zurück zum Artikel

Bundeswirtschaftsminister: Gaia-X als weltweiter Goldstandard für Cloud-Dienste

Altmaier: Gaia-X soll Goldstandard für Cloud-Dienste weltweit setzen

Schema der Architektur von Gaia-X.

(Bild: BMWI)

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat die Demo-Version des europäischen Datenökosystems Gaia-X mit dem Start einer digitalen Mondrakete verglichen.

Rund sieben Monate nach der offiziellen Ankündigung des europäischen Cloud-Projekts Gaia-X haben Vertreter der deutschen und französischen Regierung und Wirtschaft am Donnerstag ihre Pläne vorgestellt. Für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ist es das "vielleicht ambitionierteste Digitalprojekt dieses Jahrzehnts".

Der CDU-Politiker ist Gaia-X das "Schlüsselprojekt für eine souveräne und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur [1]", das die Basis für ein "europäisches Datenökosystem" bilden solle. Die nun beginnende erweiterte Projektphase [2] mit über 300 Unternehmen und Organisationen sei mit dem "Startschuss einer digitalen Mondrakete" vergleichbar. Erste Dienste sollen für die Allgemeinheit von Anfang 2021 verfügbar sein.

heise online daily Newsletter

Keine News verpassen! Mit unserem täglichen Newsletter erhalten Sie jeden Morgen alle Nachrichten von heise online der vergangenen 24 Stunden.

Ziel sei es, die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern zu beenden [4] und Wahlfreiheit zu ermöglichen, sagte Altmeier. Es bestehe die Chance, dass Gaia-X zum "Goldstandard für Cloud-Services weltweit" werde, ähnlich wie mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

An dem digitalen Prestigeprojekt, das dem Airbus-Konsortium nachgebildet werden soll, sind in der im Februar angekündigten deutsch-französischen Allianz [5] 22 Gründungsmitglieder beteiligt. Dazu gehören Amadeus, Atos, Beckhoff Automation, Bosch, der deutsche Internetknoten De-Cix, die Deutsche Telekom, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Friedhelm-Loh-Gruppe, PlusServer, Orange, SAP und Siemens. Die weitere Arbeit soll als "neutrale Instanz" eine belgische Non-Profit-Organisation koordinieren.

Anwender sollen mit Gaia-X ihre Daten und Anwendungen zwischen verschiedenen Cloud-Providern frei verwenden sowie verschiedene Dienste kombinieren können. Der Kunde wählt seine Kriterien aus Themenfeldern wie IT-Sicherheit, Datenschutz oder ökologischer Nachhaltigkeit über das Portal der "German Edge Cloud" aus. Anschließend wird die Anfrage über die Orchestrierungssoftware "Krake" des Dienstleisters Cloud & Heat verteilt und der Service gestartet.

Gaia X soll so eine Alternative zu Cloud-Diensten von großen IT-Unternehmen wie Amazon, Google oder Microsoft sein. Ganz außen vor bleiben die sogenannten Hyperscaler aber nicht. Amazon Web Services (AWS) etwa soll die angeforderten Daten verschlüsselt der sicherheitsgehärteten Cloud-Umgebung eines lokalen Anbieters bereitstellen, in der sie durch einen lernenden Algorithmus entschlüsselt und verarbeitet werden.

Für die Kryptoanwendung zeichnen Secunet, das Joint Venture Secustack und NTT Data Deutschland verantwortlich. Der Nutzer soll so einen KI-Dienst auf einer Infrastruktur realisieren können, die seinen Vorstellungen an Leistungsfähigkeit und Sicherheit entspricht. Die Telekom hilft bei der Koordination der weiteren Entwicklung der Demo-Anwendung. Details beschreiben die Partner des Bündnisses in einer Übersicht zur geplanten technischen Architektur [6] .

Parallel arbeiten die Mitglieder des Teilprojekts "Sovereign Cloud Stack" an einer offenen Datenspeicherstruktur. Diese soll es Providern und Anwendern ermöglichen, selbst auf einfache Weise eine standardisierte Basis für Gaia-X-konforme Dienste zu betreiben. Darüber ließen sich nicht nur Daten sicher in die Rechnerwolken übermitteln, sondern die Dienste könnten auch zu den Daten in den Rechenzentren der Nutzer oder der Anbieter kommen.

Der anvisierte Cloud Stack soll vollständig unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht werden und die Option zur "Föderierung" unterschiedlicher Rechenzentren und Dienste bieten, sodass sich auch aus dem Verbund unterschiedlicher Anbieter Fähigkeiten für eine hohe Skalierung und Georedundanz ergeben. In der Gruppe der Gründungsunternehmen wird das Projekt durch das OSBA-Mitglied PlusServer repräsentiert.

Dass es eine Kooperation mit AWS gibt und auch andere US-Firmen wie IBM und Microsoft mitmachen wollen [7], passt laut Altmaier in das Konzept: "Wir laden Firmen weltweit ein, sich nach europäischen Werten und Regeln zu beteiligen", betonte der Minister. Anbieter aus der EU würden aber "gut sichtbar" gekennzeichnet, die jeweilige Herkunft immer transparent gemacht.

"Gaia-X basiert auf EU-Werten und -Standards", ergänzte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. Als Beispiele nannte er Offenheit, Dezentralisierung, Interoperabilität und Vertrauen. Dies grenze die Initiative klar von den USA und China und den dortigen großen IT-Unternehmen ab. Eine Pflicht zur Datenweitergabe an Regierungsbehörden, wie sie etwa mit dem Cloud Act in den USA [8] bestehe, müsse angegeben werden.

Europa habe die digitale Souveränität in entscheidenden Gebieten wie E-Commerce, 5G-Infrastruktur und Smartphones bereits weitgehend verloren, monierte Forschungsstaatsekretär Wolf-Dieter Lukas. Viele Fähigkeiten seien ausgelagert worden. Er empfahl daher, bei Gaia-X "groß zu denken" und Standards zu setzen. Vorarbeiten gebe es etwa schon mit dem industriellem Datenraum [9] "International Data Spaces". Die grüne Netzpolitikerin Tabea Rößner mahnte, dass Datenschutzaufsichtsbehörden von Anfang an eng mit einbezogen werden müssten, um die avisierte Datenhoheit tatsächlich zu erreichen.

(anw [10])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4774826

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.data-infrastructure.eu/
[2] https://www.data-infrastructure.eu/GAIAX/Redaktion/EN/Publications/gaia-x-the-european-project-kicks-of-the-next-phase.pdf?__blob=publicationFile&v=2
[3] https://www.heise.de/newsletter/manage/ho?wt_mc=nl.red.ho.daily.meldung.link.link
[4] https://www.heise.de/meldung/Digitale-Souveraenitaet-Kann-Deutschland-ohne-US-Cloud-Anbieter-ueberleben-4694358.html
[5] https://www.heise.de/meldung/Europa-Cloud-Gaia-X-Deutschland-holt-Frankreich-bei-Cloud-Allianz-an-Bord-4665181.html
[6] https://www.heise.de/downloads/18/2/9/0/6/1/1/7/gaia-x-technical-architecture.pdf
[7] https://www.heise.de/meldung/Gaia-X-Microsoft-will-jetzt-doch-bei-der-europaeischen-Cloud-mitmachen-4637365.html
[8] https://www.heise.de/meldung/CLOUD-Act-US-Gesetz-fuer-internationalen-Datenzugriff-und-schutz-verabschiedet-4003330.html
[9] https://www.heise.de/meldung/Industrial-Data-Space-Fraunhofer-entwickelt-sicheren-Datenraum-3361495.html
[10] mailto:anw@heise.de