Beruf Softwaretester: Akribisch detektivisch

Weltweit gibt es hunderttausende zertifizierte Softwaretester, aber keine fehlerfreie Software. Wie kann das sein und wie wird man Softwaretesterin?

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(Bild: Andrey Suslov/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Die Deutsche Bahn kennt jeder, sie ist aber nur eines von etwa 450 mehr oder weniger bekannten öffentlichen Eisenbahnunternehmen in Deutschland. Knapp 90 Prozent des deutschen Schienennetzes gehören dem Staatsunternehmen Deutsche Bahn. Alle Eisenbahnunternehmen, also auch die Deutsche Bahn, müssen für die Benutzung der Gleise bezahlen. Dieser Trassenpreis ist aus wettbewerbsrechtlichen Gründen für alle gleich hoch.

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Die einzelnen Streckenabschnitte unterscheiden sich jedoch metergenau nach ihrer Art, etwa Fern- oder S-Bahn-Strecken. Für die Preisberechnung der Trassen, einer Art Maut, gibt es ein digitales Abrechnungssystem, das derzeit von der DB Systel neu entwickelt wird. Diese Gesellschaft, ein Tochterunternehmen der Bahn, ist der interne IT-Dienstleister des Konzerns.

Maik Weide ist einer von vielen im Projektteam der Neuentwicklung und darin Softwaretester. Business Engineers erstellen die Anforderungen an das Abrechnungssystem in User Storys. In der agilen Softwareentwicklung werden so die Erwartungen des Nutzers an die Funktionalität einer Software genannt. "Ab diesem Zeitpunkt sind wir von der Qualitätssicherung mit im Boot", sagt Weide. Die Spezifikationen sind wichtig für Softwaretesterinnen und Softwaretester, weil nur getestet werden kann, was definiert ist. Weide ist technischer Tester im Back-End. "Ich überprüfe etwa, ob Schnittstellen im Programm funktionieren."

Beispiel: Jedes Eisenbahnunternehmen hat eine Kundennummer. Unter der sind viele weitere Informationen wie Adresse und Bankverbindung hinterlegt. "Wie reagiert das System, wenn ich eine fehlerhafte Kundennummer eingebe oder eine, die überhaupt nicht existiert?" Stürzt dann im schlimmsten Fall das ganze System ab? Solle es Schwierigkeiten an den Schnittstellen geben, dann spricht Weide mit den Entwicklern, um die Probleme zu lösen. Entwickelt wird agil und die Qualitätssicherung ist Teil des Entwicklungsprozesses.

Weide hat eine Ausbildung zum Systemkaufmann abgeschlossen und ist danach in der Qualitätssicherung in seinem Ausbildungsbetrieb gelandet. "Dort hat es mir gut gefallen. Ich habe die ersten Softwaretests durchgeführt und Test-Zertifikate erworben." Seit sieben Jahren ist er Softwaretester bei DB Systel und seine Zertifikate stammen überwiegend von der ISTQB, dem International Software Testing Qualifications Board.

Das ist eine gemeinnützige Zertifizierungsstelle für Softwaretester mit einem weltweit anerkannten, standardisiertes Aus- und Weiterbildungsschema für Softwaretesterinnen und Softwaretester mit unterschiedlichen Ausbildungsstufen. Das German Testing Board ist die deutsche Organisation des ISTQB. DB Systel arbeitet nach den Grundlagen des ISTQB, daher sprechen alle Tester im Unternehmen dieselbe Fachsprache.

Dennis Baumgart ist bei DB Systel übergreifender Quality Assurance Manager der Einheit Sales and Timetabling Solutions mit rund 150 Mitarbeitern, davon sind 30 Testexperten. "Alle im Team brauchen ein Basiswissen in Informatik und die Tester Fachwissen in der Qualitätssicherung", sagt Baumgart. Die Tester sind Experten in den Qualitätsprinzipien. Viele von ihnen haben ein IT-Studium abgeschlossen, andere sind Ingenieure oder Mathematiker.

