Corona-Pandemie: Robert Koch-Institut will eine App für alles

Die Bundesbehörde für Infektionskrankheiten plant, Anwendungen wie die Corona-Warn- oder Datenspende-App zu bündeln und ein KI-Zentrum zu errichten.

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(Bild: Elizaveta Galitckaia / Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Das Robert Koch-Institut (RKI) liebäugelt im Kampf gegen die Corona-Pandemie und künftige weitere Epidemien mit einer Universal-App. Man habe in den vergangenen neun Monaten in diesem Bereich teils "in Lichtgeschwindigkeit" viele "unterschiedliche Produkte realisiert", erklärte Patrick Schmich, Leiter des Fachgebiets Epidemiologisches Daten- und Befragungszentrum bei der Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten am Dienstag.

Sein Wunsch sei es nun, diese Online-Anwendungen "in Form einer App zusammenzuführen". Über so ein Schweizer Messer für die digitale Epidemiologie könnte das RKI etwa Warnungen gezielter aussprechen, einen direkten Kanal zur Bevölkerung aufbauen und diesen auch als Informationsquelle nutzen, führte Schmich auf dem "Innovationssymposium Künstliche Intelligenz" (KI) des "Behörden-Spiegel" in Berlin aus.

Weiter wäre es über so ein Werkzeug möglich, "Orientierungsempfehlungen" auszusprechen und Befragungselemente zu integrieren. Mit dem gebündelten Ansatz könnte das RKI zudem alle unterschiedlichen Anforderungen auch über die aktuelle Pandemie hinaus erfüllen, zeigte sich der Projektmanager zuversichtlich. Dies hälfe zugleich, "die Arbeit aus dem letztem Dreivierteljahr nachhaltig zu machen".

Die bekannteste Anwendung, die in das Vorhaben einflösse, ist die Corona-Warn-App (CWA) der Bundesregierung. Diese dürfte im voraussichtlich "sehr unruhigen" Herbst angesichts steigender Fallzahlen von Coronavirus-Infektionen "ihre Fähigkeiten noch weiter ausspielen", ist sich Schmich sicher. Sie werde die Gesundheitsämter beim Nachverfolgen von Ansteckungen dann noch besser unterstützen. Einer der Vorteile für die derzeit gut 18 Millionen Nutzer bestehe darin, dass sie ihr Testergebnis mit einem QR-Code relativ schnell bekämen.

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Die Behelfslösung mit einer TeleTAN habe sich weitgehend erledigt, 90 Prozent der Labore seien mittlerweile digital ans Gesundheitsnetz angeschlossen. Ganz zufrieden ist der Insider mit der CWA aber noch nicht: Beim Abstandsmessen über Bluetooth "sind wir auf die Unterstützung von Apple und Google angewiesen", gab er zu bedenken. Es sei derzeit auch gar nicht möglich, die Lösung "über einen staatlichen App-Store" zu verbreiten. Die Bundesregierung sollte daher versuchen, sich auf diesem Feld generell eine eigene Position zu erarbeiten.

Bedauerlich sei ferner, dass das RKI Erkenntnisse aus der CWA wegen des dezentralen Ansatzes nicht "weiternutzen" könne. Eine "Überwachungs-App" etwa mit GPS-Tracking habe in Deutschland aber nie zur Debatte gestanden. Schon etwas früher an den Start gegangen war im April die Corona-Datenspende-App. Sie soll es ermöglichen, vor allem innerhalb einer Grippesaison frühzeitig mithilfe etwa von Fitness-Armbändern Fieber und den Verlauf einiger Infektionskrankheiten zu detektieren. Auf Anhieb hätten 500.000 Interessierte die Anwendung heruntergeladen, freute sich Schmich. Seitdem sind aber nur 29.281 weitere Nutzer dazugekommen.

Aus ihrem Ruhepuls und Bewegungsdaten erstellt das RKI zusammen mit wissenschaftlichen Partnern ein Profil mit Hinweisen, dass eine Fieberwelle entstehen könnte. Seit Ende August ist dazu auch auf Basis vieler Millionen Datenpunkte eine Deutschlandkarte online.

Zusammen mit der Berliner Charité hat das RKI zudem einen intelligenten Fragebogen entwickelt, mit dem man Symptome auf Covid-19 checken kann. Die auf dieser Basis herausgegebene CovApp prüft die Wahrscheinlichkeit einer Infektion und gibt anhand der Angaben des Anwenders Tipps für das weitere Vorgehen.

Es handle sich um ein "primäres Element, um die Bürger mit Grundinformationen zu versorgen", erläuterte Schmich. Man habe auch versucht, dies von Anfang an über einen Chat-Bot umzusetzen, was aber jüngst erst mit externer Hilfe gelungen sei.

Neben dem Divi-Register zur Anzeige freier Intensivbetten in Echtzeit ist ferner etwa auch eine "Corona Health"-App entstanden. Wissenschaftler der Universitäten Würzburg, Ulm und Regensburg wollen damit zusammen mit dem RKI die Folgen und den Umgang der Menschen mit der Pandemie international untersuchen. Ziel ist es herauszufinden, welche langfristigen Effekte Kontaktbeschränkungen und andere Covid-19-Maßnahmen auf die psychische und körperliche Gesundheit sowie auf die Lebensqualität haben. Insgesamt entstehen so laut Schmich "gigantische Daten, die wir nicht mit herkömmlichen statistischen Methoden verarbeiten können".

Dirk Brockmann, Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität und Leiter der Forschungsgruppe "Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten“ am RKI, habe daher mit seinem Team KI-Techniken wie Maschinenlernen eingebunden. Nötig seien aber mehr "Werkzeuge, um Korrelationen zwischen Feldern zu erfassen, von denen wir aktuell noch gar nichts wissen". Seit etwa einem Jahr ist daher die Idee im Spiel, eine Zweigstelle als Zentrum für KI im brandenburgischen Wildau zu gründen, berichtete der Wissenschaftler. Dieses solle sich auf Bereiche wie Verhaltens- und Bildanalyse oder molekulare Überwachung fokussieren, damit das RKI die verfügbaren Daten nicht nur "für zehn Jahre in Laufwerk" habe. Wichtig seien etwa schnelle Visualisierungen, um Informationen schneller an entsprechenden Stellen zu bekommen.

(kbe)