CoraLibre: Die Corona-Warn-App ohne Google-Dienste

Die Darmstädter App-Schmiede cosee arbeitet an einer Fork der offiziellen Corona-Warn-App, die ohne Google Play Services auskommen soll.

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(Bild: CoraLibre-Projekt)

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  • Fabian A. Scherschel

Die Corona-Warn-App (CWA), die im Auftrag der Bundesregierung von SAP und der Deutschen Telekom entwickelt wurde bzw. wird, braucht auf Android bekannterweise die Google Play Services, um zu funktionieren. Das bedeutet, dass in Deutschland schätzungsweise mehrere Millionen Menschen die CWA nicht installieren können, da ihr Smartphone diese Voraussetzung nicht erfüllt.

Dabei handelt es sich aber nicht nur um Menschen, denen ihre Privatsphäre besonders wichtig ist und die deswegen alle Google-Dienste aus Android entfernt haben, sondern zum Beispiel auch um alle Kunden des chinesischen Herstellers Huawei, der auf Grund von rechtlichen Vorgaben der US-Regierung Googles Dienste nicht nutzen darf. Um dieses Problem zu lösen, entwickelt eine Gruppe von Entwicklern rund um die App-Schmiede cosee GmbH aus Darmstadt die Open-Source-App CoraLibre – eine Fork der offiziellen CWA, die auf Android-Handys ohne Google laufen soll.

Zwar hatte Google kurz nach der Vorstellung der zusammen mit Apple entwickelten Contact-Tracing-API versprochen, sich darum zu kümmern, dass diese irgendwann ohne Play Services auskommt, eine große Priorität scheint das allerdings nicht zu haben. Auf entsprechende Anfragen zu diesem Thema antwortet der Konzern dann auch nicht einmal. So scheint es bei den Open-Source-Entwicklern zu liegen, dafür zu sorgen, dass mehr Menschen die Android-Version der CWA nutzen können. Und das ist keine kleine Aufgabe. Im Gespräch mit heise online erklärten uns die cosee-Entwickler, wie genau die Corona-Warn-App ohne Google funktioniert.

Google hat seine Umsetzung der Contact Tracing API deshalb in die Play Services integriert, um diesen Bestandteil des Betriebssystem außerhalb der normalen Betriebssystem-Updates aktualisieren zu können. Da bekanntlich ein signifikanter Anteil aller Android-Geräte Updates nur sehr spät oder gar nicht erhält, ist das auch erst mal sinnvoll. Allerdings bedeutet das für die CoraLibre-Entwickler, dass sie die Google/Apple-API von Grund auf neu implementieren müssen. Und damit nicht genug. Weil die Play Services auch für Hintergrund-Aktivitäten von Android-Apps zuständig sind, mussten sie außerdem einen eigenen Mechanismus entwickeln, der ihre App im Hintergrund aktiv hält. Das war ein Problem von sehr frühen Contact Tracing Apps, wie etwa von TraceTogether aus Singapur, die im Vordergrund laufen mussten, um zu funktionieren und deswegen in realen Einsatzsituationen im Alltag als ziemlich ineffektiv galten. Die cosee-Entwickler lösen das mit einer Notification in der Status Bar von Android, die den Hintergrund-Prozess zum Austausch der Bluetooth-Daten am Leben halten soll.

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Das CoraLibre-Projekt besteht aus zwei separaten Teilen: Einem SDK, welches die Umsetzung der Contact-Tracing-API darstellt, und der eigentlichen Applikation. Bei der Applikation handelt es sich um eine Fork der CWA, welche den Code aus dem Upstream-Projekt von SAP und Telekom so modifiziert, dass er mit dem CoraLibre-SDK zusammenarbeitet. Die CoraLibre-Entwickler hatten zuerst versucht, ihren Code direkt Upstream im CWA-Projekt unterzubringen, allerdings wurden eingereichte Themen erst einmal hinten angestellt, da die CWA-Entwickler unter Zeitdruck standen. Dementsprechend betreiben sie nun ihren eigenen Fork, dessen Code sie möglichst wenig abändern wollen. Entsprechende Modifikationen kommunizieren sie nach eigenen Angaben so früh wie möglich an die Upstream-Entwickler zurück. Ziel des CoraLibre-Projektes ist, am Ende eine App zu haben, die möglichst genauso funktioniert wie die offizielle App der Bundesregierung, nur halt auf Android-Geräten ohne Play Services.

Die App könnte potenziell Millionen weitere Bürger am Contact Tracing beteiligen. Da von Politikern und Experten immer wieder betont wird, wie wichtig es ist – auch gerade jetzt bei täglich rapide ansteigenden positiven SARS-CoV-2-Tests in der Bevölkerung und der damit einhergehenden Überlastung der Gesundheitsämter –, dass möglichst viele Bürger am mobilen Contact Tracing teilhaben, scheint das ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Vor allem könnten damit Segmente der Bevölkerung erreicht werden, die bisher zu großen Teilen nicht am digitalen Contact Tracing beteiligt sind.

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Bisher ist CoraLibre allerdings noch nicht bereit für den alltäglichen Einsatz und liegt nur als Testversion vor, die man manuell installieren muss und nur auf Testgeräten zum Einsatz kommen sollte. Die Entwickler hoffen allerdings, in den nächsten paar Wochen eine Version der App in Googles Play Store veröffentlichen zu können. Das Projekt wird zum Teil aus öffentlichen Geldern gefördert, unter anderem von der hessischen Landesregierung. Die cosee-Mitarbeiter freuen sich allerdings auch sehr über die Unterstützung anderer Open-Source-Entwickler. Interessenten, die Erfahrung mit Android-Entwicklung haben, können sich auf GitHub an der Entwicklung der App beteiligen.

(fab)