Einsatz. In einigen Fällen sorgen sie jedoch dafür, dass sich Entwickler vom entsprechenden Projekt abwenden. Dies bekam in der Vergangenheit etwa Ubuntu-Entwickler Canonical zu spüren, dessen entsprechende Projekte letztendlich deutlich langsamer voranschritten als Konkurrenzprojekte ohne CLA-Zwang. Erfahrungen mit einem solchen Agreement hat die Muse Group jedoch bereits mit seinem Notensatzprogramm MuseScore gesammelt. Zudem habe laut dem Muse-Team bereits die Mehrheit der bestehenden Entwickler von Audacity das CLA unterzeichnet. Anders als bei den Telemetriedaten dürfte das Unternehmen daher am geplanten CLA festhalten.

(axk)