Blender 2.83: Neue LTS-Version der freien 3D-Software

Mit dem neuen Major-Release von Blender lassen sich unter anderem Szenen über VR-Brillen betrachten.

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Mit dem neuen Cloth Brush lassen sich im Sculpting Modus in Windeseile physikalisch korrekte Faltenwürfe von Stoffen simulieren.

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Die neue Version 2.83 der Open Source 3D-Software Blender soll für zwei Jahre mit Bugfixes versorgt werden. Damit reagiert die Blender Foundation auf die Anforderungen aus dem professionellen Umfeld, wo Blender mehr und mehr Verwendung findet. Volumetrische Daten im OpenVDB-Format können jetzt importiert und dargestellt werden, Blenderszenen lassen sich jetzt über VR-Brillen betrachten und der neue Cloth Brush erlaubt, realistischen Faltenwurf von Stoffen direkt auf ein Objekt zu zeichnen.

Der Splashscreen von Blender 2.83 von Ian Hubert

Die Blender Foundation hat Version 2.83 der freien 3D-Grafik-Suite Blender veröffentlicht. Die neue Version hat in vielen Bereichen Verbesserungen erhalten, darunter Videoschnitt, das 2D-Zeichensystem Grease Pencil, Sculpting und das Modifiersystem zum Nachbearbeiten von Objekten.

Videokurs: Blender für Maker

Im Make-Videokurs zeigt der bekannte Buchautor und Blender-Tutor Carsten Wartmann anhand verschiedener kleiner Maker-Projekte, wie man das Open-Source-3D-Softwarepaket Blender fürs Konstruieren eigener Werkstücke – etwa für den 3D-Druck – produktiv nutzen kann.

Beim Rendern mit der Pathtracing Engine Cycles ist das Bild zunächst verrauscht, klart dann aber immer weiter auf, je länger man den Computer daran arbeiten lässt. Beim Denoising wird dieses Rauschen im Nachhinein herausgerechnet. Das kann massiv Renderzeit sparen, war in Blender aber bisher nur beim finalen Rendering möglich. Besitzer einer RTX-Karte von nVidia können das Denoising jetzt auch direkt im Viewport einsetzen, was einen frühzeitigen Blick auf das rauschfreie Ergebnis erlaubt. Voraussetzung ist die Nutzung des OptiX-Backends, welches noch nicht vollständig Featurekompatibel zum CUDA-basierten nVidia-Backend ist.

Cycles kann beherrscht jetzt adaptives Sampling. Dabei wird auf einen Bildbereich nur so viel Rechenleistung aufgewandt, bis ein bestimmtes Level an Rauschen unterschritten ist. Dadurch kann in der Praxis 10 bis 30 Prozent an Renderzeit gespart werden, da das Rauschen in den gerenderten Bildern selten absolut gleichverteilt ist und dadurch manche Bereiche früher fertiggestellt werden.

Im Material Preview-Modus, der intern die echtzeitfähige OpenGL-basierte Renderengine Eevee einsetzt, kann jetzt justiert werden, wie stark der Hintergrund weichgezeichnet ist. Wer also wissen will, wie die bei Blender mitgelieferten HDRI-Panoramen eigentlich aussehen, kann sie jetzt endlich ohne Weichzeichner erkunden. Dabei können interessante Entdeckungen gemacht werden. So findet sich in einem der Hintergründe ein süßer Hund.

In Blender 2.83 lässt sich die Weichzeichnung entfernen, was die eine oder andere Überraschung zutage fördert.

Eevee unterstützt jetzt bei der Anzeige von Haaren alle verfügbaren Arten von Schatten und Transparenz und kann gerenderte Bilder jetzt in einzelnen Komponenten, sogenannten Renderpasses, ausgeben. Diese können in einer Bildbearbeitung oder beim Compositing wieder zusammengesetzt und separat bearbeitet werden. So können z.B. selbstleuchtende Elemente anders behandelt werden als glänzende oder lediglich die Schatten nachgedunkelt werden.

