Chaos bei Twitter: Mastodon wächst und wächst, Freude bei Entwickler

Dem Chaos bei Twitter scheint ein Zustrom zu Mastodon zu folgen. Aktive Nutzergruppen wechseln und die Twitter-Alternative spricht von einem rasanten Wachstum.

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(Bild: T. Schneider/Shutterstock.com)

Angesichts der chaotischen Zustände bei Twitter und der Unklarheiten über die Zukunft des Dienstes, scheinen immer mehr Nutzer und Nutzerinnen die Plattform in Richtung Mastodon zu verlassen. Darauf deuten nicht nur die rasch wachsenden Nutzungszahlen bei der Twitter-Alternative hin, sondern auch Beobachtungen unter besonders aktiven Gruppen. Das US-Wissenschaftsmagazin Science beispielsweise hat zusammengetragen, dass dort immer mehr Forscher und Forscherinnen Accounts anlegen. Auch wer noch nicht vorhabe, Twitter zu verlassen, würde einen Wechsel so zumindest schon einmal vorbereiten. Der Mastodon-Gründer Eugen Rochko sieht seine harte Arbeit endlich gewürdigt.

Laut Science ist in der bislang auf Twitter vertretenen Forschungsgemeinde die Sorge groß, dass die Debattenkultur unter Musks Führung noch einmal schlechter wird. Vor allem die Entlassung von Angestellten und ganzer Teams, die dort gegen Desinformation vorgegangen sind, sehen die als böses Omen. Trotz aller Probleme habe Twitter bislang eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Wissen zwischen der Forschung und der Öffentlichkeit gespielt, meint demnach etwa der Politikwissenschaftler Michael Bang Petersen. Er verweist dabei auf die Coronapandemie. Nun würden sich aber immer mehr nach einer alternativen Plattform umsehen oder überlegen, sozialen Netzen ganz den Rücken zu kehren.

Aktuell würde der Abzug aus Twitter schneller gehen, als von ihm noch vor wenigen Tagen erwartet, ergänzt Casey Fiesler, der an der Universität Colorado solche Migrationen untersucht. Eigentlich glichen diese Prozesse eher dem einer Shopping-Mall, die nach und nach die Geschäfte verliert, zitiert ihn Science. Aber die Geschwindigkeit, mit der Akademiker und Akademikerinnen zu Mastodon strömten, sei anders. Das unterstreiche, dass es für eine Massenabwanderung nicht nur einen Grund zum Gehen brauche, sondern eine unmittelbar verfügbare Alternative. Noch unterhalten viele zwei Accounts auf beiden Plattformen. Abzuwarten bleibt jetzt, ob die Öffentlichkeit folgt. Denn ein großer Vorteil von Twitter war es, dass Forschende nicht nur miteinander, sondern auch mit der Allgemeinheit kommunizierten.

Bei Mastodon (Download) selbst ist der Zustrom spürbar, die Zahl der neuen Accounts und Server steigt gegenwärtig stark an, das Netzwerk hat laut dem Gründer erstmals mehr als eine Million aktive Nutzer pro Monat. Fast die Hälfte davon sei seit dem 27. Oktober hinzugekommen. Anders als bei früheren Zuströmen ist der aktuelle nicht mehr vor allem auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Insgesamt ist die Zahl damit zwar weiterhin deutlich niedriger als bei Twitter, sollten aber wirklich die aktivsten Nutzer und Nutzerinnen wechseln, könnte es dort schnell merklich ruhig werden. Aktuell werden auf Mastodon unter anderem Listen mit Accounts bestimmter Nutzungsgruppen erstellt und geteilt, die bereits gewechselt haben. Auch die Liste der offiziellen Accounts der Bundesrepublik dürfte dann bald wachsen.

Dem US-Magazin Time gegenüber hat Mastodon-Gründer Eugen Rochko unterdessen erklärt, dass es sich sehr gut anfühle, wenn die eigene Arbeit "endlich anerkannt, respektiert und mehr bekannt gemacht wird". Er habe sehr, sehr hart gearbeitet, um zu zeigen, dass man Social Media besser umsetzen könne, als kommerzielle Firmen wie Twitter und Facebook dies tun.

Befürchtungen, dass das verteilte Netz und die dezentrale Struktur keine Gegenwehr gegen rechte Trolle bieten würde, tritt er entgegen. Die einzelnen Server hätten zumeist viel strengere Regeln als Twitter und sollte Hass tatsächlich auftauchen, könnten sich Server dagegen verbünden und die Orte, von denen der kommt, zusammen ausschließen: "Ich denke, man könnte es demokratischen Prozess nennen." Ob und wie diese Vorgaben jeweils aber auch umgesetzt werden, muss sich jeweils pro Instanz zeigen.

Die Idee, dass es reiche, alle Meinungsäußerungen zuzulassen, um die freie Meinungsäußerung zu ermöglichen, sei eine sehr US-amerikanische, erklärt Rochko dem Magazin noch. Das würde einfach zu einem "Sumpf des Hasses" führen. Der deutschen Mentalität sei das sehr fremd, immerhin schreibe unsere Verfassung der Wahrung der Würde die allerhöchste Priorität zu: "Hassrede gehört also nicht zum deutschen Konzept der Meinungsfreiheit." Wenn der neue Twitter-Chef ankündige, dass alles erlaubt ist, dann stimme er dem nicht zu.

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(mho)