China: Extreme Hitzewelle als nächstes Problem für die Lieferketten

Die Menschen in China leiden aktuell unter der wohl schlimmsten Hitzewelle der Geschichte. Vielerorts muss die Industrie bereits Strom sparen.

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(Bild: Elizabeth A.Cummings/Shutterstock.com)

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Die schlimmste Hitzewelle der chinesischen Geschichte setzt nicht nur den Menschen vor Ort zu, sondern dürfte die globalen Lieferketten einmal mehr unter Druck setzen. Infolge der extremen Temperaturen und der Trockenheit sind laut chinesischen Behörden dutzende Flüsse ausgetrocknet, mit schwerwiegenden Folgen für die Stromversorgung. Die hängt beispielsweise in der besonders stark betroffenen Provinz Sichuan erheblich von Wasserkraft ab, gleichzeitig war die Nachfrage nach Strom vor allem für Klimaanlagen in den vergangenen Wochen in die Höhe geschnellt. In mehreren Provinzen wird der Strom deshalb bereits sanktioniert, Firmen in Sichuan sind davon schon seit Juli betroffen. Die Provinz ist auch ein besonders wichtiger Standort der Halbleiterindustrie.

Die Hitzewelle in China dauert inzwischen 70 Tage, es ist die längste seit Beginn der Aufzeichnungen, berichtet CNN. In der Klimageschichte der Welt "gibt es nichts, was auch nur minimal mit dem vergleichbar ist, was in China passiert", ordnet der Wetterhistoriker Maximiliano Herrera die Geschehnisse gegenüber dem New Scientist ein. Die Hitzewelle verbinde eine extreme Intensität mit einer extremen Dauer und betreffe ein riesiges Areal. In der zentralchinesischen Metropole Chongqing mit ihren 30 Millionen Menschen wurde vor wenigen Tagen eine Höchsttemperatur von 45 °C erreicht, nachts sank sie danach nicht unter 34,9 °C. Seit über 20 Tagen ist die Temperatur dort nicht unter 30 °C gefallen. Inzwischen gehen die Bilder der ausgetrockneten Flüsse und Seen Chinas um die Welt.

Um die Ausfälle bei der Wasserkraft aufzufangen, laufen seit Wochen Kohlekraftwerke auf Hochtouren. In Sichuan produzieren die 67 lokalen Kohlekraftwerke gegenwärtig 50 Prozent mehr Strom als ihre geplante Kapazität eigentlich vorsieht, berichten Staatsmedien. Schon seit mehr als einer Woche wird in der Provinz der Strom für die 81 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen sowie die Industrie rationiert. Normalerweise stammen 82 Prozent der Energie aus Wasserkraft. In der zentralchinesischen Provinz Hubei hat der Wasserstand des Jangtse-Stromes den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1865 erreicht.

Das Extremwetter hat auch bereits Folgen für die Landwirtschaft, Zehntausende Hektar an Getreide seien bereits verloren, Hunderttausende in Gefahr, schreibt der New Scientist. Das Landwirtschaftsministerium wolle deswegen Wolken zum Abregnen bringen, ob das tatsächlich hilft, ist unklar. Zusammen mit den Hitzewellen und Dürren in Europa, Nordamerika und Afrika könnte die Hitze in China damit die globale Nahrungsmittelkrise verschärfen, die mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ihren Ausgang genommen hatte. China könne die Verluste aber womöglich mindestens in Teilen durch eigene Reserven auffangen.

Um Strom zu sparen, werden derweil in viele Metropolen Klimageräte heruntergefahren, Lichter und Rolltreppen ausgeschaltet. Die Provinzregierung in Zhejiang erließ Anfang August einen Notfallplan, der die Stilllegung der Produktion von Unternehmen an ein bis zwei Tagen pro Woche vorsah. Zu ähnlichen Maßnahmen kam es in Jiangsu. Davon waren auch deutsche Unternehmen betroffen. In Shanghai beklagten Unternehmen vergangene Woche mehrstündige Unterbrechungen der Stromversorgung. Deutsche Firmen in Sichuan und Chongqing sind bereits seit Juli von Einsparungen betroffen, die zum Teil auch Produktionsstopps bedeuten.

Unter den deutschen Firmen sind besonders Automobilzulieferer von den Produktionsstopps betroffen, erklärt die Deutsche Handelskammer in China. Schon in einer im Januar 2022 veröffentlichten Umfrage hatten 15 Prozent der deutschen Unternehmen in China die mangelnde Verfügbarkeit von Energie als "eine ihrer drei größten operativen Herausforderungen" angegeben. Für Chinas Regierung hat die Versorgung der Privathaushalte und öffentlichen Einrichtungen Vorrang. Wegen der erzwungenen Stilllegungen könnte die angeschlagene Industrieproduktion weiter leiden. Ohnehin kommt die Wirtschaft nach den Lockdowns im Frühjahr nicht wieder in Schwung. Gründe sind nicht nur die anhaltenden Null-Covid-Beschränkungen, die auch die Lieferketten von Global Playern wie Apple bedroht, sondern auch die schweren Krisen im Immobilien- und Bankensektor.

(mit Material der dpa) / (mho)