Braucht es eine Pflicht zum Homeoffice? – Pro und Contra

Reicht es, dass die Bundesregierung Arbeitgeber bittet, ihre Angestellten ins Homeoffice zu schicken? Wäre eine Pflicht nicht hilfreicher in der Pandemie?

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(Bild: lupmotion/Shutterstock.com)

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  • Peter Ilg
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Wie der Bund und die Länder mit Corona umgehen, ist widersinnig. Während Kindergärten und Schulen geschlossen und private Treffen auf ein Mindestmaß reduziert werden, läuft der Betrieb in den meisten Unternehmen weiter. Die Politik bittet die Firmen lediglich darum, Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen – mit anscheinend nachlassendem Erfolg: Trotz hoher Corona-Infektionszahlen und mutierter Varianten des Virus arbeiten im aktuellen zweiten Shutdown laut jüngsten Zahlen nur halb so viele Beschäftigte von zu Hause wie im Frühjahr 2020.

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Die Grünen-Fraktionschefin Kathrin Göring-Eckardt fordert nun ein Recht auf Homeoffice für Arbeitnehmer samt Bußgeld für Firmen, in denen diese Arbeitsform zwar machbar ist, diese Möglichkeit aber nicht geboten wird. Die Idee mit dem gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice ist nicht neu, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD hat seine Forderung danach im letzten November zurückgezogen und setzt weiterhin auf Freiwilligkeit. Derweil wehrt sich die Wirtschaft und widerspricht den Forderungen.

Reicht das als ein Baustein, um die Pandemie zu bekämpfen? Oder sollte Homeoffice während Corona besser verpflichtend sein? Wir haben dazu zwei gegensätzliche Meinungen eingeholt. Dr. Oliver Stettes leitet das Kompetenzfeld Arbeitsmarkt und Arbeitswelt am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln und hält eine Pflicht für Homeoffice für falsch, „weil diese Arbeitsform für die Mehrzahl der Beschäftigten eh nicht möglich ist“. Harald Fadinger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, plädiert für die Homeoffice-Pflicht, weil „mehr Homeoffice, weniger Ansteckung bedeutet“.

von Oliver Stettes

Darin besteht kein Zweifel: Arbeiten im Homeoffice kann einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie leisten. Die Unternehmen haben im Zuge des ersten Lockdowns massiv die Möglichkeiten ausgeweitet, berufliche Aufgaben an heimischen Schreibtisch verlagern zu können. Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen zum Beispiel, dass im Sommer 80 Prozent und im September 75 Prozent der Beschäftigten, bei denen die Tätigkeit dies zuließ, zumindest teilweise im Homeoffice arbeiteten.

Es gibt Anzeichen dafür, dass Verbreitungsgrad und Nutzungsintensität von Homeoffice heute gegenüber dem Frühjahr 2020 etwas zurückgegangen sind, was wenig verwundert. Denn erstens stellte und stellt für viele Betriebe, aber eben auch für viele Beschäftigte Homeoffice nur eine Notlösung dar. Notlösung heißt, dass Arbeitsprozesse nicht so reibungslos ablaufen wie in der gewohnten Routine vor Corona und die Menschen auf den Betrieb als sozialen Ort des Zusammenkommens und Miteinanders verzichten müssen. Eine Folge unter vielen ist die geringere Wertschöpfung in den Firmen.

Zweitens hatte sich das Infektionsgeschehen im Laufe des Sommers verbessert. Jetzt ist zu erwarten, dass sich mit den ansteigenden Infektionszahlen in Kombination mit den neuerlichen Schulschließungen die Homeoffice-Nutzung wieder steigt.

Es wird aber selbst jetzt Beschäftigte geben, bei denen Homeoffice zwar theoretisch möglich sein könnte, aber aus unterschiedlichen Gründen die Anwesenheit im Betrieb erforderlich ist – etwa, weil die IT-Infrastruktur am heimischen Arbeitsplatz unzureichend ist, Datensicherheit und -schutz dort nicht gewährleistet werden können oder die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen digital schlicht nicht funktioniert.

