Bundesregierung will "autarke" Microsoft-Cloud testen

Berlin will Clouddienste von Microsoft nutzen, ohne das Ziel der digitalen Souveränität auf­­zugeben. Dazu könnten deutsche Betreiber ein Rechenzentrum bauen.

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(Bild: Tommy Lee Walker / Shutterstock.com)

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  • Christian Wölbert

Die Bundesregierung verhandelt mit Microsoft über den Aufbau eines speziellen Rechenzentrums, das die Azure-Plattform und Anwendungen wie Microsoft 365 für Behörden bereitstellen soll. Man arbeite an einem Konzept für eine "autarke Hyperscaler-Cloud-Infrastruktur", erklärte ein Sprecher des Finanzministeriums auf Anfrage von c’t. Im ersten Schritt kläre man mit einem "Proof of Concept", unter welchen Bedingungen die Anforderungen an Datenschutz und IT-Sicherheit erfüllt werden könnten.

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Ziel sei ein "vollständiges funktionales Abbild der Public-Cloud-Infrastruktur", das "auch zukünftig parallel funktional weiterentwickelt" werde, ergänzte der Sprecher. Noch nicht entschieden habe man, ob im Rahmen des Projekts tatsächlich ein Rechenzentrum entsteht und wer dieses betreiben soll.

Die Bundesregierung steht bei dem Thema unter Zugzwang: Sie nutzt bislang überwiegend eigene Rechenzentren und hat stets betont, Verwaltungsdaten nicht auf Microsoft-Server verlagern zu wollen. Datenschützer würden einen solchen Schritt vermutlich ohnehin verhindern. Microsoft drängt seine Kunden jedoch immer stärker in Richtung Cloud und bietet einige Produkte wie Teams bereits jetzt nur noch aus seinen Rechenzentren heraus an.

Microsoft erklärte auf Anfrage, man sei "bereit, mit öffentlichen Verwaltungen an technischen Lösungen zu arbeiten", um Themen wie digitale Souveränität, einschließlich Datenschutz, Sicherheit und Autarkie, zu adressieren. Zu technischen und organisatorischen Details äußerten sich weder das Ministerium noch Microsoft.

Laut Angaben aus Regierungskreisen besteht Berlin darauf, dass Daten aus der Regierungscloud, zum Beispiel Telemetriedaten, nur nach Prüfung und Freigabe durch die Behörden nach Redmond abfließen. Anders als in früheren Verhandlungen sei Microsoft nun bereit, einer solchen Lösung zuzustimmen – und den Behörden damit mehr Kontrolle zu geben als bei der "Microsoft Cloud Deutschland", die von T-Systems gehostet wird und im Herbst endgültig eingestellt werden soll.

Im Rahmen des Regierungsprojektes könnte nun erneut ein Rechenzentrum entstehen, das Microsoft-Dienste anbietet, aber nicht von dem US-Konzern betrieben wird. Als Betreiber kommen laut Regierungskreisen Konsortien aus der deutschen Privatwirtschaft in Betracht, erwogen werde aber auch eine staatliche Beteiligung. Microsoft dürfe Updates nur über eine spezielle Schnittstelle liefern. Geprüft und eingespielt werden müsse die Software durch Personal des Betreibers.

Laut dem Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber sind nicht alle Bedenken der an den Planungen beteiligten Behörden ausgeräumt, zum Beispiel in Sachen digitaler Souveränität und Wirtschaftlichkeit. Auch datenschutzrechtlich gebe es noch "Klärungsbedarf", etwa hinsichtlich des Cloud Act und der Telemetriedatenverarbeitung.

Telekom-Rechenzentrum: Nach dem Scheitern der „Microsoft Cloud Deutschland“ könnten deutsche Betreiber bald erneut Clouddienste von Microsoft hosten.

(Bild: Telekom)

c’t Ausgabe 10/2021

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Vertreter von Open-Source-Software-Anbietern äußern sich deutlich kritischer: Die Abhängigkeit von Microsoft würde durch die Verknüpfung von Office-Diensten mit Azure "drastisch und nachhaltig negativ gesteigert", sagte Peter Ganten, Vorsitzender der Open Source Business Alliance, gegenüber c't. Ganten fordert von der Politik eine "Parallelstrategie": In einigen Jahren müssten "signifikante Teile unserer digitalen Infrastruktur auf Open-Source-Technologien basieren".

(cwo)