Cluster-Erfassung: Neue App ermöglicht Corona-Tracing bei größeren Treffen

Die Anwendung Videmic Tracing speichert Aufenthalte an vielbesuchten Orten im Nutzerprofil und erlaubt so das Nachverfolgen von Infektionen bei Zusammenkünften.

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(Bild: ra2studio/creativeneko/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Das Berliner Start-up Videmic hat eine gleichnamige App zum Nachverfolgen von Corona-Infektionsketten bei größeren Menschenansammlungen im App-Store und in Google Play veröffentlicht. Die mobile Tracing-Anwendung speichert die Aufenthalte an viel frequentierten Orten im Nutzerprofil der App und erlaubt so eine Cluster-Erfassung ohne das Scannen eines QR-Codes, wie es etwa bei der Open-Source-Lösung CrowdNotifier nötig ist. Eine Ortung per GPS ist ebenfalls nicht erforderlich.

Virusinfektionen finden vor allem an Orten statt, wo sich viele Menschen aufhalten. Die Corona-Warn-App (CWA) der Bundesregierung stößt aber genau dort an technische Grenzen: Um Energie zu sparen, "lauscht" sie nur in recht großzügigen Intervallen nach Codes für relevante Begegnungen. Die Abstandsmessung via Bluetooth ist auch nicht sonderlich genau. Anhand der vorgegebenen Parameter würde ein längeres Treffen zudem selbst in einem schlecht gelüfteten Raum nur zu einer geringen Risikoeinschätzung führen, wenn die Personen nicht eng beieinandersitzen.

Im Unterschied zur CWA greift "Videmic Tracing" nicht auf die von Apple und Google in iOS und Android integrierte Schnittstelle für das Covid-19-Benachrichtigungssystem (Exposure Notification Framework) zurück. Sie nutzt zum Aufzeichnen von Begegnungen eine proprietäre Lösung mit Bluetooth und WLAN. Die von diesen Technologien erzeugten Netzzugriffsdaten werden zur annähernden Bestimmung des Standortortes eines Nutzers verwendet.

Dafür wertet die Lösung die Kennungen des WLAN-Hotspots sowie die Bluetooth-MAC-Adresse (Media Access Control) aus. Diese Daten werden im gewöhnlichen Nutzer-Modus nur temporär während eines Aufenthalts bei einer Veranstaltung oder bei einem Videmic-Partner gespeichert und danach gelöscht.

Spannender ist der kostenpflichtige "Kanalmodus", der das vielfach geforderte Clustern beherrscht. Dafür ist ein sechsstelliger, individueller Zugangscode erforderlich. In diesem Modus unterhält die Tracing-App Bluetooth-Verbindungen zu allen anderen iPhones und Android-Geräten in der Nähe, auf denen die Anwendung installiert ist. Nutzer müssen sich zudem erfolgreich angemeldet haben. Zusätzlich betreibt die App zum Clustern einen temporären WLAN-Zugangspunkt etwa in einem Hörsaal oder an einem Messestand. IP-Adressen werden dabei nur zeitweise während einer Datenübertragung aufbewahrt.

Der Kanalmodus ist momentan nur auf Android-Smartphones aktivierbar. In diesem Fall sendet die App zum Aufzeichnen von Standortdaten per Bluetooth und über den temporären WLAN-Zugangspunkt den eingestellten Nicknamen beziehungsweise die "Location" an alle Smartphones in der Nähe. Diese speichern diese Informationen, wenn sich ein Nutzer länger als fünf Minuten an dem Ort aufgehalten hat. So können aus den erhobenen Standortdaten die Begegnungsinformationen zwischen Personen in räumlicher Nähe implizit und dezentral über die Mobiltelefone bestimmt werden.

Die Warnung erfolgt analog zum Ansatz der CWA nach Bezug einer Tele-TAN durch Veröffentlichung eines Codes, der für externe Dritte keine verwertbaren Informationen enthält. Aufgrund der Unabhängigkeit von Apple und Google kann die Übertragung personenbezogener Daten ausschließlich über Server in Deutschland erfolgen. Ferner speichere die App – wie die CWA – keine personenbezogenen Daten zentral, erklärte Videmic-Geschäftsführerin Silvia Wallner gegenüber heise online. Nach 14 Tagen würden die auf den Smartphones der Besucher gespeicherten Daten automatisch gelöscht.

Videmic Tracing sei speziell für Veranstaltungen wie Film- und Musikfestivals, Messen, Konferenzen, Schulen und Universitäten sowie für Unternehmen geeignet, betont Wallner. Die App könne aus der digitalen Besucherliste die Personen mit Risikobegegnungen ausfiltern und benachrichtigen. Dies würde die Gesundheitsämter enorm entlasten.

Eine Datenschutz-Folgenabschätzung hat die Firma nicht durchgeführt. Für die Annahme in den App-Stores habe die Anwendung bei den Betreibern aber "einen rigorosen Begutachtungsprozess durchlaufen", meinte Wallner. Dabei hätten Aspekte zum Absichern der Privatsphäre der Nutzer eine wichtige Rolle gespielt.

Premiere feierte Videmic Tracing im Dezember bei der Weihnachtsvorlesung der Universität Bayreuth, einer hybriden Veranstaltung mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Die Hochschule verwendete die App dabei fürs Location-Tracking und Live-Aufzeichnungen. Ursprünglich sollten 90 Personen im Audimax anwesend sein. Die Zahl sei angesichts der kurz vor dem Termin verschärften Corona-Maßnahmen aber noch einmal reduziert worden, berichtete die Chefin des Start-ups. Online hätten über tausend Teilnehmer die Vorlesung mit der Videmic-Lösung sowie per Zoom verfolgt.

Die Anwendung ist für Besucher von Veranstaltungen kostenlos. Organisatoren können sie im erweiterten Modus für die automatische Kontaktnachverfolgung sowie die Produktion von Live-Aufnahmen nutzen. Die Kosten dafür sind abhängig von der Größe und Dauer der Veranstaltung. Details dazu nannte Wallner nicht.

(tiw)