Berufskrankheit Burnout: Totale Erschöpfung

Offiziell ist Burnout keine Krankheit. Inoffiziell ist das Erschöpfungssyndrom aber vorhanden. Ist dieser Widerspruch ein Problem? Und wie!

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(Bild: Aleksey Boyko/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Burnout ist gleich in doppelter Hinsicht gefährlich. Die betroffenen Menschen leiden unter einem tiefen Erschöpfungszustand, der aber häufig nicht als solcher erkannt wird. Zum medizinischen kommt ein abrechnungstechnisches Problem. "Burnout ist nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO keine Krankheit, Patienten können deshalb nicht wegen Burnout krankgeschrieben werden", sagt Professor Dirk Windemuth, Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

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Deshalb werden Patienten mit Burnout-Symptomen wegen Depressionen krankgeschrieben und aufgrund dieser Diagnose behandelt. "Das hilft aber nicht, sondern schadet den Menschen", sagt Windemuth. Für ihn ist es deshalb wichtig, dass Betroffenen wissen, wo sie Hilfe finden können.

Totale Erschöpfung ist das Synonym für Burnout und Stress der Auslöser. Stress kann beruflich oder privat bedingt sein, ist aber nie die alleinige Ursache für Burnout. "Bei allen psychischen Erkrankungen gibt es einen multikausalen Zusammenhang", sagt Windemuth. Um überhaupt an einer Erschöpfung zu erkranken, müssen die Menschen neben dem Stress eine Anlage für eine psychische Erkrankung haben. Trifft solche Personen eine starke Belastung, kann das zu Burnout führen.

Wer betroffen ist, leidet unter drei typischen Symptomen: 1. Emotionale Erschöpfung. Die zeigt sich etwa darin, dass Menschen für andere keine Gefühle mehr empfinden. 2. Fehlende Leistungsfähigkeit. Die Betroffenen schaffen ihre Aufgaben trotz Überstunden nicht mehr, sind handlungsunfähig. 3. Zynische Distanzierung. Menschen gehen auf Distanz zu ihrer Arbeit und werden zynisch. "Wer sagt, ‚Ich kann nicht mehr‘ – und das nicht nur in einer konkreten Situation - hat schon fast Burnout", so Windemuth. Dieser Hilferuf ist mehr als ein Frühindikator.

Aber wie können sich Menschen schützen, die spüren, dass eine Erschöpfung droht? "Sie müssen beispielsweise nein sagen können und nicht perfekt sein wollen", rät der Professor, der jahrelang in der psychologischen Therapie gearbeitet hat. Wer 95 Prozent seiner Arbeit schafft, leistet viel. Wer alles perfekt machen will, hat nie Feierabend. Nein sagen, das kann man lernen, bei psychologischen Psychotherapeuten oder Fachärzten für Psychotherapie. "Aber niemals im Internet nach Symptomen googeln", warnt Windemuth. Das Informationsmaterial dort verunsichert mehr, als es hilft.

Nach Meinung des Professors betreiben Arbeitgeber oft Prophylaxe gegen Burnout, indem sie die Arbeit gesund gestalten. Dazu gehören vor allem der Aufbau guter Arbeitsbedingungen und Beratungsangebote für Mitarbeiter bei externen Dienstleistern: Beschäftigte mit psychischen Problemen können dort anrufen und das qualifizierte Personal erkennt, ob jemand zum Fachmann sollte oder ob eine telefonische Beratung ausreicht. "So wie Arbeitgeber dafür sorgen müssen, dass Arbeit nicht krank macht, ist es die Pflicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, daran mitzuwirken und auch eine Überlastung mitzuteilen", sagt Windemuth. Hellsehen kann das kein Vorgesetzter.

Wie weit verbreitet Burnout ist und ob das Erschöpfungssyndrom zu- oder abnimmt, lässt sich nach Auskunft der Barmer Krankenkasse nicht sagen, weil Burnout keine medizinische Diagnose ist und das Erschöpfungssyndrom deshalb nicht in den Abrechnungsdaten auftaucht. Burnout hat eine nahe Verwandtschaft zur Depression und ihren Symptomen, so die Barmer. Daher kommen die medizinischen Fehldiagnosen. Wie alle Krankenkassen hat die Barmer Angebote zur Stärkung der psychischen Gesundheit. Dazu zählen Informationen und Online-Kurse zur Stressbewältigung.

Je eher man mit Prävention beginnt, umso besser für die eigene Gesundheit. "Erst, als ich in meiner Ausbildung zum Burnout-Prophylaxe-Trainer von den Symptomen erfahren habe, wurde mir klar, warum es mir selber schlecht ging", sagt Holger Kracke, Inhaber der Kracke Academy und Vorsitzender im Deutschen Bundesverband für Burnout Prophylaxe und Prävention.

Der Verband schafft Rahmenbedingungen für die Qualifikation von Burnout-Beratern, ist Anlaufstelle für Betroffene und berät Unternehmen bei der Planung und Entwicklung von gesundheitsfördernden Maßnahmen für deren Beschäftigte. "Wir beraten Unternehmen und zeigen ihnen, wie sie Ihre Mitarbeitenden auch mit kleinen Budgets gut schützen und unterstützen können", so Kracke. Seine Präsenzseminare und hybriden Online-Kurse werden üblicherweise von Unternehmen gebucht. Teilnehmer sind gesunde Menschen, die vorbeugen wollen, andere haben leichte oder schon schwere Burnoutsymptome.

Burnout kann grundsätzlich jeden treffen. "Laut unterschiedlicher Studien haben etwa ein Drittel der Berufstätigen ein erhöhtes Risiko, daran zu erkranken", sagt Kracke. Eine deutliche Zunahme der Fälle lässt sich ab Ende 20 feststellen, ebenso signifikant sinkt sie ab circa 60 Jahre. Das größte Risiko besteht zwischen 35 und 55 Jahren. Die Untersuchungen bestätigen die Erfahrungen von Kracke aus seiner Beratungspraxis.

Zertifizierte Mitglieder des Verbands sind auf einem von den Krankenkassen anerkannten, multimodalen Stress-Präventionsmodell ausgebildet. "Stresskompetenz ist Methodenkompetenz", sagt Kracke. Je besser bestimmte Kompetenzen ausgeprägt sind, desto geringer ist die Gefahr, am Erschöpfungssyndrom zu erkranken. Entscheidender Unterschied zu herkömmlichen Stress-Präventions-Programmen ist die Durchführung eines zusätzlichen Stressdiagnostik-Tests der zertifizieren Verbandsmitglieder. Der findet heraus, wie hoch das persönliche Risiko ist, innerhalb der nächsten 12 Monate ein Burnout zu bekommen.

Darüber hinaus zeigt die Auswertung die Ausprägung der einzelnen Kompetenzen, die für die Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit notwendig sind. In einem persönlichen Auswertungsgespräch werden anschließend individuelle Hinweise gegeben, ob und wo Optimierungsbedarf besteht. Kracke rät dazu, diesen Test einmal pro Jahr durchzuführen. "Diese Burnout-Prävention sollte zur Selbstverständlichkeit werden, wie der alljährliche Gesundheitscheck beim Hausarzt", empfiehlt Kracke.

(axk)