Studie: Rohstoffhunger der Autoindustrie geht zulasten der Menschenrechte

Die verkehrspolitische Debatte lässt laut einer Studie die sozialen, ökologischen und menschenrechtlichen Kosten des Rohstoffabbaus fürs Autofahren außen vor.

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(Bild: Virrage Images / Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Brot für die Welt, Misereor und PowerShift fordern eine rasche "rohstoffgerechte Mobilitätswende", die die gesamte Automobilindustrie einbezieht. "Nach wie vor bleiben in der verkehrspolitischen Debatte vor allem die sozialen, ökologischen und menschenrechtlichen Kosten des Rohstoffabbaus für die Automobilität außen vor", monieren die drei zivilgesellschaftlichen Organisationen in der am Freitag im Vorfeld der Internationalen Automobilausstellung (IAA) veröffentlichten Studie "Weniger Autos, mehr globale Gerechtigkeit".

Die Verfasser wollen mit der Analyse einen Beitrag dazu leisten, solche "ausgelagerten und unsichtbar gemachten Kosten aufzuzeigen". Die Relevanz eines verantwortungsvollen Rohstoffbezugs durch Autokonzerne habe zwar "mit der Antriebswende" hin zur Elektromobilität mehr Aufmerksamkeit erfahren. Die damit einhergehende "massiv steigende Nachfrage nach Metallen wie Lithium, Kobalt, Graphit und Nickel hat die menschenrechtlichen, sozialen und ökologischen Probleme beim Abbau dieser Rohstoffe in den Fokus gerückt".

Dieser Blickwinkel ist den Autoren zufolge überfällig: In Argentinien, Bolivien und Chile, Kongo, Sambia, China, Russland, Indonesien und den Philippinen gehe die Rohstoffextraktion mit zahlreichen Konflikten einher. Die Abnehmer zerstörten so Lebensgrundlagen für andernorts angehäufte Profite. Aber metallische Rohstoffe wie Aluminium, Bauxit und Eisenerz würden nicht nur für die Akkus von E-Autos, sondern auch für Karosserie, Gehäuse, Motor, Abgassysteme und Bordelektronik eines jeden Kfz – also auch solcher mit Verbrennungsmotor – "bereits jetzt in hohen Mengen verarbeitet".

Die gegenwärtige Automobilität basiere nicht nur auf dem Verbrennen von Erdöl, "sondern auch auf dem Abbau und der Weiterverarbeitung zahlreicher Rohstoffe", heißt es in der Studie. In jedem Pkw steckten etwa mehrere Hundert Kilogramm Aluminium und Stahl. Diese beiden Metalle machten den mit Abstand größten Anteil des Volumens an den so genannten Konstruktionswerkstoffen aus. Ihre Herstellung aus den Erzen Eisen und Bauxit sei äußerst energieintensiv.

So habe die weltweite Stahlproduktion von 1900 bis 2015 schätzungsweise neun Prozent aller globalen Treibhausgasemissionen in diesem Zeitraum verursacht, rechnen die Experten vor. Der Aluminiumsektor sei für rund zwei Prozent verantwortlich. Entsprechend verursachten die beiden Metalle auch einen erheblichen Anteil der CO2-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette eines Autos, nämlich rund 60 Prozent. Zugleich gehe der Abbau der Erze – die nach Deutschland vor allem aus Brasilien und Guinea importiert würden – häufig mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung einher. Die Produktion sei häufig dort am günstigsten, "wo die menschenrechtlichen, sozialen und ökologischen Standards am niedrigsten sind".

"Immer wieder werden Menschenrechtsverletzungen beim Rohstoffabbau in der Lieferkette der Automobilindustrie dokumentiert", erläutert Armin Paasch von Misereor. Am 25. Januar 2019 sei etwa ein Rückhaltedamm im brasilianischen Brumandinho gebrochen, 271 Personen hätten ihr Leben verloren. Das Eisenerz des Betreiberkonzerns Vale werde auch für Autos "Made in Germany" genutzt.

Inzwischen bezeichnet auch die Bundesregierung die Automobilindustrie als "menschenrechtlich relevante Risikobranche". Das im Juni beschlossene deutsche Lieferkettengesetz sei zwar "ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung", meint Paasch. Es müsse aber in der kommenden Legislaturperiode nachgebessert und durch ambitionierte EU-Regeln ergänzt werden.

Die deutschen Autokonzerne profitieren von weit verzweigten Produktionsnetzwerken, die die Auslagerung zahlreicher Bestandteile der Herstellung ermöglichten, ist der Untersuchung zu entnehmen. An der ersten Stufe ihrer lukrativen Wertschöpfungskette stehe dabei stets der Abbau von Rohstoffen. Autokonzerne und ihre Zulieferer beanspruchten einen großen Teil dieser in Deutschland verarbeiteten Materialien, die meist importiert würden. Dabei handele es sich um beachtliche Mengen: Die Bundesrepublik sei der fünftgrößte Verbraucher von Metallen weltweit.

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E-Autos stellen den Autoren zufolge "trotz der negativen Begleiterscheinungen" etwa über rohstoffhungrige Akkus "die notwendige Alternative zum Verbrennungsmotor" dar. Es müssten aber "insbesondere Mobilitätsformen jenseits des Pkws im Privatbesitz gefördert werden". Laut einer anderen Analyse verbrauchen strombetriebene Autos insgesamt deutlich weniger Rohstoffe als Verbrenner.

"Trotz Klimakrise und Rohstoffkonflikten produziert die deutsche Autoindustrie immer mehr und immer schwerere Autos", kritisiert die Hauptautorin der neuen Studie, Merle Groneweg vom PowerShift-Verein für eine ökologisch-solidarische Energie- und Weltwirtschaft. Um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, müsse die Anzahl der Autos in Deutschland deutlich reduziert werden. Gefragt seien "weniger, kleinere, leichtere und in der Nutzung geteilte Autos".

Amnesty International in Deutschland hat die Autoindustrie parallel dazu aufgerufen, "ihren menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten vollständig und transparent auch in der gesamten Wertschöpfungskette von wiederaufladbaren Batterien nachzukommen". Die Unternehmen sollten sich so schnell wie möglich in einem ersten Schritt dazu verpflichten, Prinzipien für eine menschenrechtskonforme und umweltgerechte Batterieherstellung für die E-Mobilität aufzustellen und einzuhalten.

"Die Klimakrise ist auch eine Menschenrechtskrise und führt unter anderem zu schwerwiegenden Verletzungen der Rechte auf Leben, Gesundheit oder Nahrung", betont Mathias John, Experte für Wirtschaft und Menschenrechte bei der Organisation. Viele Leute würden aus ihrer Heimat vertrieben, Ungleichheiten verstärkt. Die Konzerne dürften nicht länger in Kauf nehmen, dass sich die Menschenrechtssituation etwa über die Wertschöpfungsketten für Akkus verschlechtere. Einen Leitfaden für eine bessere Produktion will Amnesty mit der gemeinsam mit anderen Organisationen herausgegebenen Publikation Powering Change geben. Sie enthält Regeln, die vom Rohstoffabbau über die Verarbeitungsprozesse und Produktion bis hin zu Verwendung, Entsorgung oder Recycling der Materialien reichen.

(mho)