Corona-Pandemie: Frühe Hotspots in Europa vorab auf Twitter erkennbar

Anhand von Tweets hätte man schon vorab sagen können, wo sich die ersten Hotspots von Covid-19 in Europa bilden würden. Das legt eine Analyse nun nahe.

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(Bild: creativeneko / Shutterstock.com)

Von
  • Martin Holland

In West- und Mitteleuropa wurden vor einem Jahr genau dort besonders häufig über "Lungenentzündung" und "trockenen Husten" getwittert, wo sich wenig später die ersten Hotspots der Corona-Pandemie bilden sollten. Das haben eine Forscherin und drei Forscher aus Italien ermittelt und meinen, dass ihre Arbeit als Vorbild für künftige Bemühungen dienen könnte, um Gefahren für die öffentliche Gesundheit früher zu erkennen. Ihre Studie würde erstmals derart deutlich nachweisen, mit welch großer Verspätung das Virus in vielen europäischen Staaten nachgewiesen wurde. Lediglich in Deutschland sei im Winter 2019/2020 nicht vermehrt über "Lungenentzündung" getwittert worden.

Die Wissenschaftler haben ihre Analyse nun im Fachmagazin Scientific Reports veröffentlicht, ein Jahr nachdem in der chinesischen Metropole Wuhan ein strikter Lockdown verhängt wurde und der Ernst der Lage immer deutlicher wurde. Wie sie erklären, haben sie für ihre Arbeit eine Datenbank von Tweets in den sieben meistbenutzten Sprachen der Europäischen Union (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch und Niederländisch) erstellt, die zwischen dem 1. Dezember 2014 und dem 1. März 2020 abgesetzt worden waren. Die haben sie dann bestmöglich aufgeräumt, um Effekte zu vermeiden, die bei der anschließenden Analyse des vergangenen Winters zu Fehleinschätzungen führen könnten.

Wie sie nun bilanzieren, zeigen die Tweets zu dem jeweiligen Begriff für "Lungenentzündung" in allen untersuchten Sprachen – außer Deutsch – statistisch signifikante Unterschiede, wenn es um die ersten Wochen des Jahres 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geht. So sei der Anstieg der Benutzung des Begriffs in Italien in diesem Zeitraum deutlich stärker, als ein Jahr zuvor. Ähnlich sieht es in Frankreich aus. Spanien, Polen und das Vereinigte Königreich hätten eine Verzögerung von etwa zwei Wochen, erklären sie weiter. Dank der Geolokalisierung von Tweets konnten die Forscher demnach außerdem ermitteln, dass die Mehrheit der über "Lungenentzündung" twitternden Nutzer zu diesem Zeitraum tatsächlich aus Regionen kamen, die später besonders stark getroffen wurden: der Lombardei, Madrid, dem Ballungsraum Paris und England.

Die Ergebnisse haben sich demnach bestätigt, als sie statt nach den jeweiligen Begriffen für "Lungenentzündung" nach "trockener Husten" gesucht hätten. Beide Begriffe haben sie gewählt, weil die Krankheit zuerst keinen Namen hatte und sie Berichte über die Ereignisse in China ausschließen wollten. Ihrer Meinung nach könnte ihr Vorgehen als Beispiel dafür dienen, wie man in einer frühen Phase einer Epidemie beziehungsweise Pandemie herausfinden könnte, wo eine Krankheit bereits grassiert. Sollte eine irgendwie geartete Überwachung sozialer Netze die Effektivität von Maßnahmen zur Gewährleistung der öffentlichen Gesundheit verbessern, müssten aber Datenschutzregeln und die Bürgerrechte gewahrt bleiben, fordern die Forscher noch.

(mho)