Bit-Rauschen: Notebook-Lieferengpässe und ein CPU-Ausblick auf 2030

US-Sanktionen und Corona sorgen für Notebook-Mangel. Marvell will ARM-Serverprozessoren bauen und ein Linux-Kernel-Experte sieht die CPU-Vielfalt schrumpfen.

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  • Christof Windeck

Obwohl sich auch die Internationale Funkausstellung (IFA) im Corona-Jahr 2020 stark verändert hat, diente sie doch als Anlass für eine ganze Reihe von Halbleiter-Premieren, darunter Nvidia GeForce RTX 3090, Intel Core i-11000 alias Tiger Lake und Samsung SSD 980 Pro – übrigens alle mit PCIe 4.0. AMD spürt hingegen zurzeit anscheinend wenig Präsentationsbedarf.

Nur als Gerücht geistert bislang die Baureihe Ryzen Embedded V2000 umher, ein Zen-2-Nachfolger für die vor mehr als zwei Jahren vorgestellte V1000-Version. Ohne viel Tamtam hat AMD kürzlich auch die Prozessörchen AMD 3015e und 3020e eingeführt, die in Schülernotebooks wie dem Lenovo 100e und 300e debütieren. AMD nennt die Zen-1-Chips intern wohl „Pollock“ nach dem Maler Jackson Pollock und sie sind eng mit „Dali“ verwandt, dem kompakten Silizium-Die mit zwei Ryzen-Kernen, das etwa im Athlon 3000U steckt.

Lenovo dichtet Intel einen „Celeron Quad-Core-ARM-Prozessor“ an, baut in die zweite Generation des 300e Chromebook aber lieber den AMD 3015e ein.

Beim Thema Embedded-Prozessoren fragt man sich aber auch, wo eigentlich Intels Tremont-Atoms aus der 10-Nanometer-Fertigung bleiben, also „Elkhart Lake“. Diese Chips waren ja mal für 2019 geplant und würden in der Celeron-Version „Jasper Lake“ gut in die derzeit boomenden Chromebooks passen: Auch in den USA brauchen viele Schüler bezahlbare Klapprechner, um zu Hause lernen zu können.

Doch just bei solchen Billig-Notebooks gibt es Lieferengpässe in den USA, wie Associated Press (AP) berichtet. Demnach können HP, Dell und Lenovo zusammen derzeit rund 5 Millionen bestellte Geräte nicht liefern. Das liegt zum Teil an US-Sanktionen gegen chinesische Zulieferfirmen wie „Hefei Bitland“, die laut US-Regierung uigurische Zwangsarbeiter beschäftigen. Doch auch Covid-19 sorgt für Probleme: Nicht alle chinesischen Zulieferer arbeiten schon wieder so produktiv wie vor der Pandemie, zudem fehlt es wegen der vielen gestrichenen Flüge auch an Transportkapazität im transkontinentalen Güterverkehr. Der Warentransport per Containerschiff dauert dann länger und auch bei deren Abfertigung gibt es Verspätungen. Bekanntlich kommt auch nicht jeder Container im Zielhafen an – durch Havarien und Unwetter gehen jährlich einige hundert über Bord.

Bei den Servern sind die Verkaufszahlen zuletzt wegen Covid-19 deutlich gesunken – die Zahlen fürs dritte Quartal 2020 stehen aber noch aus. Marvell blickte Ende August recht zuversichtlich aufs Geschäftsjahr 2021 und verkündete dabei eine Kursänderung für die ARM-Serverprozessoren der Baureihe ThunderX: Damit zielt man künftig nicht mehr auf Allzweck-Server, sondern auf kundenspezifische Entwicklungen. Marvell geht es ausschließlich um „Hyperscaler“, also große Cloud-Dienstleister wie Microsoft oder Google.

Der Cloud-Elefant Amazon allerdings hat ja längst eigene ARM-Chips entwickelt (die Gravitons) – da bleiben also nur wenige potenzielle ThunderX-Kunden übrig. Aber die, so hofft Marvell, kaufen dann besonders viele Chips. Attraktive Allzweckserver mit ARM- statt x86-Prozessoren – oder gar Workstations – bleiben also weiterhin selten, außer Ampere scheint kein anderer Hersteller mehr Profit zu wittern.

Einen spannenden Blick in die Prozessor-Zukunft wagte Arnd Bergmann vom Linaro-Projekt auf der Linux Plumbers Conference. Er erinnerte zunächst an einst wohlbekannte Mikroarchitekturen wie SPARC, PowerPC mit 32 Bit und Itanium, bei denen es nicht mehr weitergeht. Dann zeigte er, dass bis auf die Mainframe-Prozessoren IBM Z wohl alle verbleibenden Big-Endian-Mikroarchitekturen (höchstwertiges Byte zuerst) ins Little-Endian-Lager wechseln, etwa IBM Power.

Schließlich erwartet er, dass 2030 im Wesentlichen x86(-64), ARM (ab ARMv8) und RISC-V den Markt unter sich aufteilen. Das RISC-V-Lager hat seiner Meinung nach aber noch einen weiten Weg vor sich; er verwies darauf, dass weniger neue RISC-V-Chips auf den Markt kommen, als man erwarten könnte.Neuen Befehlssatzarchitekturen (ISAs), die Fachleute gerne und leidenschaftlich diskutieren, gibt Bergmann keine Chance. Ausdrücklich erwähnte er dabei Kalray MPPA und Tachyum Prodigy. Andererseits schätzt Bergmann, dass wir in den kommenden zehn Jahren die ersten Ansätze für 128-Bit-Computing sehen werden, diesbezüglich verwies er auf das Projekt CHERI (Capability Hardware Enhanced RISC Instructions), das auch einen RISC-V-Ableger pflegt.

Dieser Artikel stammt aus c't 20/2020.

(ciw)