Autonomer Bus bewährt sich in Wien nicht

Nach drei Jahren beendet Wien sein Projekt mit autonomen Bussen der Firma NAVYA. Fazit: Für den Einsatz in der Praxis ungeeignet.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 327 Beiträge
NAVYA-Shuttle in weiß-roter Bemalung

Mit maximal 20 km/h sind die NAVYA-Shuttles durch ein Neubaugebiet Wiens gerollt. AM Mittwoch war Betriebsschluss.

(Bild: Wiener Linien)

Von
  • Daniel AJ Sokolov

Der Stand der Technik bei selbstfahrenden Shuttles reicht nicht für den Einsatz im Alltag. Dieses Fazit ziehen die Wiener Linien, größter Öffi-Betreiber in Österreichs Hauptstadt, nach drei Jahren Testbetrieb: "Das Projekt hat gezeigt, dass der Weg zum autonomen Fahren im Personennahverkehr noch ein weiter ist." Am Mittwoch sind die autonomen Busse der Firma NAVYA zum letzten Mal durch den jungen Stadtteil Seestadt nördlich der Donau gerollt.

Die beiden Shuttlebusse wurden seit April 2018 zunächst in einer Garage sowie auf einem Uni-Campus und dann ab Juni 2019 im öffentlichen Fahrgasttestbetrieb in der Seestadt eingesetzt. Dabei wurden über 12.000 Kilometer mit maximal 20 km/h gefahren und mehr als 8.000 Fahrgäste befördert. Ohne Coronavirus-Pandemie währen sicher noch mehr Personen mitgefahren, selbst wenn das autonome Fahren zu Übelkeit führen kann.

"Durchwachsen" nennen die Wiener Linien das Ergebnis diplomatisch: "Sowohl im Sommer als auch im Winter gibt es nach wie vor wetterbedingte Probleme. Starker Wind sorgt ebenso wie leichter Schneefall, Starkregen oder Nebel dafür, dass die E-Busse manuell gesteuert werden müssen. Für einen linienmäßigen Dauereinsatz der Fahrzeuge muss der Markt noch zahlreiche Aufgaben bewältigen." Die Projektwebpage ist schon entfernt, ein Nachfolgeprojekt nicht geplant.

Dabei wäre die Seestadt ideal für die langsam autonom fahrenden Busse geeignet. Stadtplaner haben bewusst viel Platz gelassen und gleichzeitig Autos wenig Raum gegönnt. "Der Anwendungsfall in der Seestadt war eine perfekte Umgebung für NAVYA, um die autonomen Busse zu testen", sagte NAVYA-Vertriebsleiter Jean-Michel Boëz, "Unsere Busse sind ideal für neue Stadtviertel geeignet, in denen Bedarf an öffentlichen Verkehrsmitteln besteht und Platz für Autos bewusst reduziert wird."

Allerdings bringt ein junges Stadtviertel mit sich, dass sich laufend etwas verändert. Daher musste NAVYA die befahrene Strecke laufend neu erfassen und sogar versuchen, neue Gegebenheiten vorherzusehen. "Die Umgebung selbst war eine Herausforderung, da sie sich aufgrund von Bauarbeiten et cetera ständig veränderte und unser Team dazu veranlasste, die Strecke kontinuierlich anzupassen, sowie auch zukünftige Arbeiten vorherzusagen, um so einen möglichst reibungslosen Betrieb zu gewährleisten", erklärte Boëz.

Das Ausmaß des Problems zeigte sich schon bei den ersten autonomen Probefahrten im April 2018: Die Strecke war im März kartografiert worden, als es in Wien noch kalt war. Zwei Wochen später war es warm, und die Busse stoppten immer selbsttätig an der selben Stelle. Erst nach einiger Suche war das "Hindernis" gefunden: Aus einer Spalte im Straßenbelag waren Gänseblümchen gewachsen. Das störte die Künstliche Intelligenz des autonomen Fahrzeugs.

Lesen Sie auch

Menschen sind auch schwierig: "Das Projekt selbst war eine Herausforderung, da es eine der längsten Strecken war, die NAVYA je kartiert hat, und es viele Stationen und Bewegungen rund um die Shuttlebusse gab", führte Boëz aus. Wien ist für kurze Abstände zwischen Haltestellen bekannt, es gibt also relativ vielen Stationen pro Streckenkilometer.

Dennoch war der Feldversuch nicht vergebens. Die zahlreichen Projektbeteiligten haben viel über autonomes Fahren gelernt. Zu den Partnern zählt unter anderen das Austrian Institute of Technology (AIT). "Im Rahmen der wissenschaftlichen Leitung des Projekts arbeiteten wir an der optimalen Integration des automatisierten Busses in das Gesamtverkehrssystem. Dazu gehört einerseits die Verbesserung der Umgebungserkennung und Objektklassifizierung mit Hilfe von Machine Learning", stellte AIT-Energieforscher Wolfgang Hribernik fest. Verbessert werden müsse beispielsweise die "Kommunikation des Busses mit der Infrastruktur, aber auch mit Passagieren und Verkehrsteilnehmern, sowie Simulationstools für die effiziente Planung von Haltestellen und Flottenkonzepten."

"Sobald die Technik merkliche Fortschritte macht, werden wir uns wieder um Fahrzeuge bemühen", verspricht Günter Steinbauer, Geschäftsführer der Wiener Linien, "Denn der Gesamteindruck, den sowohl die Fahrgäste mit uns geteilt haben und den auch wir nach drei Jahren bekommen haben, zeigt, dass das die Zukunft sein wird. Nur wann diese Zukunft beginnt, steht noch nicht fest!“

(ds)