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Bizarre Verschwörungsmythen: Mutmaßungen über Kinderhandel beim Möbelversender

Einer Twitter-Nutzerin fällt auf, dass teure Möbel beim Versender Wayfair Namen verschwundener Kinder tragen. Die Folge sind wilde Verschwörungstheorien.

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Bei Reddit hat die Verschwörungstheorie um Wayfair weit um sich gegriffen.

Von
  • Michael Link

Es gibt wohl nichts, was nicht Anlass für bizarre Verschwörungstheorien geben könnte. Eine solche zieht jedenfalls derzeit Kreise. Demnach soll der Möbelversender Wayfair in Kinderhandel verwickelt sein. Wayfair wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Eine Twitter-Nutzerin hatte Mitte Juni gepostet, dass ihr aufgefallen sei, dass ungewöhnlich teure Schränke des Versenders in der Regel Mädchennamen trugen. Da es sich um Schränke handelt, nährte das die Vermutung, dass die Schränke als Transportmedium für einen Kinderhändlerring benutzt werden.

Mehr Aufmerksamkeit bekam das Thema erst ab dem 9. Juli, als es in der Reddit-Diskussionsgruppe r/conspiracy erneut aufkam. Hier konstruierten Anhänger von Verschwörungstheorien einen expliziten Zusammenhang zwischen Namen von Wayfair-Möbeln und denen von verschwundenen Kindern. Die Idee dahinter: Niemand kauft einen absurd teuren Schrank - das würden nur Eingeweihte tun, die wüssten, dass sie in Wirklichkeit ein Kind "kaufen". Andere wollen herausgefunden haben, dass Standorte von Wayfair häufig in der Nähe von US-amerikanischen Abschiebezentren für Kinder liegen. Weiterhin werden angebliche Verbindungen von Wayfair zur Clinton Foundation, zu George Soros, Tom Hanks und anderen Hollywoodstars und anderen aus den oberen Zehntausend hergestellt.

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Das Internet ist voll von heißen IT-News und abgestandenem Pr0n. Dazwischen finden sich auch immer wieder Perlen, die zu schade sind für /dev/null.

Wayfair verwies in einer Stellungnahme darauf, dass für die Namensfindung ihrer Produkte ein Algorithmus verwendet wird und dass es auch in anderen Branchen durchaus üblich sei, Waren mit Vornamen zu benennen. Damit hat Wayfair recht - der Name "Billy" für das bekannte Ikea-Regal blieb unbeanstandet, ebenso wie man auch im Opel Adam keinen illegalen Transporter für den Kinderhandel sieht.

Ein Sprecher von Wayfair konnte die Verwunderung über das exorbitant hohe Preisniveau bei einigen Möbeln offenbar nachvollziehen: So sollte der relativ schlicht anmutende Schrank "Alyvia" immerhin rund 15.000 Euro kosten, immerhin mit kostenlosem Versand. Solche Dinge sind laut Wayfair aber eher nicht für Privatkunden bestimmt, sondern für industrielle oder allenfalls noch für repräsentative Zwecke.

Andere Angebote seien schlicht falsch ausgezeichnet gewesen, ein Fehler, wie er auch vielen anderen Online-Händlern passiere. Der Wayfair-Sprecher sagte gegenüber dem britischen Nachrichtensender BBC, dass die betroffenden Produkte vorübergehend von der Website genommen wurden, um mehr Fotos und jeweils eine ausführlichere Beschreibung zu ergänzen, die das hohe Preisniveau begründen sollen.

Derweil haben einige Internetnutzer ihre Aufmerksamkeit auch den sogenannten SKU-Nummern zugewandt. Die Stock-Keeping-Units sind für die Lagerhaltung wichtig. Die Verschwörungstheoretiker fütterten nun mit diesen Nummern die russische Suchmaschine Yandex. Diese spuckte daraufhin Bilder von jungen Mädchen aus. Yandex spricht von einem Fehler. Dafür spricht, dass dieser Effekt auch auftrat, wenn man beliebige andere Nummern in die Suchleiste eingab. Yandex gab bekannt, den Fehler behoben zu haben.

Die Geschichte nimmt die typischen krummen Wege vieler Verschwörungstheorien. So stieß sie besonders in der Türkei auf starke Resonanz. Der eingangs erwähnte Tweet wurde bislang 1650 mal geteilt.

Insgesamt hat die Geschichte Ähnlichkeit mit der aus der Luft gegriffenen Pizzagate-Verschwörungstheorie von QAnon. Die begann ebenfalls mit Gerüchten über einen erfundenen Kindersex-Ring in einer Pizzeria, die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton schaden sollten. Was schließlich darin gipfelte, dass ein Mann die Pizzeria mit einem Gewehr stürmte und schoss.

(mil)