Sie müssen strukturiert arbeiten können, mitunter detektivisch. Sie brauchen Durchsetzungsvermögen, weil Testen manchmal der Bremsklotz dafür ist, der eine rasche Auslieferung der Software verhindert. Entwickler sind immer im Zeitdruck, weil die Deadlines oft kurz. Und sie müssen in ihrer Arbeit akribisch sein. Soviel zu den wesentlichen Softskills. Fachlich sind Zertifikate wichtig, Wissen um Testautomatisierungen, die Tests ökonomischer machen und sie brauchen Weiterbildungen im agilen Testen, in Cloud Technologien und der Entwicklungsmethode CI/CD-Pipeline.

Dass Entwicklerinnen und Entwickler Kreatives erschaffen und ein Tester am Ende das Ergebnis prüft, das war vorgestern. "Testen ist heute Teil der Entwicklung und die Tester coachen das Team mit Qualitätsdenken", sagt Baumgart. Testen kann keine Qualität in die Software bringen. Sie stellt sie im Idealfall fest oder findet Fehler.

Softwaretesten hält Baumgart für wichtig und diese Aufgabe wird noch wichtiger werden, "weil Software immer komplexer wird und Qualität immer präsenter". Das macht Testen zunehmend notwendiger, wobei auch die Komplexität im Testen steigt. Fehlerfreie Software ist dabei nicht das Ziel. "Qualitätssicherung ist risikobasiert: In kritischen Bereichen sollen Fehler vermieden werden", sagt Baumart. Deshalb gibt es auch keine fehlerfreie Software, obwohl es weltweit um die 670.000 zertifizierte Tester gibt. Die testen jede Art von Software. Ob im Auto, Herzschrittmacher oder für den Onlinehandel.

In der Halbleitersparte von Zeiss prüfen Tester die Steuerungs- und Automatisierungssoftware von Messmaschinen, mit der Fotomasken für die Belichtung von Halbleitern vermessen und repariert werden. Die Fotomasken sind die Projektionsvorlagen für mikroelektronische Schaltungen. Sie sind rechteckige Glaskörper, etwa 15 mal 15 Zentimeter groß und funktionieren optisch – sie werden mit einem Laser bestrahlt, lassen an bestimmten Stellen das Licht durch und belichten die Halbleiter. Mit den Softwareapplikationen der Messmaschinen werden Lage, Formen und Strukturen der Maske vermessen, automatisiert ausgewertet und repariert.

"Bei den Strukturen bewegen wir uns im Nanometer-Bereich", sagt Goetz Dietrich, Leiter der Softwareentwicklung in der Geschäftseinheit Semiconductor Mask Solutions. Eine einzige Highend-Maske kostet einen sechsstelligen Betrag und mit ihr werden Millionen Mikrochips produziert. "Deshalb müssen die Strukturen auf den Masken zu 100 Prozent fehlerfrei sein, was zu einer immens hohen Verantwortung für die Qualitätssicherung führt", sagt Dietrich. Er hat 100 Mitarbeitende, davon ist jeder Fünfte Tester.

Die Quality-Engineers sind für das Testdesign zuständig, als was, wie getestet wird. Die gängigsten Praktiken sind Unit-Integrations- und System-Tests. Wenn der Tester die Funktionalität erhoben hat, testet er manuell. Wiederkehrendes wird automatisiert. Dafür programmieren Testautomatisierer Anwendungen.

Bei den Tests bedienen sich die Mitarbeitenden von Dietrich den Regeln des ISTBQ und leiten daraus eigene Prozesse ab. Neben Zertifikaten brauchen die Tester Informatik-, Physik- und Optikwissen. "Wir entwickeln im Sondermaschinenbau an den Grenzen der Physik und das ist herausfordernd." Weil der Workflow komplex ist, sind Einarbeitungszeiten von einem bis zwei Jahren üblich.

"So wie es an Software-Entwicklern mangelt, gibt es auch nicht genügend qualifizierte Software-Tester", sagt Dietrich. Das ist die eine Gemeinsamkeit, die andere betrifft das Gehalt. Auch dabei liegen sie gleichauf.

(axk)