Computermodell zeigt zerstörerisches Potenzial von sozialen Netzen

Experten warnen davor, dass die Polarisierung der Gesellschaft durch Social Media einen irreversiblen Kipppunkt erreichen könnte.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 91 Beiträge

(Bild: Wachiwit/Shutterstock.com)

Von
  • Wolfgang Stieler

Ein interdisziplinäres Team aus Soziologen und Physikern hat ein Computermodell entwickelt, um den stetigen Anstieg der politischen Polarisierung zu analysieren. Das Multi-Agenten-Modell soll insbesondere klären, welche Rolle soziale Medien dabei spielen. Die Studie "Modeling the emergence of affective polarization in the social media society", die die Forschenden jetzt in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht haben, zeichnet ein pessimistisches Bild: Laut dem Modell gibt es Kipp-Punkte, ab denen die gesellschaftliche Polarisierung irreversibel wird.

Bislang galt der Echo-Kammer-Effekt als eine gängige Erklärung für politische Polarisierung in sozialen Medien: Weil User in sozialen Netzwerken bevorzugt Inhalte konsumieren, die ihrem Weltbild entsprechen, würde sich ihre politische Meinung weiter verfestigen – so die Theorie. Dieser Ansatz ist allerdings umstritten, denn soziale Netze sind in der Regel nicht die hauptsächlichen Nachrichtenquellen vieler User. Ihr Effekt ist daher viel kleiner als zunächst vermutet. Zudem gibt es Untersuchungen, die einen paradoxen Befund zeigen: Setzt man User gezielt möglichst fremden, konträren Meinungen aus, werden ihre politischen Positionen nicht offener und flexibler, sondern sie verhärten sich noch.

Der Soziologe Petter Törnberg von der Universität Amsterdam und seine Kollegen aus Deutschland, Italien und Schweden gehen daher davon aus, dass politische Polarisierung ein Effekt ist, der mit dem zunehmenden Einfluss politischer Identitäten zu erklären ist. Nach diesem Erklärungsansatz sind politische Debatten keine rationalen Diskussionen über politische Meinungsverschiedenheiten mehr. Sie gleichen vielmehr einem Kampf zwischen verfeindeten Stämmen, bei dem es wichtiger ist, wer zur In-Group und wer zu den "Anderen" gehört als wer welche Argumente vorbringt.

Mehr von MIT Technology Review Mehr von MIT Technology Review

Wie stark die jeweilige politische Identität ausgeprägt ist, ist demnach von den Interaktionen mit Gleichgesinnten abhängig. Hat man hingegen viel mit Menschen verschiedenster Gruppen zu tun, wird die Bindung an die Gruppenidentität schwächer. Um die Theorie zu überprüfen, entwickelten die Forschenden ein Computermodell zur Untersuchung der gesellschaftlichen Dynamik von Identität und politischer Polarisierung. Darin interagieren Software-Agenten jeweils mit zufällig ausgewählten anderen Agenten aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und mit anderen Agenten, deren politische Identität ihrer ähnlich war – die sie also nach ihrer Präferenz aus dem Gesamtpool aller Agenten kontaktiert hatten. Aus der Summe aller Interaktionen errechnet sich dann in jeder Zeiteinheit des Modells, ob sich die Bindung an die politische Identität verstärkt, abschwächt, oder gar ob die Identität komplett wechselt.

Bei der Untersuchung der Dynamik des Modells stieß das Team auf Kipppunkte – Polarisierungsgrade, die Rückkopplungsschleifen auslösen, die zu einer ausufernden dauerhaften politischen Polarisierung führen. Darüber hinaus zeigt das Modell sogenannte "Hysterese"-Effekte – das heißt, selbst wenn sich die Bedingungen so ändern würden, dass es sehr viel schwerer wäre, radikale Gruppen in sozialen Medien zu finden, würde die Polarisierung nicht wieder unter einen bestimmten Wert sinken. "Genau wie der Klimawandel kann auch die politische Polarisierung auf unvorhersehbare und gefährliche Weise reagieren", erklärt Törnberg, der Hauptautor der Studie.

Um die Polarisierung wieder zu verkleinern, müssten die separaten Gruppen sich einigen, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. "Früher wurde diese Aufgabe durch die Massenmobilisierung erfüllt, die die fordistische Gesellschaft der Moderne kennzeichnete, zum Beispiel durch groß angelegte Kriege", schreibt Törnberg. "Heute, in einer postmodernen, fragmentierten Gesellschaft, ist es weniger klar, wie ein solches Zusammenkommen umgesetzt werden könnte. Vor etwa zwei Jahren war eine gängige Antwort der Forscher, dass ein großes, gemeinsames Problem – wie eine globale Pandemie – eine Lösung bieten könnte. Das scheint leider nicht geholfen zu haben“. Auch wenn er grundsätzlich nicht auf eine technische Lösung des Problems setze, sei er sich jedoch sicher, "dass es durchaus möglich wäre, eine entpolarisierende Form der sozialen Medien einzuführen."

Lesen Sie auch

(wst)