Wer diese Gruppe jetzt aber pauschal als Grund anführt, nach einer Homeoffice-Pflicht zu rufen, sollte bedenken: sechs von zehn Beschäftigten arbeiten ohnehin in Jobs, die sich gar nicht in das heimische Büro verlagern lassen. Die Unternehmen haben seit dem Frühjahr eine Vielzahl von Maßnahmen implementiert, mit denen das Infektionsrisiko am betrieblichen Arbeitsplatz minimiert wird.

Mit Verhaltensregeln, besonderen Hygienebestimmungen, organisatorischen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung oder der technischen Umgestaltung von Arbeitsplätzen werden die rechtlichen Sars-Cov-2-Arbeitsschutzstandards verantwortungsbewusst umgesetzt. Auch deshalb hat sich der betriebliche Büroarbeitsplatz bislang nicht als Infektionsherd herausgestellt. Der Ruf nach einer Homeoffice-Pflicht ist daher unangebracht.

von Harald Fadinger

Im Unterschied zur ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020, als die Infektionszahlen mit dem Lockdown rasch sanken, verharren sie jetzt in der zweiten Welle auf anhaltend hohem Niveau. Das liegt daran, dass die Menschen ihre privaten und vor allem beruflichen Kontakte weniger stark reduziert haben als im vergangenen Frühling. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten im Frühjahr 2020 etwa 27 Prozent der Arbeitnehmer gänzlich oder großteils von zuhause. Im November 2020 waren es dagegen nur 13 Prozent.

Die Regierung und die meisten Wirtschaftsverbände wehren sich gegen die Idee, dass die Unternehmen mehr zum Infektionsschutz beitragen sollten, etwa durch eine Homeoffice-Pflicht. Doch Homeoffice ist eine der effektivsten Maßnahmen, das Infektionsgeschehen einzudämmen. Das zeigt unsere Studie „My Home is My Castle: The Benefits of Working from Home During a Pandemic Crisis“: Bereits ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer im Homeoffice kann die Infektionsrate um bis zu 8 Prozent verringern. Hätten wir eine so hohe Quote an Homeoffice wie im Frühjahr, lägen die Infektionen ungefähr bei der Hälfte von heute oder sogar niedriger.

Verpflichtendes Homeoffice für alle Bereiche, in denen es möglich ist, ist also sehr sinnvoll. Dabei geht es nicht um ein Herunterfahren der Wirtschaft, wie oft fälschlich behauptet wird. Natürlich ist Homeoffice nicht in allen Bereichen möglich: gerade in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe, im Bereich von persönlichen Dienstleistungen mit Kundenkontakt, oder wenn Arbeitnehmer mit sensiblen Daten arbeiten, ist Homeoffice selbstverständlich keine Option.

Nach unserer Untersuchung sind aber bis zu 56 Prozent der Jobs in Deutschland zumindest teilweise Homeoffice-fähig. Bei Ausnahmen von der Homeoffice-Pflicht sollte die Beweislast jedoch auf Seite der Arbeitgeber liegen: Wollen Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer vor Ort arbeiten lassen, müssen sie selbst nachweisen, dass Homeoffice im konkreten Fall nicht möglich ist.

Viele Arbeitgeber stehen dem Homeoffice kritisch gegenüber, zumeist zu Unrecht, denn die meisten Arbeitnehmer sind von zu Hause ähnlich produktiv wie im Büro, wie Studien zeigen, zumindest wenn nicht gleichzeitig Kinderbetreuung zu Hause anfällt. Unsere Studie zeigt auch auf, dass Unternehmen, die frühzeitig auf Homeoffice gesetzt haben, wesentlich weniger von der Corona-Krise betroffen waren und viel weniger Arbeitnehmer in Kurzarbeit schicken mussten. Meiner Meinung nach gibt es viele vernünftige Gründe, die für eine Homeoffice-Pflicht sprechen, wenn immer diese Arbeitsform möglich ist.

(mho)