Chaotische Zustände nach Ausfall der Covid-19-App in chinesischer Lockdown-Stadt

Ohne den algorithmisch generierten "Gesundheitscode" geht in China gar nichts während der Corona-Pandemie. Im abgeriegelten Xi'an zeigt sich dies dramatisch.

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(Bild: Herr Loeffler/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Seit zwei Wochen befindet sich die chinesische 13-Millionen-Metropole Xi'an im Lockdown. Rund 1800 Coronafälle registrierten die Behörden in der Großstadt in Zentralchina seit dem Ausbruch Mitte Dezember, der als einer der größten im Reich der Mitte seit dem ursprünglichen in Wuhan vor zwei Jahren gilt. Ein lokaler Ausfall des App-basierten Systems für den "Covid-19-Gesundheitscode", das die Bewegungen der Menschen in China streng reguliert, sorgte nun für zusätzliche Verschlechterungen der Situation der Bewohner Xi'ans.

Die in der Stadt eingeschlossenen Bürger dürfen eigentlich nur noch zum Testen und in Notfällen außer Haus. Selbst die zweimalige Möglichkeit zum Lebensmitteleinkauf hatten die Behörden vorige Woche gestrichen. Der Absturz der Covid-App am Dienstagvormittag habe nun aber etwa die Bemühungen der Verwaltung Xi'ans erschwert, neue Infektionsfälle durch Massentests frühzeitig zu erkennen, berichtet der Finanzdienst "Bloomberg". Menschen, die Hilfe in Krankenhäusern suchten, hätten vor großen Hürden gestanden.

Eine schwangere Frau in Xi'an hat Berichten zufolge sogar ihr Baby verloren, nachdem ihr der Zutritt zu einer Klinik verweigert worden sein soll. Sie habe über die Corona-App nicht nachweisen können, dass sie infektionsfrei war. Auf der chinesischen Twitter-Alternative Weibo ging am Dienstag zudem ein Video viral, das eine blutende Frau auf dem Bürgersteig vor einem Krankenhaus im Gaoxin-Bezirk von Xi'an zeigt. Ähnliche Beschwerden und Kritik gab es auch anderswo in den chinesischen sozialen Medien, da Patienten offenbar mehrfach in Krankenhäusern, die mit Infizierten aktuell bereits viel zu tun haben, nicht rechtzeitig behandelt werden konnten.

Der Direktor und Parteichef des Büros für die Verwaltung von Big-Data-Ressourcen in der Stadt, Liu Jun, wurde mittlerweile "wegen schlechter Leistungen" von seinen Aufgaben entbunden, teilten die örtlichen Behörden am Mittwoch laut chinesischen Medienberichten mit. Das zuständige Komitee nannte zwar keinen genauen Grund für seine Entscheidung, aber sie erfolgte, nachdem die App zur Anzeige des Gesundheitscodes erneut versagt hatte. Schon am 20. Dezember war sie zusammengebrochen.

Die Provinzregierung gab als Grund für beide Vorfälle den hohen Datenverkehr an, den die Anwendung zu bewältigen gehabt habe. In dem System werden unter anderem Testergebnisse hinterlegt. Neue Tests sind aber nur möglich, wenn ein entsprechender "Health Code" für den bisherigen Covid-Infektionsstatus vorgezeigt wird. Xi'an ist ein wichtiger Standort für die Produktion von Computer-Chips, die aufgrund der Corona-Situation bereits angepasst werden musste.

Das Auswärtige Amt warnt in seinen aktuellen Reisehinweisen zu China: "Bei Auftreten lokaler Ausbrüche muss in den betroffenen Gebieten kurzfristig mit Verhängung von Ausgangssperren sowie Reisebeschränkungen gerechnet werden." Das Betreten vieler Gebäude, Bahnhöfe, sonstiger eingezäunter Gelände und die ÖPNV-Nutzung "sind teilweise nur mit einer von Stadt zu Stadt unterschiedlichen, auf der App WeChat oder Alipay basierenden Gesundheitsanwendung möglich". Nur wenn diese den korrekten Farbcode generiere, werde der Zugang gestattet. Oft werde bereits bei Einreise in eine andere Provinz oder Stadt die Vorlage des entsprechenden Gesundheitscodes gefordert.

Das Reisen in China könne darüber hinaus die Installation weiterer Apps erfordern, da etwa spezielle lokale Gesundheitscodes gefordert werden, heißt es beim Außenministerium. Die chinesischen Behörden legten großen Wert darauf, "sämtliche Aufenthaltsorte in den letzten 14 Tagen zurückverfolgen zu können".

Die chinesische Regierung veröffentlichte am 9. Februar 2020 eine erste einschlägige Anwendung als "Nahbereichsdetektor". Sie teilte den Nutzern mit, ob sie Kontakt mit einer infizierten oder möglicherweise an Covid-19-erkrankten Person hatten. Das anfangs kleine, mittlerweile deutlich ausgebaute Programm läuft innerhalb bekannter, in China etwa auch zum Bezahlen und für Scoring-Verfahren eingesetzter Apps wie Alipay, WeChat und QQ.

Schier alle chinesischen Städte und Provinzen nutzen diesen Dienst, wofür sie teils angepasste eigene Apps herausgeben. Die Zentralregierung gibt zudem eine eigene digitale Gesundheitseinschätzung über eine solche Anwendung ab, die aber nicht überall anerkannt wird. Im Zentrum steht dabei immer ein per QR-Code aktualisierbarer, nur kurzfristig gültiger Farbcode, der prinzipiell die Dauer einer möglichen Quarantäne signalisiert: Grün steht für keine Isolationspflicht, Gelb für 7 und Rot für 14 Tage. Dieser Corona-Status muss bei vielen Kontrollen am Ein- und Ausgang etwa von größeren Bahnhöfen, U-Bahn-Stationen, Geschäften, Krankenhäusern und Büros vorgezeigt werden.

