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Berliner Bezirksamt enttarnt Teilnehmende von "Fuck 2-4-1"-Party im Berghain

Bei einer Warm-up-Party im Berghain mit Sex-Appeal kam es zu Corona-Fällen. Das Amt tappte in die "CC-Falle" und outete die Teilnehmenden versehentlich.

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(Bild: Pavel Ignatov/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Diese WTF-Meldung schreibt sich fast schon von selbst: Peinlicher Fuck-up im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin. Die Behörde musste Mitte der Woche eine intime Datenpanne eingestehen, die just die ausgelassenen Besucher der Party "Friday Fuck 2-4-1" im wohl berühmtesten Club der Hauptstadt, dem Berghain, betraf. Dabei schlug der leidige "CC-Fehlerteufel" bei der Kontaktverfolgung zu: Das Amt schickte die alarmierende Information über Corona-Fälle nach dem nächtlichen Vergnügen über einen offenen Mailverteiler.

Die Betroffenen erfuhren so nicht nur, dass sie sich bei dem wilden Treiben möglicherweise mit dem Coronavirus angesteckt haben könnten und sich dringend testen lassen sollten. Sie haben nun auch die Mail-Adressen aller anderen Angeschriebenen. Diese könnten sie zur weiteren Kontaktanbahnung nutzen, aber auch für sinistre Aktivitäten wie Erpressungen. Denn wer eine E-Postanschrift mit Klarnamen nutzte, darf sich nun – zunächst zumindest im Empfängerkreis – geoutet fühlen.

Die Besucher des Warm-up-Events für das Wochenende am 15. Oktober hofften vermutlich auf einen entspannenden Abend im Lab.Oratory. Die weitgehend im Dunkeln gehaltene Anlage im Erdgeschoss des legendären Techno-Clubs ist eine Ikone der LGBTQ-Welt. Dort feierte vor einigen Jahren sogar schon Lady Gaga eine private Sause mit der schwul-lesbischen Community nach einem ihrer Konzerte in Town.

An Freitagen geht es dort unter dem Motto "Pimp your Weekend" ohne Dresscode besonders relaxed zu: Auf der Webseite des Etablissements heißt es zur "Fuck 2-4-1"-Reihe: "Als Start in das Wochenende kannst Du das Lab auch ohne speziellen Fetisch erkunden. Als besonderen Bonus gibt’s die ganze Nacht jedes Getränk doppelt zum Preis von Einem." Rein kommen nur "Geimpfte oder Genesene" (2G). Kontakte werden "mit deinem persönlichen Berghain-Pass" nachverfolgt.

Mitte Oktober war der Wurm drin, es kam zu Corona-Infektionen. Wie eine Sprecherin des zuständigen Bezirksamts nun gegenüber mehreren Berliner Tageszeitungen einräumte, schnappte daraufhin auch noch die "CC-Falle" zu: 120 Personen seien mit einer nicht personalisierten Standard-E-Mail darüber informiert worden, dass sie sich auf einer Veranstaltung aufgehalten hätten, auf der sie einem erhöhten Ansteckungsrisiko mit SARS-Cov-2 ausgesetzt waren. Statt im "BCC" (Blindkopie) landeten die Adressen aber im für alle Empfänger und Empfängerinnen einsehbaren CC-Feld.

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Das Internet ist voll von heißen IT-News und abgestandenem Pr0n. Dazwischen finden sich auch immer wieder Perlen, die zu schade sind für /dev/null.

In der Mail waren der Ort und das Datum der Veranstaltung genannt. Somit diente sie als kleine Erinnerung für alle Adressaten daran, auf welches Abenteuer sie sich jüngst eingelassen hatten. "Dafür möchten wir uns in aller Form bei den betroffenen Personen entschuldigen", lautet die Ansage vom Amt. Die Kontaktnachverfolgung werde aktuell durch die steigenden Fallzahlen bei weitgehenden Lockerungen der Corona-Maßnahmen immer schwieriger.

Die offizielle Erklärung geht so weiter: Die Beschäftigten stünden "unter einem hohen Druck" – und haben offenbar keine Zeit, diesen selbst mal im Berghain herauszulassen. Der Datenschutz müsse natürlich trotzdem gewahrt bleiben, meinte die Sprecherin reumütig: "Als Konsequenz haben wir unsere Abläufe dahingehend angepasst, dass so ein Vorfall technisch nicht mehr möglich ist."

Der falsche Klick des Mitarbeiters dürfte noch zu dem ein oder anderen Nachspiel führen: Haben die Empfänger einer über einen offenen Verteiler verschickten Mail nicht eingewilligt, dass ihre Adresse für den ganzen Kreis erkennbar ist, liegt ein datenschutzrechtlicher Verstoß und eine meldepflichtige Panne vor. Dem Vernehmen nach prüft die Berliner Datenschutzbehörde den durch die Presse gegangenen Fall schon. Ein solches Versehen kann selbst Privatpersonen ein paar tausend Euro Strafe kosten.

Doch nicht der Behördenfehler sei das Problem, sondern die Gesellschaft, in der man "sich für Sex schämen muss", nahm der queere Aktivist Tadzio Müller die Vorgänge zum Anlass für tiefergehende Kritik. Für die Betroffenen sei die CC-Sache gar nicht so dramatisch, sinnierte er gegenüber Netzpolitik.org. Kaum einer davon habe angesichts eines weitverbreiteten schwulen Schweigegelübdes wohl einen Stimulus dafür, die Adressen und Identitäten zu verbreiten nach der Devise: "Ich war auf einer Fickparty – und diese anderen Personen auch."

(mho)