Corona: BioNTech, der SARS-CoV-2-Virus, die Impfstoffe und die Impflandschaft

Ein kleiner Überblick über die wichtigsten aktuellen SARS-CoV-2-Impfkandidaten und ein paar Betrachtungen zur "englischen" Mutation

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(Bild: creativeneko / Shutterstock.com)

Von
  • Andreas Stiller
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Am Montag ist die EU-Kommission der Empfehlung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA gefolgt und hat den ersten SARS-CoV-2-Impfstoff für sofort zugelassen. Ähnlich haben dies zuvor schon die entsprechenden Gesundheitsbehörden in Großbritannien, Kanada und in den USA ebenfalls für den Impfstoff BNT162b2 von BioNTech/Pfizer durchgeführt, allerdings in einer beschleunigten und weniger gründlichen Notfallzulassung.

Die Aufregung um die südenglische Mutation B.1.1.7 hat an diesem Termin nichts geändert, genauso wenig an den Impfplanungen in Deutschland, nur eben, dass es jetzt nach Weihnachten mit ein paar ersten Impfungen auch wirklich losgehen soll.

Und nein, nicht die Ansteckungsrate (Transmissibility) könnte bei B.1.1.7 um 70 Prozent höher liegen, wie der nur selten gut informierte britische Premier Johnson vermeldete. Und sie liegt schon gar nicht beim 70-fachen, wie es ARD-Moderator Fritz Frey im ARD-Extra unwidersprochen in den Raum stellte.

Beim Meeting der Corona-Taskforce "NERVTAG" am 18. Dezember sprachen die britischen Wissenschaftler vielmehr von einer "Growth rate from genomic data" von 71 % des Virus. Das beschreibt, welche Virusvariante sich gegenüber den anderen bei der Verbreitung durchsetzt. Die eigentliche Ansteckungsrate, ausgedrückt in dem Basisreproduktionsfaktor R0, steigt mit B.1.1.7 aber auch, sie könnte nach ihren Schätzungen von aktuell etwa 3,5 um 0,39 bis 0,93 Punkte steigen, also um 11 bis 27 Prozent – das ist schon ein kleiner Unterschied zu Boris Johnson und ein etwas größerer zu Fritz Frey, aber dennoch unbehaglich.

Für die Impfung wirkt sich dieser Wert ebenfalls aus, so verschiebt sich die zur Herdenimmunität nötige Quote auf 80 Prozent (1 - 1/R0). Das würde nach heutigem Stand allein Italien schaffen, in Deutschland ist die Impfwilligkeit auf etwa 48 Prozent gesunken – doch vermutlich gibt es unter den Neinsagern noch viele, die nur nicht gleich am Anfang dabei sein wollen.

Die englische Mutation B.1.1.7 hat sich sehr weit von der Wurzel entfernt

(Bild: https://virological.org/t/preliminary-genomic-characterisation-of-an-emergent-sars-cov-2-lineage-in-the-uk-defined-by-a-novel-set-of-spike-mutations/563)

Die ungewöhnlich "starke" Mutation des "englischen Virus" könnte sich aber auch auf die Impflandschaft und die Trefferquote aktueller PCR-Tests auswirken, hat sich doch einiges an wichtigen Genen (und damit an den Aminosäuren der Proteine) geändert. Ob etwa der frisch zugelassene BioNTech-Impfstoff davon betroffen ist, ist allerdings nach Aussage von BioNTech-Chef Sahin eher unwahrscheinlich.

Sehr hilfreich könnte es gewesen sein, dass sich BioNTech im Laufe der klinischen Erprobung für BNT162b2 und nicht für BNT162b1 entschieden hat, denn b2 sorgt für eine komplette Produktion des aus 1270 Aminosäuren bestehenden Spike-Proteins (von denen B.1.1.7 jetzt 2 eliminiert und 8 geändert hat). B1 ist kleiner und vermutlich etwas stabiler, umfasst aber nur einige Teilbereiche, die sogenannten optimierten Rezeptorbindungsdomänen (RBD). Aber andere Impfstoffe in der Pipeline, die sich nur auf solche Domänen kaprizieren, könnten stärker betroffen sein.