Eine rudimentäre Unterstützung von VR-Brillen über das OpenXR-Framework erlaubt das Betrachten von Blenderszenen und Bewegung darin über VR-Brillen. Das Feature ist aber noch experimentell. Unterstützt werden unter Windows Brillen für Windows Mixed Reality oder von Oculus. Unter Linux wird auf Monado gesetzt, was aber ebenfalls noch in den Kinderschuhen steckt.

Die Tram Station-Szene von Andry Rasoahaingo bzw. der Splashscreen von Blender 2.82 durch eine Oculus Rift gesehen.

(Bild: The bucolic Tram Station by Andry Rasoahaingo (CC-BY-SA 3.0))

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Zum Austausch von volumetrischen Daten, wie sie für Wolken, Rauch und ähnliche Effekte benötigt werden, hat sich das OpenVBD-Format etabliert. In Blender 2.83 kann man OpenVBD-Dateien über das neue Volume Object laden, im Viewport darstellen und mit Cycles rendern. Die zahlreichen Bearbeitungsmöglichkeiten für Volumendaten, die von OpenVDB bereitgestellt werden, fehlen bisher allerdings. Diese sollen in kommenden Versionen Stück für Stück nachgereicht werden.

Im Video Sequence Editor (VSE) wurde das Aussehen der Strips angepasst. Die Anfasser sind jetzt deutlich schmaler und wenn man bei Videostrips die Deckkraft oder bei Audiostrips die Lautstärke animiert hat, werden die dazugehörigen Kurven jetzt direkt im Strip angezeigt. Zum Bearbeiten muss man aber weiter zum Graph Editor greifen.

Auf der linken Seite des Editorfensters wurde dem VSE ein Toolshelf spendiert, wie er in den meisten anderen Editoren ebenfalls zu finden ist. Noch ist die Auswahl an Werkzeugen gering. Mit der “Blade” kann man einen Strip in zwei Hälften teilen und die Farbpipette zeigt den Farbwert unter dem Mauscursor an. Dazu kommen die üblichen Werkzeuge für Auswahl und Annotation. Es ist aber davon auszugehen, dass in Zukunft noch mehr nachgereicht wird.

Die Strips im Video Sequence Editor (VSE) haben einen neuen Look und zeigen jetzt Animationskurven für Lautstärke und Deckkraft direkt an.

Der Cache im VSE kann jetzt auf die SSD ausgelagert werden. Um Zugriffszeiten zu sparen, werden jeweils 100 Frames auf einmal in den Cache geschrieben. Das bedeutet, dass bei jeder Änderung alle 100 Bilder neu berechnet werden müssen, eine Einschränkung, die bei Bildern im Arbeitsspeicher nicht gegeben ist.

Der Sculptingmodus hat eine Stoffsimulation erhalten. Normalerweise funktionieren die Werkzeuge beim Sculpting ähnlich als würde man Lehm oder Ton mit den Händen oder mit Werkzeugen formen, woher auch die Bezeichnung Sculpting kommt. Für diese Arbeitszweise wurde ein weiterer “Brush” hinzugefügt. Der Clay Thumb-Brush erzeugt ein Ergebnis, als würde man mit dem Daumen über Lehm streichen, wobei sich ein wenig Material an der Daumenspitze ansammelt.

Der neue Cloth Brush hingegen verhält sich eher so, als würde man an einer Tischdecke zupfen und ziehen, wodurch realistische Falten entstehen. Mit dem Brush kann man also sehr schnell ein Bett unordentlich machen oder Kleidung physikalisch korrekt anpassen und verschieben. Blender hat zwar schon eine Stoffsimulation integriert, der neue Cloth Brush erlaubt aber eine nie dagewesene lokale Kontrolle der Simulation.

Der Smooth Brush hat eine neue Methode "Surface" erhalten, mit der nur feine Details geglättet werden, während die allgemeine Form des Objekts erhalten bleibt.

