Biontech-Chef Şahin: Keine großen Sorgen wegen Coronavirus-Mutationen

Covid-19-Impfstoff-Entwickler Uğur Şahin gibt sich zuversichtlich, dass "die Herdenimmunität bis zum Ende des Sommers hinzubekommen" sei.

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(Bild: FabrikaSimf/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Die ständigen Mutationen des neuartigen Coronavirus rauben Biontech-Chef Uğur Şahin bislang nicht den Schlaf. Auch wenn es mittlerweile über 25 entsprechende SARS-CoV-2-Varianten etwa aus Südafrika, Europa und Südamerika gebe, "bin ich nicht allzu sehr besorgt", erklärte der Mitgründer des Biotech-Unternehmens am Montag auf der Online-Konferenz DLD (Digital, Life, Design).

Die Antikörper-Antwort des von Biontech gemeinsam mit Pfizer und Fosun Pharma entwickelten Covid-19-Impfstoffs BNT162b2 sei "noch stabil". Die einzige Ausnahme stelle die Südamerika-Variante dar, räumte Şahin ein. Da die Immunantwort der B-Gedächtniszellen mit T-Helferzellen kombiniert werde, sehe er aber auch hier noch keine massive Gefahr.

Veränderungen seien prinzipiell der normale Weg, mit dem sich ein Virus zufällig anpasse und auf den Selektionsdruck reagiere, um Antikörpern zu entgehen und die "Neutralisierung schwieriger zu machen". Auch wenn er bei SARS-CoV-2 momentan keine gravierenden Bedenken in diese Richtung habe, ist laut dem Mediziner ein neuer, universeller Adaptionsprozess für den mRNA-Impfstoff nötig, um rasch auf eine potenzielle "Supervariante" mit höherer Infektions- oder Sterblichkeitsrate reagieren zu können.

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Dafür sei es genauso wie bei der eigentlichen Entwicklung des Vakzins erforderlich, auf Basis der genetischen Information des mutierten Virus mit einer DNA-Vorlage die mRNA (Boten-RNS) herzustellen, sie – geschützt mit Lipid-Nanopartikel – in ein Humantherapeutikum zur intravenösen Verabreichung zu gießen und klinisch zu testen. Diese Schritte könnten "in wenigen Monaten gemacht werden".

Mit der Entwicklung von BNT162b2 selbst zum geprüften Impfstoff in nur zehn Monaten "ist schon viel erreicht", betonte Şahin. Derzeit arbeite ein "neues mRNA-Ökosystem" auch mit Pharmakonzernen wie Merck, Novartis und Sanofi sowie anderen Biotech-Firmen, die etwa Lipide beisteuerten, an der Produktion von zwei Milliarden Dosen in diesem Jahr.

Zuletzt habe der Rekord für eine neue Vakzin-Entstehung bei viereinhalb Jahren gelegen. Die große logistische Herausforderung sei es nun, die Impfstoffe weltweit verfügbar zu machen. Deutschland stehe hier gar nicht schlecht da, beteuerte der 55-Jährige trotz der Kritik an mangelnder Produktion und Lieferschwierigkeiten. Innerhalb des vergangenen Jahres habe es hierzulande 2,39 Millionen Infektionsfälle gegeben. Die Zahl der Geimpften sei mit über 3,18 Millionen Menschen knapp zwei Monate nach dem Start der Kampagne bereits größer.

Täglich stünden derzeit 7300 Neuinfizierten rund 89.000 Geimpfte entgegen. Şahin zeigte sich so zuversichtlich, dass "die Herdenimmunität bis zum Ende des Sommers hinzubekommen" sei. Er plane für diesen Zeitpunkt jedenfalls schon eine große Party.

Der Krebsforscher erinnerte zugleich daran, wie er und seine Frau Özlem Türeci vor 25 Jahren anfingen, an mRNA-Impfstoffen im Kampf gegen Krebs zu arbeiten. Bei dieser Krankheit gebe es bis zu 10.000 zufällige DNA-Mutationen, sodass jede anders verlaufe und nur schwer behandelt werden könne. Idee sei es daher gewesen, rasch individualisierte, auf jeden Patienten zugeschnittene Impfstoffe "auf Abruf" herzustellen. 2014 habe Biontech die ersten klinischen Versuche mit so einem Ansatz erfolgreich durchgeführt.

Eine "gute Immunantworten" auf Basis einer Boten-RNS und T-Zellen zu generieren, habe anfangs drei bis fünf Monate gedauert, berichtete Şahin. Nachdem die Firma in die Technologie und Prozesse investiert habe, sei die Spanne 2019 auf drei bis fünf Wochen gesunken. Entsprechende Impfstoffe habe man auch schon für hunderte Patienten entwickelt. Dann sei der Corona-Ausbruch dazwischengekommen, bei dem er rasch die Kriterien für eine Pandemie erfüllt gesehen habe.

"Wir waren keine Experten für das Virus, aber für Immunantworten", erläuterte der Entdecker. Zu Hilfe gekommen sei dem Team die Tatsache, dass SARS-CoV-2 "Mitglied einer 20 Jahre alten Familie" bekannter Viren gewesen sei. So hätten die Forscher die Strategie auf Basis der Blockade des potenziellen Schlüsselelements des Spike-Proteins entwickelt, mit dem sich SARS-CoV-2 an Wirtszellen bindet. Inzwischen sei er überzeugt, dass mRNA-Impfstoffe ein neues Universal-Pharmazeutikum werden dürften.

(kbe)