Bedrohte Pseudonymität: Hotline soll bei Corona-App Trolle stoppen

Der Plan, eine Warnmeldung über die App nur mit einem QR-Code der Behörde nach einem positivem Coronatest zu verschicken, geht zunächst nicht überall auf.

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(Bild: Alexander Kirch / Shutterstock.com)

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Der vielgelobte Ansatz der Entwickler der nationalen Corona-Warn-App, eine Infektionsmeldung über die Mobilanwendung nur mit einem QR-Code der Gesundheitsbehörde nach einem positiven Coronatest versendbar zu machen, wird sich anfangs vielerorts aufgrund der mangelhaften Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem nicht implementieren lassen. Die Crux: Viele Test-Labore sind nicht ausreichend sicher an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen und müssen erst mit neuen Servern und Verschlüsselungslösungen ausgerüstet werden.

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Einschlägige Hardware-Beschaffungen liefen, könnten sich aber noch über Wochen und Monate hinziehen, schreibt der Spiegel. Das Verfahren über den QR-Code soll die Gefahr von Fehlalarmen oder den Missbrauch durch Trolle verhindern, die die Akzeptanz für die App insgesamt unterlaufen dürften. Als Übergangslösung soll dem Bericht nach daher eine rund um die Uhr erreichbare "Verifikations-Hotline" her.

Über das dahinterliegende Call-Center, für das die Deutsche Telekom als Mitentwickler der Anwendung einen "externen Dienstleister" beauftragen will, werden dem Plan zufolge psychologisch geschulte Mitarbeiter den Anrufern mit einigen Fragen auf den Zahn fühlen. Mit Auskunftsersuchen etwa zum Ort und Ablauf des durchgeführten Tests solle verhindern werden, dass etwa "übermütige Schüler das System austricksen".

Mitarbeiter der Hotline, die bis zu 1000 Anrufe pro Tag abwickeln könnten, helfen laut dem Magazin auch weiter, wenn es Probleme mit dem QR-Code etwa beim Einscannen gebe. Eine zweite Nummer werde von Mitte Juni an für technische Fragen zur Installation, kompatiblen Betriebssystemen und Endgeräten geschaltet.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber sagte dem Spiegel, er halte "die Gründe, weshalb eine Hotline eingerichtet wird, für plausibel". Er habe aber Vorbehalte: Es sei klar, dass der Weg über das Anrufzentrum "nicht mit einer vollständig pseudonymen Nutzung der App über das automatisierte Verfahren mithalten kann". Die Behörde habe bereits "auf mögliche Probleme des Datenschutzes hingewiesen", wonach das entworfene Verfahren erheblich verbessert worden sei. Die Verantwortlichen müssten zudem schnellstmöglich dafür sorgen, dass der ursprüngliche Ansatz allen App-Anwendern offen stehe.

Auch die Netzexpertin der Bundestagsfraktion "Die Linke", Anke Domscheit-Berg, kritisierte das Hotline-Verfahren als "problematisch und missbrauchsanfällig". Die App lasse sich "nicht allein mit Testfragen von Callcenter-Mitarbeitern trollsicher machen". Die Pseudonymität müsse gewahrt bleiben und ein ungewolltes "Outing" etwa durch die eigene Mobilnummer ausgeschlossen werden.

Bei der österreichischen "Stopp Corona"-App können Nutzer derzeit eine Warnmeldung nur verschicken, wenn sie ihre Handy-Nummer angeben, die 30 Tage gespeichert wird. Dieser Weg zeigt für den Präsidenten der Gesellschaft für Informatik, Hannes Federrath, wie man "auf den allerletzten Metern alles kaputt machen" und die Anonymität der Betroffenen aushebeln könne.

Vorstandsmitglieder der die deutsche Anwendung federführend vorantreibenden Konzerne Telekom und SAP hatten derweil noch am Donnerstag betont: "Im Hintergrund der App haben wir den Informationsfluss zwischen Ärzten, Prüfzentren und den Labors in ganz Deutschland digitalisiert."

Sie werteten diesen offenbar bislang nicht ganz geschafften Schritt als "weiteres Beispiel für die Fähigkeiten dieses Landes, sich zu verändern und anzupassen". Das Projekt zeige insgesamt exemplarisch, "worum es bei der Bekämpfung dieser Pandemie geht, jenseits der gesundheitlichen Aspekte: um gesellschaftlichen Zusammenhalt und Legitimation, Akzeptanz und Vertrauen – in die Demokratie, aber auch in die konstruktive Kraft des digitalen Fortschritts".

Gleichzeitig haben die vier Justizminister und -senatoren der Grünen in Sachsen, Berlin, Hamburg und Thüringen ihr Vorhaben vorangetrieben, Prinzipien wie die freiwillige Nutzung und die Zweckbindung der App rechtlich abzusichern. Nach der Publikation eines Positionspapiers einigten sie sich am Freitag auf einen heise online vorliegenden Diskussionsentwurf für ein "Gesetz zur zivilrechtlichen Gleichbehandlung von Nutzern und Nichtnutzern von mobilen Anwendungen zur Identifizierung von Kontakten" entlang der bereits von ihnen abgesteckten Linien.

Diskussionsentwurf zur Corona-Tracing-App (PDF)

Verstöße gegen Benachteiligungsverbote etwa im Arbeitsleben oder bei "Massengeschäften" sollen demnach mit einem Unterlassungs- sowie Schadensersatzanspruch sanktioniert werden. Beschließen müsste diese Initiative aber der Bundestag.

(bme)