COVID-19: Für ältere Menschen geht es ums Ganze

Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Coronavirus-Infektion zu sterben, ist für Senioren hoch. Zahlen aus New York zeigen dies.

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(Bild: Photo by Nick Bolton on Unsplash)

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Wer in diesen Tagen die meiste Zeit Zuhause verbringt, hat auch im eigenen Interesse einen guten Grund dafür: Das Sterblichkeitsrisiko bei einer COVID-19-Infektion darf nicht unterschätzt werden. Ein Bericht des Gesundheitsamtes der Stadt New York in Zusammenarbeit mit der in Manhattan ansässigen Columbia University von Ende Juni zeigt dies: Im Durchschnitt, so wird geschätzt, lag die Wahrscheinlichkeit, eine SARS-CoV-2-Infektion nicht zu überleben, in der Weltmetropole zwischen März und Mai 2020 bei 1,45 Prozent.

Zur Veranschaulichung: Es ist unwahrscheinlicher, bei einem Autounfall zu sterben. Jeder ausscherende Fahrer, jede zu schnell gefahrene Kurve oder der Sekundenschlaf auf der Autobahn – all das zusammen ist weniger tödlich als COVID-19. Für ältere infizierte Menschen lag die Sterblichkeit in New York City sogar bei durchschnittlich 13,83 Prozent, in manchen Fällen ging sie hoch auf bis zu 17 Prozent. Umgerechnet heißt dies: Einer von sechs wird sterben. Das ist die gleiche Chance, wie beim Russischen Roulette zu verlieren. Kein Spiel, das man seinen Großeltern wünscht.

Die Mortalität des Coronavirus wurde viele Male geschätzt und auf unterschiedliche Weise berechnet. So kommt die Regierung, wenn man nur die offiziellen Fälle berechnet – also diejenigen, bei denen die Menschen so schwer erkrankt waren, dass sie Hilfe suchten und sich testen ließen – auf ein COVID-19-Gesamtsterberisiko von fünf Prozent in New York City. Die neue Studie aber berechnete den sogenannten "infection fatality ratio", kurz IFR. Diese beschreibt die Wahrscheinlichkeit an dem Virus zu sterben, wenn man erst mal infiziert wurde, egal wie der Ausgang schließlich ist.

Das ist die tatsächliche Wahrscheinlichkeit, die im Blick behalten werden muss. Sie schließt Betroffene mit einem asymptomatischen Verlauf ein, die nur einen leichten Schnupfen bekommen, sich zu Hause auskurieren und nie getestet werden. Da die Zahl der ungetestet Infizierten nicht bekannt ist, wird sie in der IFR-Berechnung stets geschätzt. Das New Yorker 1,45-Prozent-Risiko ist höher als an vielen anderen Orten, wo es bei etwa 1 Prozent liegt. Das könnte an der weiteren Verbreitung von Diabetes und Herzkrankheiten in der Stadt liegen – oder an den in der Studie verwendeten Schätzungen.

Das persönliche Risiko, an COVID-19 zu sterben, weicht stets vom Durchschnitt ab. Einfluss nehmen der Aufenthaltsort – Kreuzfahrtschiff oder Stadt –, genauso wie das Geschlecht, das Alter und Vorerkrankungen. Als Student verringert die Wahrscheinlichkeit sich wohl um den Faktor 100, wobei das Risiko bei krankhaftem Übergewicht wieder signifikant nach oben geht, genauso wie bei anderen schweren Gesundheitsbelastungen, etwa bei Krebs oder Herzerkrankungen.

Der größte Faktor aber ist das Alter. Betrachten wir beispielsweise einen 51-jährigen, amerikanischen Mann: Versicherungsstatistische Tabellen geben an, dass dessen Wahrscheinlichkeit, zu sterben, bei 0,4 Prozent liegt, alle möglichen Ursachen einberechnet. Mit einer COVID-19-Infektion erhöht sich dieses Risiko also um ein Dreifaches des Jahreswerts (für Männer ist es überdurchschnittlich hoch). Lässt sich mit diesem Risiko gut leben? Vielleicht.

Problematisch dabei ist allerdings, dass man dieser Wahrscheinlichkeit mit einem Schlag ausgesetzt ist. Sie lässt sich nicht zeitlich strecken, sodass sie weniger wahrnehmbar oder beunruhigend wäre. Diese Zahlenangaben sind abstrakt. Um ihre Bedeutung zu ermessen, bedarf es Vergleichswerte zu anderen, tatsächlichen Risiken.

Wo sonst hat man ein Risiko von 1,45 Prozent, zu sterben? Mathematisch betrachtet: sehr selten. Beim Skydiving zum Beispiel endet nur einer von 220.301 Sprüngen tödlich, laut der US Parachute Association. Man müsste also 3200 Mal mit Fallschirm aus dem Flugzeug springen, um das gleiche Sterberisiko zu haben wie bei COVID-19.

Die Risikowahrnehmung unterscheidet sich, doch der immense Unterschied im IFR-Risiko zwischen den Jungen (unter 25) und den Älteren (über 75) dürfte die Diskussionsgrundlage verkomplizieren. Nach den New Yorker Daten ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Großvater an einer Infektion stirbt, 1000-mal höher als die vom Enkel. Es ist notwendig, dass Kinder in Schulen weiterhin mit Bildung versorgt werden, lernen und gesund bleiben. Glücklicherweise ist deren Sterbewahrscheinlichkeit sehr gering. Doch Schulen und Universitäten zu öffnen hat den hässlichen Nebeneffekt, dass die Bevölkerungsgruppe mit dem niedrigsten Risiko für die Alten, die das höchste Risiko haben, gefährlich werden könnte (wenngleich vieles zur Virusübertragbarkeit unter Kindern noch ungeklärt ist).

Nachdem es in den USA nicht funktioniert hat, einen effektiven Eindämmungsplan durchzusetzen, verbreitet sich das Virus wieder rasant in dem Land. Bei der aktuellen Infektionsrate – 40.000 bestätigte Fälle am Tag (unter Einbezug der Dunkelziffer vermutlich fünf- bis zehnmal so viele) – dauert es nur noch zwei Jahre, bis die meisten Menschen in den Vereinigten Staaten mit SARS-CoV-2 infiziert wurden. Das würde bedeuten, dass das Worst-Case-Szenario eintreten könnte.

Wer sich nun über sein ganz persönliches Risiko sorgt, kann online Werkzeuge finden, die es berechnen, beispielsweise covid19survivalcalculator.com, dem Zahlen der WHO zugrunde liegen. Mittels Altersangabe, Geschlecht, BMI und Gesundheitsangaben wird das Risiko ermittelt. Auch bedacht wird das Infektionsrisiko als solches – je nach Region, Social-Distancing-Vorgaben und Maskenpflicht kann es geringer ausfallen. Immerhin macht das etwas Hoffnung.

(bsc)