Betriebsrat vs. Startup-Kultur: Kummerkasten für Kollegen

Ein Betriebsrat passt so wenig in ein Startup wie dessen lockerer Umgang in einen etablierten Konzern. Könnte man meinen, ist aber falsch vermutet.

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(Bild: fotoinfot/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Simon Kickartz ist gleich zweimal die Nummer eins bei seinem Arbeitgeber: Zunächst war der 31-jährige der erste Mitarbeiter von Massive Miniteam, einem Unternehmen mit Sitz in Pulheim bei Köln, das Computer-Spiele und Apps für Augmented und Virtuell Reality entwickelt. Kurz nach der Gründung des Startups vor etwa drei Jahren hat Kickartz als 3-D-Artist in der Firma angefangen.

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Er modelliert Menschen, Städte, Tiere für die Anwendungen, die aus der realen eine digitale Welt machen. Seit Mitte 2020 ist er außerdem der erste Betriebsrat in der Firma, die 16 Mitarbeiter hat. Braucht ein so kleines Unternehmen überhaupt einen Betriebsrat, ist dessen Mitbestimmungsrecht nicht eher hinderlich im Aufbau einer Firma und wie passen formale Bestimmungen des Betriebsverfassungsgesetzes zur lockeren Startup-Kultur?

Das Verhältnis zwischen Betriebsräten und Managern ist in Deutschland überwiegend konstruktiv. Laut einer Befragung unter Betriebsräten durch die Hans-Böckler-Stiftung bewerten knapp 60 Prozent der Beschäftigtenvertreter ihr Verhältnis zur Chefetage als "gut" oder "sehr gut". In anderen Firmen versuchen Arbeitgeber systematisch die Mitbestimmung zu boykottieren. Der Befragung zufolge reichen die Schikanen von gezielter Informationszurückhaltung bis hin zu Kündigungen und Standortschließungen. Am wahrscheinlichsten sind aggressive Praktiken dort, wo es keine Tradition der Mitbestimmung gibt, etwa in Startups, so die Autoren der Studie.

Bei Massive Miniteam gab es keine Widerstände gegen eine Betriebsratsgründung vonseiten der Geschäftsführung. "Wir sehen diese Institution durchaus positiv", sagt Tim Schroeder, einer der drei Gründer des Startups. Denen fiel auf, dass es am Feedback von der Belegschaft an die Gründer mangelte. Deshalb machte die Geschäftsführung einen Termin mit dem Berater des Startups, um gemeinsam mit den Beschäftigten eine Lösung zu finden. Dabei kam die Belegschaft auf die Idee, einen Betriebsrat zu gründen, der sich darum kümmern soll.

Die Hierarchie bei Massive Miniteam ist flach, der Umgang locker. Anfangs wurden Freude und Bekannte eingestellt. "Das verändert sich nun mit jedem neuen Mitarbeiter, denn das sind nun meist Unbekannte", sagt Schroeder. Seinen ersten Mitarbeiter Kickartz sieht er nun öfters und sie reden mehr Geschäftliches miteinander als vor dessen Wahl zum Betriebsrat. "Persönlich hat sich zwischen uns nichts geändert, wir scherzen mitunter und verstehen uns gut", sagt Schroeder. Geschäftlich gibt es auch keine großen Differenzen, weil sich Betriebsrat und Geschäftsführung in der Unternehmensstrategie und damit grundsätzlich einig sind.

Ob es einen Betriebsrat in einer Firma gibt, hängt von dessen Unternehmenskultur ab: "Mitspracherecht oder Patriarchat", sagt Jan Jurczyk, Pressesprecher der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Hinderlich sei die Mitbestimmung keinesfalls, sondern förderlich auch für Startups, weil etwa viele Führungskräfte in kleinen Unternehmen ihre Fähigkeiten zur Kommunikation überschätzen.

