Auf Tuchfühlung mit dem Pentium 4 - eine Reminiszenz zum 20. Jahrestag

Die äußerst innovative aber trotzdem untergegangene Prozessorarchitektur des Pentium 4 wird 20 -- etwas Technik, etwas Erinnerung zum Jahrestag.

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Von
  • Andreas Stiller
Inhaltsverzeichnis

Zwanzig Jahre Pentium 4 - Anlass für die Erinnerung an einen Prozessor und eine Architektur, zuerst viel bejubelt, später dann in der dritten Generation Prescott viel verlacht und verspottet und schließlich in Generation Vier (Cedar Mill) eingemottet. Sowas hatte Intel zuvor noch nie erlebt. Wie konnte es dazu kommen? Dazu ein Rückblick mit ein paar persönlichen Erfahrungen.

Als im Frühjahr 1999 John Barton, damals Leiter der Test- und Validierung bei Intel in Hillsboro (heute Vize der Digital Enterprise Group) auf einer Veranstaltung in München zum Schluss unvorsichtigerweise die Einladung aussprach, man könne ja mal in Hillsboro vorbeischauen, konnte er ja nicht ahnen, dass einer der Teilnehmer ihn beim Wort nimmt. Meistens ist es ja nur eine nett gemeinte Floskel; doch ich löcherte daraufhin meinen zuständigen Intel-PR Heiner Genzken, der es dann tatsächlich durchsetzte, dass ich im Anschluss an das Herbst-IDF 1999 vom beschaulichen Palm Springs nach Portland/Hillsboro reisen durfte.

Eine Analyse von Andreas Stiller

Andreas Stiller, bislang dienstältester Redakteur in der c't- und heise-online-Redaktion, beschäftigt sich mit Prozessoren, High Performance Computing, hardwarenaher Programmierung, HPC-Programmierung und spannenden wissenschaftlichen Themen wie Gravitationswellen, CERN etc. Auch im wohlverdienten Ruhestand, den er Ende 2017 angetreten hat, kann er natürlich von diesen Themen nicht lassen.

So saß ich dann dort zunächst im großen Konferenzsaal mehr als einem Dutzend Intelianern gegenüber, die mir zunächst eröffneten, dass noch nie ein Journalist in ihren heiligen Hallen war. Was ich vorher nicht so bedacht hatte: Es standen ja allüberall hochgeheime Systeme in diesen Hallen, da musste von ganz oben grünes Licht gegeben werden. Überall waren sorgfältig schwarze Tücher über die speziellen Testbretter gehüllt, alle möglichen Bilder, Plakate, Memos etc. an den Wänden waren ebenfalls verhüllt oder abgehängt – immerhin, vor dem Spion aus Deutschland hatte man offenbar Respekt. Etliche Jahre später verriet mir ein Intel-Mitarbeiter, wie schwer es war, überhaupt genügend schwarze Tücher in Portland aufzutreiben und wieviel Aufwand es insgesamt bedeutet hatte, die Hallen journalistensicher zu bekommen. Fotografieren war natürlich verboten ...

Klar, die verhüllten Testbretter und Systeme waren mit dem Willamette bestückt , benannt nach dem großen Fluss durch Portland. Willamette, das war der Codename für den Pentium 4, der erst über ein Jahr später am 20. November 2000 offiziell herauskam. Immerhin, seinen Namen hatte Intel schon im Juni verraten (naja, nach Pentium III ...). Diesmal hatte Intel auch dafür gesorgt, dass c't frühzeitig vorab ein Testsystem bekam und wir nicht wie etwa beim Pentium P5 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf einem CeBIT-Stand unsere Benchmarks fahren mussten, damals sehr zum Unwillen von Intel. Der Online-Artikel mit Verweis auf unseren Test war bei c't sogar Chefsache – ich konnte es mir aber nicht verkneifen, am gleichen Tag noch einen Artikel über die Bugs des Pentium 4 nachzuschieben, bei denen natürlich auch einer im Umfeld mit dem tollen A20-Gate dabei war.

Der Pentium 4 Willamette entstand unter der Leitung von Glenn Hinton, und ich hatte das große Glück, ihn vor und nach dem Launch auf den Microprocessor-Foren ein paar Mal zu treffen, saß mit ihm sogar zusammen, als AMDs Fred Weber den Sledgehammer vorstellte. Hinton hatte vom Management den klaren Auftrag bekommen, einen Prozessor für eine "Industry leading clock rate" zu entwickeln; das hatten er und sein Team bravourös hinbekommen. Intel stand in einem heftigen GHz-Wettbewerb mit AMD: GHz waren damals das Maß der Dinge, egal, was da an realer Leistung hinter stand. Und so schossen manche Prozessoren ziemlich unreif ins Kraut, etwa im Frühjahr 2000 der Pentium III mit 1,13 GHz. Blöd, der war noch recht instabil, das kostete dann Intel Reputation und dem Chef der Mikroprozessordivision Albert Yu den Job.

Möglichst hoher Takt, das war die Zielvorgabe, und dafür brauchte man eine Superpipeline mit 20 oder später 31 Takten

(Bild: intel)