Chip-Mangel: Automobilindustrie landet in der harten Halbleiter-Realität

Automobilhersteller schnippen mit dem Finger, Chipauftragsfertiger TSMC soll spurten. Kurzfristig funktioniert das aber nicht.

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(Bild: fuyu liu/Shutterstock.com)

Von
  • Mark Mantel

Weltweit – auch in Deutschland – stehen Förderbänder von Automobilherstellern still, weil sie von Zulieferern nicht genügend Siliziumchips für die Produktion erhalten. Sie benötigen beispielsweise immer stärkere Prozessoren beziehungsweise Systems-on-Chip (SoCs) für die Infotainment- und Assistenzsysteme sowie immer mehr Sensoren und Controller zur Ansteuerung.

Der deutsche Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat sich diesen Januar 2021 bei der taiwanischen Regierung für eine Priorisierung von Autochips beim Chipauftragsfertiger TSMC inm Taiwan eingesetzt. Laut der Nachrichtenagentur Reuters hatte zuvor schon die US-Regierung Ende 2020 mit dem gleichen Anliegen in Taiwan angeklopft.

Reuters bestätigt nun, dass Wirtschaftsministerin Wang Mei-hua mit TSMCs Leitung gesprochen hat, um Lieferengpässe zu lockern. TSMC will die Produktion "optimieren", etwa indem man manche Designs auf modernere Fertigungsprozesse verlagert, und zusätzliche Kapazitäten bereitstellen, sofern denn welche verfügbar werden. Zwischen den Zeilen wird klar: Kurzfristig geht nichts.

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Automobilhersteller verringerten vergangenes Jahr kurzfristig ihre Chipbestellungen bei TSMC, weil die Nachfrage aufgrund der Coronavirus-Pandemie sank. Das lässt sich in TSMCs Geschäftszahlen nachverfolgen: Anfang 2020 lag der Anteil am Gesamtumsatz durch "Automotive" bei etwa 4 Prozent, im zweiten Quartal ging er zunächst um 13 Prozent zurück, im dritten Quartal nochmals um 23 Prozent auf anteilig 2 Prozent.

Allerdings stieg der Automotive-Anteil im vierten Quartal 2020 schon wieder erheblich an – um 27 Prozent auf anteilig 3 Prozent. Und das ist nicht selbstverständlich, denn normalerweise verhandelt TSMC genau wie andere Chipauftragsfertiger die Lieferverträge viele Monate im Voraus. Aus dem gleichen Grund kann zum Beispiel AMD nicht beliebig die Kapazitäten erhöhen, obwohl Mangel bei Ryzen-5000-Prozessoren und Radeon-RX-6000-Grafikkarten besteht.

Umsatzentwicklung bei Chipauftragsfertiger TSMC (4 Bilder)

Im ersten Quartal 2020 war noch alles gut: Automobilhersteller machten 4 Prozent von TSMCs Gewinn aus.
(Bild: Taiwan Semiconductor Manufacturing Co., Ltd.)

Reuters zitiert ein ungenanntes Mitglied der taiwanischen Regierung, dass nicht viel für die Automobilbranche zu machen sei. "Sie haben ihre Aufträge aus verschiedenen Gründen zurückgezogen, als die Nachfrage inmitten der Pandemie gering war. Aber jetzt wollen sie ihre Produktion ankurbeln."

Selbst wenn TSMC kurzfristig Kapazitäten freischaufeln könnte (Achtung: Konjunktiv II), würden sich diese erst in den kommenden Monaten in Deutschland bemerkbar machen. Ein Silizium-Wafer benötigt typischerweise mehr als vier Wochen alleine in der eigentlichen Chip-"Fab", bis aus ihm die fertigen Chips geschnitten werden. In der Zeit wird er mehrmals belichtet und geätzt.

Im Anschluss fliegen viele Prozessoren noch quer über die Erdkugel zum sogenannten Test & Packaging, wo die Siliziumchips geprüft und mit einem Träger verheiratet werden, den Elektronik-Hersteller dann auf Platinen löten können. Und schließlich müssen die fertigen Elektronik-Baugruppen noch in die Fertigungswerke der Automobilhersteller transportiert werden.

In den kommenden Jahren will die EU mehr als 100 Milliarden Euro in die heimische Halbleiterfertigung investieren, um sich unabhängiger zu machen. Aber auch hier gilt: Die Entwicklung braucht viel Zeit. Alleine der Bau einer Produktionsstätte beansprucht mehrere Jahre.

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(mma)