Beispiel: In einem kleinen Unternehmen in Gründung ziehen alle an einem Strang, dann stockt das Wachstum. Der Umgangston wird rauer, die Arbeitszeiten länger. Daraus entwickeln sich alltägliche Konflikte, die gelöst werden oder nicht. "Durch sein Mitspracherecht kann der Betriebsrat dabei helfen, die Probleme zu lösen, indem er zwischen der Geschäftsführung und den Beschäftigten vermittelt", sagt Jurczyk. Betriebsräte wissen, wo der Schuh ihrer Kollegen drückt.

Typische Konflikte die Betriebsräte lösen sind zu lange Arbeits- und zu kurze Pausenzeiten. Für beides gibt es klare gesetzliche Regeln. Hält sich der Arbeitgeber nicht daran, kann der Betriebsrat die Zeiten einfordern. "Wegen der Durchsetzung von Arbeitsschutzregeln darf ein Betriebsrat nicht entlassen werden. Ein Mitarbeiter zwar auch nicht, aber möglicherweise wird dieser dann aus vorgeschobenen Gründen gemaßregelt", sagt Jurczyk. Davor sind Betriebsräte geschützt.

Insbesondere Investoren in Startups haben keinerlei Interesse, dass ein Betriebsrat gewählt wird. "Die wollen Geld verdienen, denen sind die Mitarbeiter meistens egal", sagt Jurczyk. Investoren sehen in Betriebsräte oft den entscheidenden Hinderungsgrund für die hohe Verzinsung ihres eingesetzten Kapitals.

Um den möglichen Einfluss von Investoren ging es auch bei der Gründung des Betriebsrats bei Massive Miniteam. "Wir wollten Arbeitsplatzsicherheit für die Mitarbeiter schaffen, falls der Einfluss von außen zu groß oder das Unternehmen von Investoren übernommen wird", sagt Kickartz. Wenn ein Betriebsrat Bedenken gegen Kündigungen hat, besteht ein Veto- und Mitspracherecht.

Ein Betriebsrat ergibt nach Meinung von Kickartz auch in kleinen Startups Sinn: "Als wir nur zu acht waren, ist die Kommunikation schon schwierig gewesen." Manche trauten sich mit ihren Problemen nicht direkt zum Chef zu gehen. Jetzt können sie zum Betriebsrat. Den gibt es bei Massive Miniteam seit einem guten halben Jahr. "Als Betriebsrat habe ich inzwischen den Informationsfluss zwischen Chefetage und Mitarbeiter verbessert, es wurde ein Auszubildendenvertreter gewählt und ich bereite eine Betriebsvereinbarung für den Elternschutz vor", sagt Kickartz.

Er ist der einzige Betriebsrat im Unternehmen und daher der Vorsitzende. Erst ab 21 Beschäftigten können mehr gewählt werden, nämlich drei. Bislang hat sich Kickartz sein Wissen für die Betriebsratstätigkeit online angelesen, demnächst will er an Schulungen teilnehmen.

In Startups gibt es nur höchst selten Betriebsräte. "Unter 1.000 Firmen vielleicht einen", schätzt Semir Fersadi, Mitglied im Vorstand Deutscher Gründerverband. Ob der Betriebsrat nun hinderlich oder förderlich ist, sei eine Frage der Perspektive. Wenn es um Startups geht, die von Investoren finanziert werden, ist ein Betriebsrat eher hinderlich, weil er möglicherweise die Freiheiten der Inhaber einschränkt.

"Solche Firmen sollen schnell wachsen und profitabel werden. Das erzeugt bei den Beschäftigten oft Druck, weshalb gerade in solchen Unternehmen ein Betriebsrat vonnöten ist", sagt Fersadi. Für ihn ist der Betriebsrat ein Kummerkasten und Betriebsräte Menschen, die sich um die Belange ihrer Kollegen kümmern. Fersadi sieht den Betriebsrat durchaus positiv, wenn der seine gestalterischen Möglichkeiten nutzt, doch leider würde die Mitbestimmung viel zu oft negativ dargestellt.

(axk)