Die Haarsimulation in Blender nutzt jetzt die gleichen Algorithmen zu Berechnung von Kollisionen wie die Stoffsimulation. Die Interaktion von Haaren mit Oberflächen wird dadurch viel realistischer und weniger fehleranfällig. Bei Selbstkollisionen konnte dank Optimierungen ein Performanceschub von 15 bis 20 Prozent realisiert werden, wovon sowohl die Stoff- als auch die Haarsimulation profitieren.

Die kombinierte Simulation von Flüssigkeiten, Feuer und Rauch Mantaflow hat diverse Optimierungen erhalten und den Cache jetzt standardmäßig auf Replay, wodurch man nur noch im Viewport die Animation starten muss. Der Cache wird, wo nötig automatisch neu gebacken. Sich schnell bewegende Hindernisse interagieren jetzt auch zwischen zwei Frames mit Flüssigkeiten und sollte Flüssigkeit in Kollisionsobjekte eintreten, kann diese jetzt automatisch gelöscht werden.

Der Grease Pencil, mit dem man in Blender 2D-Zeichnungen erstellen kann, hat eine neue Engine erhalten. Dadurch sollten kantige Ecken bei schnellen Strichen der Vergangenheit angehören und man kann die Zeichnungen jetzt beliebig einfärben, quasi die Zeichnung mit Nachhinein kolorieren. Dafür hat das Grease Pencil-Objekt einen eigenen Vertex Paint-Modus erhalten, der sich verhält wie sein Pendant für dreidimensionale Objekte.

Allgemein wurde die Bedienung des Grease Pencils an vielen Stellen leicht an die herkömmliche Bedienung von Blender angepasst. So werden jetzt im Sculpt- und Weightpaint-Modus für Grease Pencil Objekte die gleichen Brushes mit der gleichen Bedienung eingesetzt wie im normalen Sculpt- und Weight Paint-Modus.

Auch die Modifier wurden vom Aussehen und Verhalten her an die regulären Modifier angepasst. Sie können jetzt per Verlinkung übertragen werden und bei einigen kann jetzt über eine Einflusskurve das Verhalten gesteuert werden.

Bei den Modifiern für 3D-Objekte hat sich ebenfalls einiges getan. Der Ocean Modifier kann jetzt nicht nur stürmische, aufwühlte Seen simulieren, sondern auch ein ruhiges Meer und flache Küstengewässer. Außerdem soll die allgemeine Form gewahrt bleiben, wenn man die Auflösung ändert. Der Solidify Modifier kann jetzt die neu erzeugte Geometrie eigenen Vertextruppen zuweisen, wobei Hülle und Rand separat behandelt werden. Außerdem arbeitet er jetzt besser mit einem nachfolgenden Bevel Modifier zusammen.

Der Remesh Modifier unterstützt jetzt das auf OpenVDB basierende Voxel Remesh-Verfahren, welches bisher nur als Operator genutzt werden konnte. Voxel Remesh erzeugt ein Mesh, das nur aus Quads besteht und dadurch vor vielen Shadingartefakten gefeit ist und sich gut als Basis für Sculpting eignet.

Als LTS-Version wurde bei Blender 2.83 ein besonderes Augenmerk auf Stabilität gelegt. Daher haben die Entwickler, die von der Blender Foundation oder vom Blender Institute angestellt sind, zwei Wochen lang ausschließlich Bugfixing und Qualitätssicherung betrieben. Und obwohl mehr als 1000 Bugs beseitigt wurden – ganz fehlerfrei ist die Software natürlich noch nicht, zukünftige Fixes sollen aber für einen Zeitraum von zwei Jahre rückportiert werden.

Die nächste Version soll in ca. drei Monaten erscheinen und wird die Versionsnummer 2.90 tragen. Wenn alles nach Plan verläuft, erscheinen ab jetzt einmal im Quartal Minor-Releases und einmal im Jahr ein Major-Release, das dann wieder LTS gepflegt wird.

Blender 2.83 läuft unter Windows, Mac OS und Linux und steht ab sofort zum Download bereit. In den ausführlichen Release Notes werden einige der neuen Features interaktiv demonstriert.

(axk)