Canon EOS R3: Spiegellose Profikamera mit Eye-Control-Autofokus

Die neue Canon EOS R3 möchte die letzten DSLR-Verfechter davon überzeugen, dass spiegellose Kameras nun auch im Profibereich die Nase vorn haben.

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(Bild: Canon)

Von
  • Christine Bruns

Bereits im Frühjahr angekündigt, präsentiert Canon die EOS R3 nun in vollem Umfang. Dass es sich bei der spiegellosen Systemkamera um ein Profimodell handelt, zeigt schon ihr bulliges Gehäuse. Sie möchte vor allem Presse-, Sport- und Wildlifefotografen für sich überzeugen und tritt damit in Konkurrenz zur Sony A9 II, die ebenfalls als spiegellose Profikamera im Ring steht. Doch die EOS R3 will auch die letzte Spiegelreflexhürde nehmen und die Canon EOS 1DX Mark III ablösen.

Um Skeptiker zu überzeugen, schnürte Canon mit der EOS R3 ein umfangreiches Paket, das laut Aussage des Herstellers mehr als 100 Verbesserungen und Neuerungen enthält. Die prominentesten dürften der von Canon neu entwickelte 24-Megapixel-BSI-Sensor (Back-Side-Illuminated) und das lang erwartete Eye-Control sein.

Wer die Canon EOS R3 sieht, denkt automatisch an die bespiegelte Schwester EOS-1D X Mark III. Der im Gehäuse integrierte Akkugriff lässt die Kamera wuchtig wirken. Sie ist jedoch etwas kleiner und leichter als die 1D X Mark III (1015 Gramm mit SD-Karte und Akku).

Das neue Herz der Canon EOS R3, der 24-Megapixel-BSI-Sensor, wurde laut Hersteller auf hohe Geschwindigkeiten optimiert. Die rein elektronische Belichtung soll ohne sichtbaren Rolling-Shutter-Effekt und mit Anti-Flicker arbeiten. Die Kamera liefert mit nachgeführtem Autofokus (AF-C) bis zu 30 Bilder pro Sekunde in Raw. Mit kurzen Belichtungszeiten von minimal 1/64.000 Sekunde sollen Fotografen sogar schnelle Bewegungen wie beim Golf problemlos einfrieren können.

Das Gehäuse der EOS R3 besteht aus einer Magnesiumlegierung, Kühlrippen wurden direkt integriert. Es soll staub- sowie spritzwassergeschützt sein, besitzt jedoch in dieser Hinsicht eine Einschränkung: Dies ist nur dann vollständig der Fall, wenn die Kamera-eigene Abdeckung für den Blitzschuh an Ort und Stelle sitzt. Wer einen Blitz nutzen möchte und auf Wetterschutz angewiesen ist, benötigt auch bei Canon-eigenen Blitzen mit Gummilippen den neuen Blitzaufsatz.

Der Sucher bietet 5,76 Millionen Bildpunkte und 120 Bilder pro Sekunde. Er soll selbst bei schnellen Serien keine sichtbaren Verzögerungen oder Blackouts zeigen. Bei Bildserien von 30 Bildern pro Sekunde reduziert er die gezeigte Bildrate auf 60 Bilder pro Sekunde. Dazu kann er nach Aussage von Canon einen optischen Sucher simulieren.

Das Gehäuse der R3 wurde laut Canon auf vielfältigen auf Kundenwunsch hin mit einem dreh- und schwenkbaren Touchdisplay ausgestattet. In Profikreisen ist ein bewegliches Display umstritten, denn gerade im Sport- und Wildlife-Bereich kommen Kameras häufig mit Schmutz und Feuchtigkeit in Berührung oder müssen Schläge und Stöße aushalten. Bewegliche Displays könnten dabei schnell Schaden erleiden.

Wie die meisten Kameras lässt sich die EOS R3 von der Tastenbelegung vielfach frei an die Bedürfnisse von Fotograf und Aufnahmesituation anpassen. Die Einstellungen sollen auch auf einer SD-Karte gespeichert werden können und lassen sich entsprechend laden.

Die Rückseite der Canon EOS R3 weißt das bekannte Bediensystem von Canon auf.

(Bild: Canon)

Die EOS R3 soll außerdem beim Autofokus gegenüber ihren spiegellosen EOS-R-Familienmitgliedern deutlich zugelegt haben. Canon gibt eine Fokussierzeit von 0,03 Sekunden an. Die Auslöseverzögerung soll standardmäßig auf 50 Millisekunden eingestellt sein, lässt sich aber auf 20 Millisekunden reduzieren. Dazu soll der AF bei bis zu -7,5 LW noch zuverlässig arbeiten.