Wenn Nutzer dort einen QR-Code scannen, öffnet sich die Gesundheitsapp. Im Hintergrund werden dafür etwa die Passdaten und die aktuelle Herkunft von Reisenden analysiert. Die Anwendung kann also erkennen, wo sich ein User zuvor aufgehalten hat. Wie das algorithmische Entscheidungssystem genau funktioniert, verrät die Regierung nicht. Es handelt sich im Wesentlichen um eine Blackbox. Klar ist nur: Wenn die App Rot zeigt, muss sich der Betroffene sofort zwei Wochen lang in Quarantäne begeben. Nur bei Grün ("Kein abnormaler Zustand") wird Einlass gewährt.

Bei der Installation der Programme müssen Nutzer Angaben zu ihrem Gesundheitszustand und möglicher Covid-19-Symptome machen sowie ihre Ausweisnummer und ihren vollen Namen eintippen. Nötig ist auch die Eingabe einer möglichst genauen Chronik, wo man sich in den vergangenen 14 Tagen aufgehalten hat. Die kaum zu umgehenden Apps werden auch in China kritisiert, weil sie eine Vielzahl von Informationen auf zentralen Servern sammeln, darunter persönliche Daten, Standort, aktuelle Kontakte, Gesundheitszustand und Reiseverlauf. Der Großteil der Chinesen akzeptiert den Einsatz der Tracking-Apps im Kampf gegen die Pandemie aber.

Eine Analyse des Software-Codes der von Alibaba herausgegebenen einschlägigen Anwendung "Alipay-Gesundheitscode" durch die New York Times ergab, dass das System nicht nur in Echtzeit entscheidet, ob eine Person ein Ansteckungsrisiko darstellt. Es scheine auch Informationen mit der Polizei auszutauschen und damit eine Vorlage für neue Formen der automatisierten sozialen Kontrolle zu schaffen.

Dem Bericht zufolge sendet ein Teil des Programms mit der Bezeichnung "reportInfoAndLocationToPolice" den Standort der Person, den Namen der Stadt und eine identifizierende Codenummer an einen Server, sobald ein Nutzer der Software Zugriff auf persönliche Daten gewährt. Ein Hinweis darauf erfolge nicht. Nach offiziellen Angaben fungierten Strafverfolgungsbehörden als Partner bei der Entwicklung des Systems. Chinesische Internetkonzerne gäben zwar häufig Daten an die Regierung weiter, selten laufe der Prozess aber so direkt ab wie hier.

Die Analyse ergab ferner, dass jedes Mal, wenn der Code einer Person gescannt wird, zugleich ihr aktueller Standort an die Server des Systems geht. Dies könnte es den Behörden ermöglichen, die Bewegungen von Personen im Laufe der Zeit zu verfolgen. Bei der deutschen Corona-Warn-App mit ihrem anonymisierten Warnsystem auf Bluetooth-Basis erfolgt kein solches Tracking.

Immer wieder beklagen in China lebende Menschen, dass sie die App einer bestimmten Stadt nicht nutzen können oder einen falschen "Health Code" angezeigt bekommen. Viele zweifeln an der Sinnhaftigkeit einschlägiger Apps. In Peking wisse niemand, wer etwa auf einem Großmarkt in einer Provinz mit Neuinfizierten gewesen sei, schreibt das Handelsblatt. Um das herauszufinden, gingen nach wie vor "Nachbarschaftskomitees" von Tür zu Tür und befragten jeden einzeln, ob er dort gewesen sei. Allwissend sei das System hinter den Gesundheitscodes nicht.

Nicht nur der chinesische Menschenrechtsanwalt Xi Yanyi fürchtet, dass durch die Pandemie die staatliche Kontrolle über die Bürger immer weiter zunimmt. Die Nutzer hinterlassen mit den Apps überall digitale Spuren. Xi glaubt laut einem Bericht der Tagesschau, dass die Überwachung weitergeht, auch wenn die Pandemie längst vorbei ist. China sei ein anderes Land geworden.

Die Lokalregierung der Metropole Hangzhou südlich von Schanghai etwa hatte laut der taz schon im Frühjahr 2020 vorgeschlagen, die im Februar eingeführte "Praxis des Gesundheitscodes zu normalisieren". So sollte jedem Bürger künftig via QR-Code nicht nur die Ampelfarbe zugewiesen werden, sondern auch eine Punktzahl von 0 bis 100, die den Gesundheitszustand messbar macht. In Hangzhou haben Alibaba und Tencent ihren Sitz, die auch am geplanten Sozialkreditsystem Chinas mitarbeiten.

Als Startpunkt für den permanenten "Health Code" war dem Bericht zufolge trotz Protesten auf sozialen Medien der Sommer vorigen Jahres vorgesehen. In die Endnote sollten nicht nur Krankenakte und Gesundheitstests einfließen, sondern auch persönliche Daten über den Lebensstil der Bürger wie Alkoholkonsum, Rauchverhalten und das generelle Bewegungsniveau. Die örtlichen Gesundheitsbehörden planten schon damals zudem, mit Big-Data-Analysen auch Gesundheitsprofile für einzelne Wohnanlagen und Unternehmen zu erstellen.

(bme)