Berners-Lee: "Baut die sozialen Netzwerke der nächsten Generation"

Raum für Entwicklung: Auf der "Campus-Party" haben die Internetpioniere Tim Berners-Lee und Vint Cerf dafür geworben, Nutzer dezentral zusammenzubringen.

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(Bild: metamorworks/Shutterstock.com)

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Der Vater des World Wide Web, Tim Berners-Lee, hält an seiner Idee fest, dass das Hypertextmedium ein "konstruktiver" Ort sein kann, an dem sich die Kreativität der Gehirne seiner Nutzer sammelt und ein gemeinsames Verständnis entsteht. Dafür sei es aber nötig, stärker darauf zu achten, wie eine Technik angelegt sei und "welche Plattformen wirklich nützlich sind".

"Arbeitet wissenschaftlich und versteht, wie die Dinge funktionieren", appellierte der Physiker und Informatiker am Freitag auf dem dieses Jahr rein virtuell abgehaltenen Nachwuchsfestival Campus-Party von Telefónica. "Geht und baut die sozialen Netzwerke der nächsten Generation", forderte er die Teilnehmer aus der jungen Hackerszene auf. "Führt die Leute zusammen und versteht, von wo aus eine andere Person herkommt." Gefragt sei, wer die Wahrheit verbreite und investigativ den Dingen auf den Grund gehe.

"Es geht um die Sprache, um die Systeme, die wir bauen", verdeutlichte der 65-Jährige. Mit einem "anderen sozialen Netzwerk", bei dem es im Unterschied etwa zu Facebook oder Twitter keinen "Kick" gebe, andere mit "horrenden Hasskommentaren" fertigzumachen, ist es seiner Ansicht nach durchaus möglich, "Probleme zu lösen". Dafür sei es aber auch wichtig, die Datensilos zu öffnen, warb der Brite für sein aktuelles dezentrales Webprojekt Solid.

Der Nutzer solle damit befähigt werden, in jedem Fall selbst zu bestimmen, wo seine persönlichen Informationen gespeichert würden, proklamierte Berners-Lee. Im Idealfall handle es sich dabei um einen eigenen Solid-Datenpod, über den der Inhaber die volle Kontrolle habe. Bei Heimvideos etwa komme es sicher nicht so genau darauf an, wo diese abgelegt seien. Anders verhalte es sich etwa bei Passwörtern, die man am besten in einer Art Tresor in einer Bank ablege. In diesem Sinne solle Solid die dritte Stufe des Webs darstellen nach der ersten der Textdokumente und der zweiten der zentral gehorteten Daten. Damit lasse sich auch die Privatsphäre viel besser schützen.

Der Direktor des World Wide Web Consortium (W3C) wandte sich auch gegen die zunehmende App-Euphorie: Viele Telekommunikationsfirmen und Diensteanbieter "wollen Gadgets verkaufen", sagte er. Sie setzten daher auf geschlossene Mobilanwendungen, die aber das gesamte Vernetzungsgefüge des Webs zerstörten. So könne man Apps nicht einmal bookmarken. Diese "ewige Schlacht" müsse enden, beide Welten zusammengeführt werden. Jeder Nutzer sollte sich überhaupt nicht darum zu kümmern haben, ob er mit einer mobilen Anwendung oder auf einer klassischen Webseite unterwegs sei.

Der Vater des Internets und "Chief Internet Evangelist" von Google, Vinton "Vint" Cerf, war mit Berners-Lee einer Meinung, dass Vernetzungstechnologien gut geeignet seien, um an "die Weisheit der Vielen" zu gelangen. Es gebe aber auch eine "Dummheit des Mobs", hielt er dem entgegen. Der jungen Entwicklergemeinde gab der 77-Jährige die Erfahrung mit, dass es beim Netz noch "viel Raum für Erfindungen und Verbesserungen" gebe. Die Infrastrukturen dafür seien "gezielt offen angelegt", um Weiterentwicklungen zu unterstützen.

"Wir brauchen eine stärkere Authentifizierung, hochwertige Kryptographie und digitale Signaturen", machte der Miterfinder des elementaren Internetstandards TCP/IP Vorschläge für weitere Arbeiten. Daneben sei es aber auch nötig, die Anonymität im Netz zu sichern, da es Gesellschaften gebe, in denen man mit einem Bein im Gefängnis stehe, wenn man die Regierung kritisiere. Es liege auch an der Politik, das Internet besser zu machen, nicht nur an den Ingenieuren. Generell müsse das Internet viel zugänglicher, erschwinglicher, nachhaltiger und selbsterhaltend werden.

Angesichts der Coronavirus-Pandemie und dem damit verknüpften Boom an Videotechnologien wie Konferenzsystemen oder Streaming zeigte sich Cerf erstaunt, dass das Internet die Übertragung von Daten "in beide Richtungen" so gut unterstütze. Jetzt müssten die Nutzer nur noch ihr kritisches Denken stärken und lernen, besser zwischen Fakten und Desinformation zu unterscheiden. Den Bandbreitenzuwachs im Netz erachtete auch Berners-Lee als bemerkenswert: Er habe mit einer Geschwindigkeit von 300 Bit/s angefangen, nun liege sie bei 300 Milliarden Bit/s.

Die grundlegenden Designs des Internets seien super, zollte der frühere US-Vizepräsident Al Gore den Online-Pionieren Respekt. Politiker und einige große Konzerne hätten die Technik aber missbraucht und in einen "Desinformation-Superhighway" verwandelt, rügte der frühe Verfechter der Datenautobahn ("Information Highway"). Die Menschen tendierten zwar "zur guten Seite, aber die Führung ist entscheidend". Wenn ein Präsident wie Donald Trump nur Hass und Ärger verbreite und Minderheiten diskriminiere, falle das Echo in den Filterblasen der sozialen Netzwerke entsprechend aus.

Staaten wie Russland und China warf Gore vor, "Fake Tweets industrialisiert" und so geopolitische Strategien durcheinandergerüttelt und die Demokratie ausgehebelt zu haben. Es brauche offenbar noch etwas Zeit, um die Welt in ein neues Gleichgewicht zu bringen. In den letzten Monaten sei aber auch sichtbar geworden, dass Twitter, Reddit und – unter enormen Drucksogar Facebook ihre Praktiken geändert hätten und stärker gegen Hass, Rassismus und Rechtsextremismus vorgingen.

Die Bewegung "Black Lives Matter" begrüßte der 72-Jährige und mahnte dazu, sie auch wörtlich zu nehmen. Derzeit stürben Schwarze zwischen 33 und 44 Jahren zehnmal häufiger an Covid-19 als der Bevölkerungsdurchschnitt in den USA. Dies liege wohl auch daran, dass sie "keine Jobs haben, in die man hineinzoomen kann". Allgemein empfahl der Ex-Politiker, beim Zurückerobern des Internets aus den Händen von Demagogen genauso wie beim Klimaschutz auf die Wissenschaft zu hören.

(ssi)