Damit man den BioNTech-Impfstoff besser in die gesamte Landschaft einordnen kann, wird in diesem Beitrag der aktuelle Stand der Impfstoff-Entwicklung ein bisschen ausführlicher beleuchtet. Einen guten, noch weit tieferen Einblick in die Materie bietet die Zusammenfassung von drei indischen Pharmakologen in dem umfangreichen Paper "COVID-19 vaccine: A recent update in pipeline vaccines, their design and development strategies". Dabei gehen die Forscher sogar, wenn auch nur kurz, auf Studien im Umfeld von indischem Ajurveda und traditioneller chinesischer Medizin (CTM) im Zusammenhang mit Immunverstärkung und COVID-19-Abschwächung ein. So wird dem aus rund 15 edlen Kräutern zusammengemischten Kabasura Kudineer (das online zu Fantasiepreisen erhältlich ist) nachgesagt, dabei zu helfen, den häufigen Geruchs- und Geschmacksverlust bei einer Covid-Infektion schnell wieder zu revidieren.

Doch angesichts des Tempos der Entwicklung ist auch diese Arbeit mit ihrem Veröffentlichungstermin vom 25. November schon etwas veraltet – die Autoren gingen zum Beispiel von einer Zulassung für den BioNTech-Impfstoff BNT162b1 aus, das Rennen machte aber, wie erwähnt, BNT162b2.

Mehr Infos rund um das Coronavirus

Aktuell, das heißt hier zumindest der Stand vom 17. Dezember. Zu diesem Zeitpunkt waren der WHO 222 Projekte gemäß des "COVID-19 - Landscape of novel coronavirus candidate vaccine development worldwide" gemeldet. 56 davon befinden sich in unterschiedlichen Phasen bereits in der klinischen Erprobung, 166 sind noch in der vorklinischen Entwicklungsphase. Das WHO-Phasenmodell der klinischen Erprobung unterteilt sich dabei in drei Hauptphasen, wobei auch zwei Phasen kombiniert sein können.

  • Vorklinisch (Labor, Tierexperimente): 166 Kandidaten
  • Phase 1: (Dutzende von Tests an Probanden, primäre Zielrichtung Sicherheit)  22 Kandidaten
  • Phase 1/2: 16 Kandidaten
  • Phase 2: (Hunderte Tests, primäre Zielrichtung Sicherheit und Immunilogenität) 4 Kandidaten
  • Phase 2/3: 3 Kandidaten
  • Phase 3: (Tausende Tests, üblicherweise Blindtests, hälftig mit Placebos. Primäre Zielrichtung Sicherheit und Effizienz) 11 Kandidaten
  • Phase 4: (Vorläufige Registrierung, dann nach mehreren Jahre mit ausführlichem Sicherheitsmonitoring die volle Registration)

Viele Forschungseinrichtungen haben dabei gleich mehrere Kandidaten in unterschiedlichen Phasen im Rennen.

Mit einer wirklich abgeschlossenen Phase 3 kann allerdings noch niemand aufwarten, auch BioNTech nicht. Die Firma hat in der Datenbank für klinische Studien ClinicalTrials.gov als geschätzten vorläufigen Termin den 30. Juli 2021 eingetragen, abgeschlossen soll diese Studie mit 43.000 Probanden Ende Januar 2023 sein. Das ist also noch lange hin, doch so lange wollte niemand warten, nicht einmal die EMA. Angesichts der extremen Vorläufigkeit und des "Schweinsgalopps" in "Warp Speed" kann man aber schon verstehen, dass sich die Behörde wenigstens ein wenig Zeit für die Prüfung nehmen wollte. Für eine EU-Behörde hat die EMA jedenfalls ausgesprochen schnell reagiert.

Die EU und auch der deutsche Gesundheitsminister haben sich zudem viel Kritik mit den nicht restlos ausgeschöpften Vorbestellkontingenten eingehandelt – doch auch da sollte man ein wenig differenzieren. Kaufen um jeden Preis muss nicht die beste Lösung sein. Und die Preise sind ja inzwischen durchgesickert, sie liegen von 18 € pro Dosis bei Moderna, 12 € bei BioNTec bis hinab zu 1,80 € bei AstraZeneka. Das sind schon große Unterschiede. Und mit größeren Mengen preiswerterer Impfstoffe kann man selbst bei geringerer Effizienz vielleicht mehr erreichen, als mit kleineren Mengen hocheffizienter Vakzine. Genau das steckt auch hinter der russischen Idee, eine preiswertere Light-Version ihres Sputnik-5-Impfstoffes herauszugeben. Und jetzt muss man ohnehin erst einmal sehen, wie die Impfstoffe mit der neuen "Großmutation" zurechtkommen.