Baden-Württemberg: Informatiker warnen vor Microsoft 365 an Schulen

Die Gesellschaft für Informatik fürchtet, dass Baden-Württemberg mit dem Office-Paket von Microsoft seine digitale Souveränität im Bildungssystem verliert.

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(Bild: insta_photos/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Die Lehrerfachgruppe in der Gesellschaft für Informatik (GI) bezeichnet den vom baden-württembergischen Kultusministerium vorangetriebenen Wechsel zu kommerziellen Lösungen wie Microsoft Office 365 bei der geplanten Bildungsplattform als "großen Rückschritt". Dieser würde sich auf "alle Bereiche" auswirken wie etwa Datenschutz, Demokratieerziehung im digitalen Bereich, Methodik und Didaktik sowie "Einheitlichkeit, Offenheit und Kollaboration".

"Uns liegt sehr daran, dass die hervorragende Infrastruktur in Baden-Württembergs Schulen auf einer Open-Source-Basis erhalten bleibt", konstatiert das Gremium in einem jetzt veröffentlichen Positionspapier. "Zentrum einer digitalen Schule sollte immer ein wirklich auf Lernen ausgerichtetes Lernmanagementsystem sein." Mit der bereits eingesetzten Open-Source-Plattform Moodle stehe dies zur Verfügung – "inklusive offener Standards und Interoperabilität".

Für die Lehrerfachgruppe ist zudem fraglich, "ob unsere Fortbildungs- und Kollaborationsstrukturen den Parallelbetrieb mehrerer Systeme verkraften würden". Ganz sicher mache eine zusätzliche Plattform nur Sinn, wenn diese "einen offenen Export und Austausch der erstellten Materialien" verlässlich unterstütze. Für Moodle mit dem zugehörigen Videokonferenzsystem Big Blue Button sei das "heute und in Zukunft der Fall", bei proprietären Systemen wie denen von Microsoft "in der Regel nicht".

Der Umstieg auf eine kommerzielle Lösung könnte nach der 2018 für gescheitert erklärten Bildungsplattform Ella "der nächste Imageschaden für unser Technologieland werden", warnt die Gesellschaft für Informatik. Baden-Württemberg drohe damit "seine digitale Souveränität im Bildungssystem zu verlieren".

Mit ihrem Vorhaben, Microsoft 365 einzuführen, bewege sich Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) "auf dünnem Eis", heißt es. Denn: "Die Software sammelt Telemetriedaten unbekannter Art und Umfang." Dass die Rechtsgrundlage dafür im Sommer im Zuge des "Schrems-II-Urteils" weggefallen sei, "scheint niemanden zu kümmern". Der Cloud-Act verpflichte Microsoft zudem, "europäisches Recht zu brechen" und diese Informationen an US-Behörden herauszugeben.

Schon heute dürften sensible Schülerdaten etwa zu Verhalten, Leistungen, Gesundheit und Fehlzeiten "eigentlich gar nicht auf digitalen Endgeräten von Lehrkräften verarbeitet werden", konstatiert die GI. "Zumindest die dauerhafte Speicherung muss derzeit im Verwaltungsnetz der Schule stattfinden." Wanderten die Informationen nun just in eine Microsoft-Cloud, "verschärft sich das Problem". Die pragmatische Folge dürfte ein Verbot solcher Speichervorgänge sein: Die Verantwortung werde damit aber "erneut auf Lehrkräfte abgewälzt".

Die Gesellschaft für Informatik appelliert daher an die Landesregierung: "Übernehmen Sie Verantwortung – bleiben Sie Open Source!" Plattformen mit freier Software ermöglichten einen breiten Zugang "unabhängig von Betriebssystem und Endgerät". Selbst mit dem Mini-Computer Raspberry Pi könnten Schüler so am digitalen Schulleben teilhaben. Der Lehrmittelfreiheit könne die Exekutive so "auch kostengünstig gerecht werden".

Ähnlich hatte sich zuvor der Verband zur Förderung des MINT-Unterrichts (MNU) geäußert, der sich für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik starkmacht und "klar gegen die Nutzung von Microsoft Office 365-Werkzeugen" an Schulen ist. Selbst eine speziell entwickelte datensparsamere Version des Büropakets, wie sie nun an Berufsschulen in Kooperation mit dem Landesdatenschutzbeauftragten getestet werden soll, sei ungeeignet: aufgrund von US-Überwachungsgesetzen garantiere auch der Einsatz europäischer Server keinen angemessenen Datenschutz, da die Herausgabepflicht bestehen bleibe.

Die Marktstrategie des schon in der Schule beginnenden Lock-in-Effekts impliziere "eine Stärkung des Microsoft-Monopols und einer schon jetzt gefährlichen technologischen Abhängigkeit Europas von einem amerikanischen Unternehmen", unterstreicht der MUN in seiner Eingabe an Eisenmann. Mit Linux und Open-Source-Programmen europäischen Ursprungs könne dieser Entwicklung begegnet werden. Ein Umdenken müsse aber "früh beginnen, also in der Schule". Auch andere Eltern- und Lehrerverbände sowie weitere zivilgesellschaftliche Organisationen sehen keinen Platz für Microsoft an Bildungsinstitutionen.

(kbe)