Das Autofokussystem der EOS R3 wurde zudem um die wiederbelebte Eye-Control-Funktion erweitert, die manche Fotografen noch von analogen Zeiten her kennen. Die Technik dafür will der Hersteller aus seiner Medizinsparte übernommen haben. Eye-Contol soll vor allem zusammen mit dem kontinuierlichen Autofokus zum Motivtracking arbeiten und mit Deep-Learning-Funktionen gekoppelt sein. So ist beispielsweise bei Wettrennen im Sport ein schneller Wechsel zwischen verschiedenen Motiven wie Läufern oder Fahrzeugen möglich. Die bisher bekannten Möglichkeiten, den Fokuspunkt zu setzen oder zu verschieben – etwa über einen Joystick oder den Touchscreen – bleiben parallel erhalten. Der Punkt, an den der Fotograf schaut, ist mit einem Kreis im Sucher sichtbar. Der Autofokus wählt den Punkt jedoch nur an, wenn der Nutzer dies ausdrücklich bestätigt. Verschiedene Tasten am Gehäuse können entsprechend belegt werden.

Eye-Control wird individuell auf den jeweiligen User angepasst. Ein internes Programm hilft, die Sensoren im Sucher zu kalibrieren. Auf mehreren Speicherplätzen können Einstellungen für mehrere User oder einen einzelnen User mit und ohne Brille oder in verschiedenen Lichtsituationen hinterlegt werden. Je öfter für die jeweilige Situation kalibriert wird, desto zuverlässiger soll Eye-Control arbeiten. In einer Pressekonferenz konnten wir dies bei einem Vorserienmodel bereits ausprobieren. Es funktionierte recht gut. Probleme bekommt der Algorithmus bei Gleitsichtbrillen oder beschlagenen Brillengläsern.

Es klang überraschend, doch die EOS R3 soll im Normalfall ausschließlich mit elektronischem Verschluss arbeiten. Der mechanische Verschluss ist jedoch vorhanden und kann ebenfalls genutzt werden.

Dazu wurden die Algorithmen zur Motiv-Verfolgung erweitert. Auto- und Motorradverfolgung, mit der Möglichkeit zwischen Fahrer und Fahrzeug zu wechseln, wurden laut Hersteller speziell für den Motorsport integriert. Dazu will Canon die Kamera mit einer optimierten Erkennung menschlicher Körper bei sportlichen Bewegungen wie rhythmischer Sportgymnastik ausgestattet haben.

Der Akkugriff ist fest im Body integriert.

(Bild: Canon)

Die Canon EOS R3 Bringt wie die EOS 1D X Mark III zwei Speicherschächte mit. Einer eignet sich für SD-Karten, der andere für CF-Express. Fotos und Videos können so parallel auf zwei Karten oder in unterschiedlichen Formaten auf je einer Karte abgespeichert werden.

Profis können ihre Daten per integriertem WLAN (5 GHz), Bluetooth (5.0) oder auch kabelgebunden übertragen. Dabei können laut Canon erstmals Fotos und Videos parallel via App ans Smartphone und per WLAN an voreingestellte FTP-Server übertragen werden. Die Netzwerkeinstellungen können per SD-Karten-Transfer auch an der EOS R5 oder der EOS 1D X Mark III genutzt werden.

Die EOS R3 nutzt die gleichen Akkus wie die EOS 1D X Mark III. Der LP-E 19 kann per USB in der Kamera geladen werden. Optional ist auch ein Betrieb am Stromkabel möglich.

Videos bietet die Kamera in 4k-DCI sowie -UHD bis 120p für Zeitlupen an. Auch 6k-Videos mit 60p Raw sind möglich. Die Aufnahmedauer liegt bei bis zu sechs Stunden. Sind besonders hohe Bildraten (100p/120p) im Spiel, reduziert sich die Dauer auf 1,5 Stunden. Um die Dateigröße zu reduzieren und den Video-Workflow zu beschleunigen, soll die EOS R3 CRM light- oder MP4-Material in All-I, IPB oder der kleineren IPB Light-Option aufzeichnen können. Eine interne 10-Bit-Aufzeichnung soll für einen hohen Dynamikumfang möglich sein.

Der Zubehör-/Blitzschuh auf der Kamera wurde mit neuen Kontakten ausgestattet, die weiteres Zubehör erlauben. Canon selbst bietet neben dem Blitzaufsatz noch ein Stereo-Richtmikrofon DM-E1D an, erlaubt aber auch Fremdherstellern, Equipment zuzuliefern. So bietet beispielsweise Tascam bereits einen XLR-Adapter CA-XLR2d-C für Zweikanalaufnahmen mit professionellen XLR-Mikrofonen an.

Ab November 2021 soll die Canon EOS R3 verfügbar sein und dann 6000 Euro kosten. Auf der Photopia in Hamburg will Canon die Kamera erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

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(cbr)