Auf Darwins Spuren: Grammatik korreliert mit der Genetik

Ein Forschungsteam analysierte Genome, Sprachen und Musikstücke von 14 asiatischen Populationen. Die Grammatik spiegelte die Vorgeschichte am besten wider.

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Untersuchte Sprachen.

(Bild: UZH)

Nach Charles Darwins Ansicht entwickeln sich Gene und Kultur auf ähnliche Weise: Beide werden von Generation zu Generation weitergegeben, mit leichten Variationen in jedem Schritt. Mit dieser Theorie als Grundlage hat ein internationales Team unter der Leitung der Universität Zürich Familien verwandter Sprachen über mehr als 10.000 Jahre zurückverfolgt. Dafür kombinierte es mit neuen digitalen Methoden Daten aus Genetik, Linguistik und Musikwissenschaft. Dabei stellte sich heraus, dass Grammatik die gemeinsame Vorgeschichte einer Population am besten widerspiegelt. Sie korreliert im Gegensatz zu anderen kulturellen Merkmalen mit der Genetik.

Die Entdeckung der Bedeutung des grammatikalischen Faktors sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, meinen die Forschenden aus Genetik, Geographie, Linguistik und Musikwissenschaft. Weitere Analysen seien nötig, um die komplexe Natur der kulturellen und genetischen Evolution zu verstehen. Die Vorgeschichte folge nämlich keinem einfachen Schema, sondern einem komplexen Labyrinth von gemeinsamer Abstammung und Kontakt.

Die Forschenden wählten Nordostasien als besonders geeignete Region für ihre Studie "Exploring correlations in genetic and cultural variation" aus. Sie analysierten Daten aus elf Sprachfamilien wie Tungusisch, Chukutko-Kamtschatkisch, Eskimo-Aleutisch, Yukagirisch, dem Ainu, Koreanisch oder Japanisch, die von 14 Populationen gesprochen werden.

Dabei verwendete das Forschungsteam bestehende Gen-Daten und erhoben auch neue von Sprecherinnen und Sprechern des Nivchischen, einer isolierten Sprache, die auf der Insel Sachalin gesprochen wird. Die Genome der Populationen verglichen die Forschenden mit digitalen Daten zu ihrer Sprache (Grammatikregeln, Laute, Wortlisten) – beispielsweise maßen sie lexikalische Abstände zwischen den Wörtern in der ASJP-Datenbank – und ihrer Musik (Struktur, Stil). Dafür wiederum verwendeten sie Audioaufnahmen von 283 traditionellen Liedern, die manuell nach 41 Merkmalen aus den Klassifikationsschemata CantoCore und Cantometrics analysiert wurden.

Für die Modellierung der kulturellen Evolution über verschiedene Datentypen hinweg gebe es noch keine standardisierten Methoden, schreibt das Team. Daher habe es die Bevölkerungsgeschichte mit kulturellen Ähnlichkeiten abgeglichen, um genetische und kulturelle Daten in einem gemeinsamen Rahmen stellen zu können. Dabei hätten sich Distanzmatrizen ergeben, die Unterschiede zwischen Populationen/Sprachen darstellen. Diese verwendeten die Forschenden für eine vergleichende Analyse.

"Nordostasien ist die zentrale Kreuzung in der Vorgeschichte Asiens und der Erstbesiedlung Amerikas. Während ihre Bevölkerungen genetisch zusammenhängen, ist die Region kulturell und sprachlich sehr vielfältig", sagt Hiromi Matsumae, ehemalige Postdoc-Forscherin an der UZH und heute Professorin an der japanischen Tokai-Universität. Seit Beginn ihrer Existenz haben sich einige Populationen aufgespalten, andere haben sich zusammengeschlossen. Das hatte Auswirkungen auf die lokalen Sprachen und Gewohnheiten. Derzeit würden auf der Welt mehr als 7000 Sprachen gesprochen, diese Bandbreite gelte auch für die genetische Variation.

(anw)